Der Lieblingsindikator von Warren Buffett schlägt Alarm – das müssen Anleger wissen

VZ Analyse

Die Buffett-Ratio gilt als das ultimative Barometer für die Börse und blitzt aktuell dunkelrot: Kommt jetzt der Crash – oder funktioniert die ehrwürdige Kennzahl heute nicht mehr?

Publiziert 21. Jan. 2026

Autor

Patrick Herger

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

An der Börse geniessen nur wenige Kennzahlen so viel Aufmerksamkeit wie der Buffett-Indikator (auch bekannt als Buffett-Ratio). Warren Buffett selbst bezeichnete dieses einfache Verhältnis – die gesamte US-Marktkapitalisierung (meist gemessen am Wilshire 5000) geteilt durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA – als das ultimative Barometer für die Bewertung des Aktienmarktes.

Als Faustregel gilt: Werte zwischen 70 und 90 Prozent deuten auf eine faire Bewertung hin, ab etwa 100 Prozent spricht man von Überbewertung, und oberhalb von 120 bis 150 Prozent gilt der Markt als deutlich überteuert. Seit rund einem Jahrzehnt signalisiert der Indikator ein stark erhöhtes Bewertungsniveau, und aktuell steht er bei einem Rekordwert von knapp 224 Prozent.  

Kritiker behaupten deswegen, der Indikator sei für die modernen Finanzmärkte so nützlich wie eine Sonnenuhr an einem bewölkten Tag. Das Hauptargument: Der "Globalization Mismatch“. Anders als in früheren Jahrzehnten erwirtschaften US-Konzerne, allen voran die Tech-Giganten, inzwischen fast die Hälfte ihrer Umsätze im Ausland. Während der Zähler (Marktkapitalisierung) durch globale Gewinne anschwillt, bleibt der Nenner (BIP) strikt national.

Modifikationen und ihre Grenzen

Um diese Verzerrung zu korrigieren, haben Analysten den Indikator modifiziert. Eine prominente Modifikation nutzt das Bruttonationaleinkommen (BNE) statt des BIP. Das BNE umfasst alle Einkommen von Inländern, auch jene aus Übersee. Das Ergebnis? Die Überbewertung schrumpft zwar etwas, bleibt aber historisch alarmierend.

Ein weiterer populärer Ansatz ist die Trend-Bereinigung mittels exponentieller Regression. Hier wird anerkannt, dass der Markt aufgrund struktureller Vorteile – beispielsweise niedrigerer Unternehmenssteuern und höherer Effizienz – langfristig schneller wachsen kann als die Gesamtwirtschaft. Anstatt starr auf die 100-Prozent-Marke zu starren, misst man die Abweichung vom langfristigen Wachstumstrend. Aktuell befinden wir uns jedoch selbst in diesem Modell etwa 2,4 Standardabweichungen über dem Trend.

Die wohl radikalste Anpassung erweitert den Nenner um die Bilanzsumme der Federal Reserve. Die zugrunde liegende Logik: Die Liquidität muss als Bewertungsfaktor mitberücksichtigt werden. Denn steigt die Geldmenge durch massive Zentralbankinterventionen, erhöht sich tendenziell auch der Preis von Sachwerten wie Aktien. Diese Modifikation macht den Indikator in einer von Interventionen geprägten Ära scheinbar relevanter – birgt jedoch die Gefahr, eine Blase rechnerisch zu legitimieren, statt sie entlarven.

Hat der Buffett-Indikator aufgehört zu funktionieren?

Jeremy Grantham, einer der bekanntesten Value-Investoren, hält die Buffett-Ratio trotz aller strukturellen Veränderungen weiterhin für einen verlässlichen Indikator langfristiger Renditeerwartungen. Diese Einschätzung wird durch mehrere Studien gestützt. So zeigt beispielsweise eine internationale Studie über 14 Länder: Die Buffett‑Ratio ist ein guter Indikator für langfristige Renditen. Wenn der Wert niedrig ist, steigen die Chancen auf hohe Gewinne in den nächsten zehn Jahren. Ist er dagegen sehr hoch, folgen meist eher schwache Renditen.

Die eigentliche Schwäche des Indikators liegt weniger in seiner Aussagekraft als in der Gefahr des Fehlgebrauchs. Er ist kein Instrument für kurzfristiges Timing, sondern ein Massstab für langfristige Bewertung. Wer seit 2016 blind auf den Buffett-Indikator vertraute und investitionslos blieb, verpasste beim S&P 500 Kursgewinne von über 300 Prozent.  

Der Buffett-Indikator beschreibt also nicht punktgenau den Zeitpunkt einer Überhitzung, sondern ein Risikofeld. Ein Rekordniveau von 224 Prozent zeigt deswegen nicht unbedingt eine unmittelbare Gefahr an, sondern signalisiert, dass der Markt in ein Regime eingetreten ist, das von ungewöhnlichen Faktoren getragen wird: historisch niedrigen Realzinsen, unkonventioneller Geld‑ und Fiskalpolitik sowie einer Dominanz global skalierbarer Wachstumsbranchen mit globalen Gewinnströmen.

Der heutige Nutzen des Buffett-Indikators

Sein heutiger Wert liegt vor allem darin, zentrale Fragen aufzuwerfen: Welche strukturellen Annahmen – permanente Niedrigzinsen, ungehinderte globale Expansion, stabile Profitabilität – sind heute in den Bewertungen implizit enthalten? Und wie widerstandsfähig ist das System, falls eine dieser Säulen ins Wanken gerät?  

Die prognostische Rolle des Indikators hat sich damit verändert: Er kündigt keinen unmittelbaren Crash an, sondern mahnt vor erhöhter Verwundbarkeit und einem verschobenen Risiko-Chancen-Profil insbesondere im Kontext der hohen Bewertung und Marktkonzentration bei einigen US-Technologie-Unternehmen. Der Rekordwert von 224 Prozent ist daher weniger ein "Verkaufsalarm" als vielmehr eine klare Aufforderung zu realistischen Renditeerwartungen und einer robusten Portfoliostrategie. 

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