VZ Analyse
19 Prozent Gewinn in einer Woche – nicht bei einem Meme-Stock, sondern bei einem Schweizer Cloud-Dienstleister. Dieser Anstieg ist Ausdruck einer strukturellen Verschiebung mit weitreichenden Folgen für den Markt.
Publiziert 21. Apr 2026
Beschreibung
Nachdem Washington und Teheran einen vorläufigen Waffenstillstand verkündet hatten und vergangene Woche die Strasse von Hormus geöffnet wurde, war es, als hätte jemand an der Börse einen Schalter umgelegt. Der SMI sprang um rund 2 Prozent nach oben. Aber unter Titeln mit substanzieller Marktkapitalisierung waren es nicht die SMI‑Schwergewichte, die die Woche prägten, sondern eine auffällige Gruppe von Aktien abseits der ersten Reihe: SoftwareOne (+19%), Cicor (+17%), R+S Group (+14%), Sika (+14%), Temenos (+14%) und Sensirion (+12%).
Warum ausgerechnet diese Titel derart stark anzogen – und was sie miteinander verbindet – erschliesst sich erst mit einem Schritt zurück. Wenn geopolitische Risiken die Märkte in Atem halten, flüchten Investoren in das Berechenbare: Titel wie Nestlé, Roche, Swisscom. Hier handelt es sich um Unternehmen mit stabiler Ertragskraft, deren Geschäftsmodelle kaum infrage stehen, die dafür aber auch selten explosiv an Wert gewinnen.
Lässt der Stress nach, kehrt der Risikoappetit zurück. Kapital fliesst dann insbesondre dorthin, wo die Visibilität am geringsten ist – und gerade deshalb das Aufwärtspotenzial als besonders hoch wahrgenommen wird.
In der Finanzwissenschaft gibt es dafür einen Begriff: Hard-to-value-Assets. Genau dieser Kategorie sind die Gewinner der vergangenen Woche zuzuordnen. Es handelt sich um Aktien, deren Bewertung stark von Annahmen, Erwartungen und Szenarien abhängt – und die in Phasen nachlassender Unsicherheit überproportional profitieren.
Temenos
Das Genfer Bankensoftware-Unternehmen ist das Paradebeispiel eines Hard-to-value-Assets. Es schöpft seinen Wert fast ausschliesslich aus immateriellen Vermögenswerten: Softwarecode, Kundenbeziehungen und Lizenzmodellen. Der Übergang zum SaaS-Modell (Software-as-a-Service) erhöht zwar die Visibilität der künftigen Cashflows, doch ihre Bewertung bleibt stark von Annahmen abhängig – insbesondere über Margen, Kundenbindung und Wachstumstempo.
SoftwareOne
Ähnlich gelagert ist der Fall SoftwareOne. Der Cloud-Dienstleister aus Stans wächst vor allem über Akquisitionen, integriert unterschiedliche Geschäftsmodelle und steht vor grundlegenden Fragen zur nachhaltigen Profitabilität. Entsprechend gross sind die Bewertungsunterschiede: Selbst erfahrene Analysten kommen zu stark divergierenden Preiszielen.
Sensirion
Sensirion, der Stäfner Hersteller von Präzisionssensoren, entwickelt proprietäre Messtechnologien für Anwendungen von der Medizintechnik bis zur Umweltüberwachung. Die aktuelle Bewertung am Markt preist eine Ertragskraft ein, die durch Skalierung in neue Massenmärkte weit über das heutige Niveau hinauswachsen muss. Damit bleibt das Investment eine Wette auf das "Morgen": auf den flächendeckenden Einsatz von Feinstaub- und CO2-Sensoren in Gebäuden und die fortschreitende Digitalisierung der industriellen Gasanalytik.
Cicor
Das Ostschweizer Elektronikunternehmen hat sich über mehrere Zukäufe – darunter die Übernahme des insolventen französischen EMS-Anbieters Éolane – deutlich vergrössert. Die operative Integration verläuft planmässig, doch die durch Akquisitionen bedingte Margenverwässerung hat die Profitabilität zuletzt spürbar unter Druck gesetzt. Für Privatanleger mit Turnaround-Fantasie bleibt das Unternehmen attraktiv – für klassische Bewertungsmodelle hingegen ein anspruchsvolles Konstrukt.
R+S Group
Hier handelt es sich um einen industrieller Nischenanbieter aus Sissach mit projektgetriebenen und volatilen Cashflows. Die geringe Analystenabdeckung führt zu einem stark fragmentierten Informationsstand unter Investoren – und damit zu jener Unsicherheit, die in Phasen steigender Risikobereitschaft plötzlich zur Stärke wird.
Sika
Sika ist kein klassischer Hard-to-value-Titel. Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Bauchemie und Klebstoffe, verfügt über organisches Wachstum, ausgeprägte Preissetzungsmacht und einen globalen industriellen Fussabdruck. Die Ertragsbasis ist etabliert, das Geschäftsmodell erprobt.
Und doch: Die aktuelle Bewertung impliziert langfristige Wachstumsannahmen für Bau und Fahrzeugindustrie, die kurzfristig stark von Zinsen, Konjunkturzyklen und Rohstoffpreisen beeinflusst werden. Wer Sika kauft, investiert nicht in das nächste Quartal, sondern wettet auf die Baukonjunktur der 2030er Jahre, auf Urbanisierung, Infrastrukturinvestitionen – oder auf die fortschreitende Elektrifizierung der Industrie. Auch hier liegt der Wert weniger im Heute als in der Vorstellung über das Morgen.
Allen genannten Unternehmen gemeinsam ist ein hoher Anteil an immateriellem Kapital – Software, Technologie, Know-how, Kundenbeziehungen – und eine Bewertung, die stark von Annahmen über die Zukunft abhängt. Genau diese Konstellation verleiht ihnen eine Hard-to-value-Charakteristik.
Wo Privatanleger dominieren
Die Finanzmarktforschung zeigt, dass solche Aktien besonders bei Privatanlegern beliebt sind. Toomas Laarits und Marco Sammon weisen in ihrer 2025 erschienenen Studie "The Retail Habitat" nach, dass Titel mit hoher Privatanlegeraktivität überdurchschnittlich viele immaterielle Vermögenswerte aufweisen. Privatanleger neigen also genau zu jenen Aktien, die in der vergangenen Woche die Nase vorn hatten – zu Titeln, deren Wert schwer zu fassen ist.
Und das hat Konsequenzen. Aktien mit hoher Retail-Intensität reagieren empirisch weniger stark auf fundamentale Nachrichten wie Quartalsergebnisse, dafür umso stärker auf den Kaufdruck der Privatanleger selbst. Der Markt wird in diesen Segmenten weniger von Fundamentalanalyse als von kollektiver Aufmerksamkeit getrieben, oder einfacher ausgedrückt, vom Herdentrieb.
Dabei ist diese Dynamik erstaunlich stabil. Aktien, die zu Retail‑Lieblingen werden, bleiben es oft über lange Zeit.
Institutionelle Investoren sind sich dieser Mechanismen bewusst – und handeln entsprechend. Oder besser gesagt, sie handeln nicht. Denn Arbitrageure meiden es, systematisch gegen Retail-Orderflows zu wetten, die Profis räumen hier also das Feld. Nicht, weil der Privatanleger zwingend recht hat, sondern weil niemand weiss, wie lange ein sentimentgetriebener Trend anhält.
Was heisst das für Privatanleger?
Bis 2030 dürften Privatanleger Schätzungen zufolge rund 61 Prozent der weltweit verwalteten Vermögen stellen – gegenüber etwas mehr als der Hälfte zu Beginn der 2020er‑Jahre. Und je mehr Kapital in dieselben schwer zu bewertenden Titel fliesst, desto stärker lösen sich ihre Kurse wahrscheinlich von klassischen Fundamentalkriterien.
Das ist keine Aufforderung, solche Aktien zu meiden. Sensirion oder Temenos können sehr wohl gute Investments sein. Die Forschung legt jedoch nahe: Wer in diesen Titeln engagiert ist, sollte sich ehrlich fragen, ob er einer fundierten Überzeugung folgt – oder ob er schlicht Teil einer gut funktionierenden Herde ist.
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