Deutsche Unternehmen vollziehen überraschenden Kurswechsel

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VZ Analyse

Während die Politik in Europa und den USA die strategische Entflechtung vorantreibt, steuert die deutsche Wirtschaft in eine andere Richtung. Aktuelle Daten offenbaren eine Kehrtwende bei milliardenschweren Investitionsströmen.

Publiziert 3. Febr. 2026

Autor

Patrick Herger

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

In den europäischen Regierungszentralen – allen voran in Deutschland – wird derzeit viel über ein "De‑Risking" gegenüber China und über mögliche handelspolitische Zugeständnisse an die USA diskutiert. Doch die Bilanzen der deutschen Industrie erzählen eine ganz andere Geschichte. In den Chefetagen von Wolfsburg bis Ludwigshafen vollzieht sich eine leise, aber tiefgreifende strategische Neuorientierung – und die führt nicht über den Atlantik, sondern direkt nach Osten.

Laut Daten der Bundesbank und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) flossen zwischen Januar und November 2025 rund 7 Milliarden Euro an zusätzlichen deutschen Direktinvestitionen nach China. Das ist ein Anstieg von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit fünf Jahren.

Investitionsrückgang in den USA

Im Gegensatz dazu verzeichnen die USA ein deutliches Investitionsminus deutscher Unternehmen. Denn im gleichen Zeitraum haben sich die Investitionen deutscher Unternehmen in den Vereinigten Staaten nahezu halbiert. Wo 2024 noch 19 Milliarden Euro investiert wurden, waren es 2025 nur noch 10 Milliarden.

Der Grund dafür ist kein politisches Statement deutscher Vorstandsetagen gegen die eigene Regierung, sondern purer Pragmatismus. Die erratische US-Handelspolitik, angedrohte Zölle auf europäische Waren und schmerzhafte Währungsschwankungen haben die Vereinigten Staaten in eine Zone der Unsicherheit verwandelt.

Die Kluft zwischen den De‑Risking‑Absichten der Politik und den realen Investitionsentscheidungen der Unternehmen ist auffällig. Während sich die einen um strategische Abhängigkeiten und geopolitische Risiken sorgen, orientieren sich die anderen vor allem an Marktpotenzial, Kostenstrukturen, regulatorischen Rahmenbedingungen und langfristigen Wachstumsaussichten.

China als globale Absatzdrehscheibe

Ob diese Investitionstrends nachhaltig sind, bleibt abzuwarten. Die "In‑China‑für‑China"-Strategie dürfte jedoch ein zentraler Treiber bleiben (Produktion in China für den chinesischen Markt). Viele deutsche Unternehmen – insbesondere aus der Automobilindustrie sowie der Chemiebranche – verlagern Forschung, Entwicklung und Produktion vermehrt in die Volksrepublik, um näher am lokalen Markt zu sein und ihre Lieferketten vor geopolitischen Stürmen zu sichern.

Zunehmend spielt dabei auch die aktive Kooperation mit chinesischen Technologieführern eine wichtige Rolle. Parallel dazu wandelt sich China zu einem Export-Hub für deutsche Hersteller: Fahrzeuge, die ursprünglich ausschliesslich für den chinesischen Markt produziert wurden, werden heute verstärkt auch in andere Weltregionen exportiert.  

Die globale Handelsordnung verschiebt sich

Anleger sollten dabei im Blick behalten, dass China für mehr als 130 Länder inzwischen der wichtigste Handelspartner ist – und die USA damit global überholt hat. Für die Wachstumsstrategien internationaler Konzerne ist China daher häufig zum zentralen Einzelmarkt geworden. 

Insgesamt zeigt sich: Deutsche Unternehmen passen ihre internationalen Investitionsentscheidungen an die veränderten geopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen an – und das nicht immer in einer Weise, die den politischen Erwartungen entspricht.

Schweiz geht eigenen Weg

Während deutsche Unternehmen ihre Investitionsschwerpunkte zunehmend nach China verlagern und gleichzeitig ihr Engagement in den USA zurückfahren, zeigt sich die Schweiz deutlich anders positioniert. China bleibt zwar auch für die Schweizer Wirtschaft ein zentraler Handelspartner, insbesondere als drittwichtigster Absatzmarkt weltweit und wichtigster in Asien, doch setzt die Schweiz wirtschaftlich weiterhin stark auf die Vereinigten Staaten.

So erreichten die Schweizer Exporte in die USA 2025 ein neues Rekordhoch von knapp 55 Milliarden Franken, trotz zeitweise massiv erhöhter US-Strafzölle. Parallel dazu ist die Schweiz mit 352 Milliarden Dollar Direktinvestitionen einer der grössten ausländischen Investoren in der amerikanischen Wirtschaft und schafft dort fast 400’000 Arbeitsplätze. Dieser stabile wirtschaftliche Anker kontrastiert deutlich mit dem deutschen Rückzug aus den USA.

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