VZ Analyse
Wer verstehen will, was sich beim Goldpreis in den letzten Wochen abgespielt hat, sollte sich mit einem in der Lotterie gewonnenen BMW beschäftigen – und mit der Granovetter-Kaskade.
Publiziert 4. Febr. 2026
Beschreibung
Stellen Sie sich vor, in Ihrer Einfahrt taucht plötzlich ein nagelneuer, tiefschwarzer BMW auf. Er gehört nicht Ihnen, sondern Ihrem Nachbarn – ein glücklicher Gewinn aus einer Lotterie. Ihr eigener Wagen läuft einwandfrei, und eigentlich gibt es keinen rationalen Grund für ein neues Auto.
Doch jeden Morgen, wenn Sie das Haus verlassen, funkelt Ihnen dieser bayerische Luxus entgegen. Und ganz automatisch setzt ein Prozess ein: Sie vergleichen. Sie beginnen zu rechtfertigen.
Nach einigen Wochen ständiger "Exposition" erwischen Sie sich schliesslich dabei, wie Sie selbst einen Kaufvertrag für einen Neuwagen unterschreiben. Die permanente Sichtbarkeit des BMWs hat Ihren inneren Massstab verschoben – plötzlich wirkt die Anschaffung eines neuen Autos völlig vernünftig.
Der "Neighbor Effect" als Markttreiber
Was zunächst wie eine harmlose Anekdote klingt, beruht in Wahrheit auf einer Finanzstudie aus den Niederlanden. Darin untersuchten vier Ökonomen den sogenannten Neighbor Effect – den Einfluss sozialer Vergleichsprozesse auf Konsum- und Investitionsentscheidungen.
Anhand von Autoverlosungen analysierten sie, was geschieht, wenn ein Glückspilz in der Lotterie einen BMW gewinnt. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich seine Nachbarn ebenfalls ein neues Auto zulegen, steigt spürbar. Der Effekt ist so stark, als hätten diese Haushalte kurzfristig rund 10’000 Euro zusätzliches Einkommen erhalten.
Ein solcher psychologischer Mechanismus dürfte auch den hochoktanigen Treibstoff für die fulminante Goldrallye geliefert haben, die wir bis vor wenigen Tagen beobachten konnten. Nicht als einziger Faktor, aber auch weit mehr als lediglich als Beifahrer.
Gold: Von der Schlagzeile ins Portfolio
Über Monate hinweg war Gold der "BMW des Finanzmarktes". In den Nachrichten flimmerten beinahe täglich neue Rekordmeldungen: 4000 Dollar, 5000 Dollar, schliesslich der Gipfelsturm auf über 5400 Dollar Ende Januar 2026. Gold war überall. Es war in den Schlagzeilen, in den Portfolios der Zentralbanken und schliesslich im Bewusstsein vieler Anleger.
Ähnlich wie die Nachbarn des Lotteriegewinners begannen viele Anleger – oft losgelöst von fundamentalen Faktoren wie Realzinsen oder Inflationsdaten – Gold zunehmend als "notwendige Anschaffung" wahrzunehmen. Die anhaltende Sichtbarkeit immer neuer Preisrekorde erzeugte einen subtilen, aber wirkungsvollen psychologischen Druck.
Eine steigende Anzahl Investoren ohne Gold im Portfolio fühlte sich, als würden sie in einer Strasse voller glänzender Luxuskarossen auf einem rostigen Fahrrad unterwegs sein. Diese Form der psychologischen Kopplung trieb mit grosser Wahrscheinlichkeit die Nachfrage – und damit den Preis – in Höhen, die selbst überzeugte Fundamentalanalysten zunehmend ratlos zurückliessen.
Die Granovetter-Kaskade: Wenn das System kippt
Doch so unaufhaltsam der Aufstieg wirkte, so abrupt und schonungslos setzte die Korrektur ein. An diesem Punkt kommt ein zweites soziologisches Konzept ins Spiel: die Granovetter‑Kaskade.
Der Soziologe Mark Granovetter beschreibt in seinem Threshold Model of Collective Behavior, wie kollektive Dynamiken entstehen – seien es soziale Unruhen oder extreme Marktbewegungen. Das Grundprinzip seines Modells ist verblüffend einfach: Jeder Akteur besitzt einen individuellen Schwellenwert.
Der eine Anleger verkauft bereits beim ersten Anzeichen von Gegenwind – vielleicht bei einem oder zwei Dollar Kursrückgang. Der nächste reagiert erst bei drei Dollar, der übernächste bei vier und so weiter. Wenn diese Schwellenwerte in der Masse eine kritische Dichte erreichen, genügt ein minimaler Impuls, um eine Kettenreaktion auszulösen.
Was zunächst wie ein kleiner Ausrutscher aussieht, kann sich so binnen kurzer Zeit zu einer Verkaufswelle entwickeln – eine typische Granovetter‑Kaskade.
Eine überraschende Personalentscheidung
Am vergangenen Freitag dürfte die Nominierung von Kevin Warsh zum künftigen Fed Chef durch Donald Trump die Wende eingeleitet haben. Warsh, an den Märkten als geldpolitischer Falke gefürchtet, steht für viele Anleger für das Ende der Ära des billigen Geldes – und für eine Rückkehr zu fiskalischer Strenge. Für den überhitzten Goldmarkt war diese Personalie der sprichwörtliche "erste Stein", der ins Rollen kam.
Sobald Warshs Name über die Ticker lief, begannen die ersten Schwellenwerte zu fallen:
- Die Spekulanten: Kurzfristige Trader nutzten die Gelegenheit, um Gewinne glattzustellen.
- Die Charttechnik: Der daraus entstehende Preisrutsch drückte Gold unter die psychologisch wichtige Marke von 5000 Dollar.
- Die Automatisierung: Zudem wurden technische Schwellenwerte ausgelöst; Stop Loss Orders, Margin-Calls und systematische Verkaufsprogramme verstärkten die Abwärtsbewegung zu einer regelrechten Lawine.
Die Angst, mühsam aufgebaute Buchgewinne zu verlieren (Loss Aversion), wurde plötzlich stärker als die Furcht, weitere Preissteigerungen zu verpassen (FOMO).
Die Pulverisierung der Märkte
Innerhalb weniger Stunden brach der Goldpreis um mehr als 10 Prozent ein; Silber wurde mit zwischenzeitlichen Verlusten von rund 30 Prozent regelrecht pulverisiert. Es war eine klassische Kaskade: Die Verkäufe der ersten Gruppe gaben genau jenes Signal, das die nächste Verkaufswelle auslöste, und diese ihrerseits war wiederum Auslöser von weiteren Verkaufsentscheidungen.
Was aus fundamentaler Sicht eine moderate Reaktion auf die Ernennung eines neuen Zentralbankchefs hätte sein können, verwandelte sich aufgrund der labilen Marktkonfiguration in einen regelrechten Systemschock.
Was lässt sich aus diesen turbulenten Tagen ableiten?
Finanzmärkte sind komplexe, nichtlineare Systeme. Eine einzige Personalentscheidung in Washington kann eine globale Kettenreaktion auslösen, wenn die Märkte zuvor durch kollektive Erwartungen und soziologische oder psychologische Faktoren bereits bis zur Belastungsgrenze aufgezogen wurden.
Für Anleger ist das eine unbequeme Wahrheit: Ja, mit Gold und Silber liessen sich in den vergangenen Wochen beeindruckende Gewinne erzielen. Doch mit jedem zusätzlichen Milliardenstrom spekulativen Kapitals wurde auch das Rückschlagsrisiko grösser.
Und genau hier liegt die eigentliche Lektion: Nicht die beste Einzelwette entscheidet langfristig über den Anlageerfolg, sondern die Robustheit des Portfolios. Passive, breit diversifizierte ETF‑Investments sind nicht darauf angewiesen, psychologische Hochphasen zu erkennen oder rechtzeitig vor Kaskaden zu fliehen. Sie eliminieren Klumpenrisiken, reduzieren das Timing‑Risiko – und schützen Anleger davor, in emotional aufgeladenen Märkten zur falschen Zeit das Richtige tun zu wollen. Oder anders gesagt: Investoren müssen keine Rekorde jagen, wenn sie den gesamten Markt besitzen.
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