Japan: Rückkehr eines schlafenden Riesen

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Nach Jahren der Flaute erlebt Japans Aktienmarkt ein Comeback – Reformen, Inflation und neue Dynamik sorgen für frischen Auftrieb.

7. Okt. 2025

Beschreibung

Autor: Andreas Paciorek / VZ VermögensZentrum

In Tokio herrscht Aufbruchsstimmung: Am Montag schoss der Nikkei-Index rund 5 Prozent nach oben und markierte - erneut - ein neues Rekordhoch. Auslöser dieser Rally war diesmal die Wahl von Sanae Takaichi zur neuen Vorsitzenden der regierenden Liberaldemokraten – damit steht Japan voraussichtlich vor seiner ersten weiblichen Premierministerin. Die Märkte reagierten in Erwartung neuer Konjunkturimpulse und einer weiterhin expansiven Geldpolitik positiv. Parallel fiel der Yen auf ein Rekordtief von über 188 Yen zum Franken. Die Marktbewegungen spiegeln den sogenannten „Takaichi-Trade“: eine Spekulation auf mehr Staatsausgaben, niedrige Zinsen und einen schwachen Yen – ein Mix, der Japans Börsen Flügel verleiht. 

Solche Marktreaktionen spiegeln zunächst vor allem Erwartungen wider – sie sind jedoch ein Hinweis darauf, dass Investoren dem Land wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. 

Vom Sorgenkind zum Börsenliebling 

Der aktuelle Kurssprung ist Teil einer längeren Renaissance. 2024 schaffte der Nikkei erstmals seit 1989 ein neues Hoch. Seither folgte eine Serie neuer Höchststände – angetrieben von wachsendem Auslandsinteresse. Die japanische Börse zählt auch 2025 in Lokalwährung zu den besten globalen Indizes. 

Inflation statt Deflation, KI statt Stillstand 

Erstmals nach Jahrzehnten erlebt Japan wieder eine spürbare Inflation – derzeit rund 3 Prozent. Das Land hat sich aus der Deflation befreit, die über viele Jahre Investitionen und Konsum bremste. Auch die Löhne ziehen langsam an, was sich positiv auf den Binnenkonsum auswirkt. Zwar hat die Bank of Japan die Negativzinsen beendet, doch sie agiert weiterhin vorsichtig. Damit bleibt das geldpolitische Umfeld für Unternehmen günstig. Gleichzeitig zwingt die alternde Gesellschaft zu Produktivitätssprüngen – durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz modernisieren sich ganze Branchen. 

Friendshoring: Rückverlagerung in verlässliche Regionen 

Ein wachsender Treiber ist der Trend zum Friendshoring: Immer mehr westliche Unternehmen verlagern ihre Produktion in politisch verlässliche Länder, weg von China. Gründe sind geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren und der Wunsch nach sichereren Lieferketten – besonders für sensible Technologien. 

Japan profitiert davon gleich mehrfach: Es ist eine technologisch führende, demokratische Industrienation mit stabiler Infrastruktur und exzellent ausgebildeten Fachkräften. Auch wenn die Löhne höher sind als in den meisten asiatischen Nachbarstaaten, überzeugt Japan durch Qualität, Effizienz und langfristige Verlässlichkeit – besonders in Bereichen wie Halbleiter, Robotik und Medizintechnik. 

Stagnierende Löhne als Standortvorteil 

Was lange als Schwäche galt, wirkt nun vorteilhaft: Japans Löhne sind seit Jahrzehnten nahezu eingefroren. Inflationsbereinigt verdienen Arbeitnehmer heute teils weniger als Ende der 1990er-Jahre. Gleichzeitig sind die Löhne in China deutlich gestiegen. Das Ergebnis: Japan ist im internationalen Vergleich wieder ein wettbewerbsfähiger Produktionsstandort geworden – ein klarer Vorteil im globalen Standortwettbewerb. 

Aktionäre im Fokus 

Auch unternehmensseitig hat in Japan ein Umdenken stattgefunden, das den Aktienmarkt beflügelt. Von Nomura bis Komatsu präsentieren sich die Konzerne so aktionärsfreundlich wie noch nie. In den 2010er-Jahren wurden zunächst schrittweise bessere Corporate-Governance-Regeln eingeführt (z.B. ein Kodex für institutionelle Investoren 2014 und ein Corporate Governance Code 2015). In den letzten Jahren gewinnt nun Phase 2 der Reformen an Fahrt: Im März 2023 hat die Tokyo Stock Exchange (TSE) Unternehmen mit niedrigem Kurs-Buchwert-Verhältnis explizit aufgefordert, ihre Kapitalrendite zu steigern und den Börsenkurs als wichtige Kennzahl ernst zu nehmen. Diese Initiative zielt darauf ab, das enorme Eigenkapitalpolster vieler japanischer Firmen effizienter für Wachstum oder Aktionärsrenditen einzusetzen. Die Botschaft ist klar: Unproduktives Horten von Bargeld und chronische Unterbewertung werden nicht länger toleriert. 

Viele Unternehmen greifen inzwischen beherzt zu, wenn sie ihre Aktien als unterbewertet ansehen, und kaufen eigene Anteile zurück, die anschliessend eingezogen werden – was den Gewinn je Aktie und den Börsenkurs weiter steigen lässt. 2025 zeichnet sich dabei als Rekordjahr ab: Im April kündigten Firmen aus dem Topix-Index Rückkäufe von 3,8 Billionen Yen (rund 22 Milliarden Franken) an – fast dreimal so viel wie im Vorjahr. Für das Gesamtjahr erwarten Analysten bis zu 22 Billionen Yen (etwa 126 Milliarden Franken) – ein neuer Höchstwert. 

Diese Neuausrichtung hin zu höherer Kapitalrendite gilt als ein Hauptgrund, warum ausländische Investoren ihre Japan-Allokation zuletzt deutlich ausgebaut haben. 

Sparvermögen an die Börse: NISA-Reform 

Die Regierung fördert den Aktienmarkt auch über private Anleger: Das reformierte NISA-Programm (Nippon Individual Savings Account) erlaubt es Japanern seit 2024, jährlich bis zu 3,6 Mio. Yen (rund 21’000 Franken) steuerfrei in Aktien oder Fonds zu investieren – unbegrenzt und ohne Zeitlimit. Ziel ist es, mehr Kapital aus Sparbüchern an die Börse zu bringen. Denn rund die Hälfte des Haushaltsvermögens – umgerechnet etwa 6 Billionen Franken – liegt derzeit unverzinst auf Konten. Die Zahl der NISA-Konten steigt seither deutlich. 

Technologie als Wachstumsmotor 

Parallel investiert der Staat Milliarden in strategische Industrien. Zwei neue Chipfabriken des taiwanischen Konzerns TSMC entstehen mit staatlicher Unterstützung in Japan. Zudem baut das Konsortium Rapidus eine eigene Produktion für 2-Nanometer-Chips auf. Diese gelten als Schlüsselkomponenten für Künstliche Intelligenz, autonome Fahrzeuge und Hochleistungsrechner. Geplanter Produktionsstart: 2027. Die Projekte stärken Japans technologische Fähigkeit. 

Risiken und Perspektive Trotz der positiven Dynamik bleibt das Bild nicht ohne Schatten. Der Yen ist volatil, und Wechselkursschwankungen können für ausländische Anleger die Rendite beeinflussen. Auch strukturelle Herausforderungen wie die alternde Bevölkerung und eine hohe Staatsverschuldung bestehen fort. Doch Japan wirkt heute besser aufgestellt als noch vor einigen Jahren. Reformen greifen und die Innovationskraft vieler Unternehmen ist ungebrochen. Herausforderungen, wie die Demographie, sind gravierend – aber sie wirken auch als Modernisierungsmotor. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen zu mehr Effizienz, die Politik fördert Zukunftstechnologien, und selbst der traditionsreiche Unternehmenssektor richtet sich neu aus. 

Fazit: Struktur statt Spekulation 

Japan erlebt derzeit keine kurzfristige Rally, sondern eine langsam, aber stetig wachsende Zuversicht. Der Aktienmarkt erreicht neue Höhen – nicht wegen kurzfristiger Spekulation, sondern dank struktureller Verbesserungen. Inflation kehrt zurück, Unternehmen denken neu, der Staat investiert gezielt und private Anleger entdecken den Kapitalmarkt. 

Marktteilnehmer blicken in Japan insbesondere auf die Sektoren Technologie, Robotik, Halbleiter und Klimainfrastruktur. Anleger können breit über ETFs auf den Nikkei 225 oder den Topix investieren oder gezielt auf Sektor-ETF oder Einzeltitel setzen. Wichtig: Die Entwicklung des japanischen Yen kann die Rendite stark beeinflussen – wer Währungsrisiken vermeiden möchte, kann auf CHF- oder EUR-gesicherte Produkte zurückgreifen. 

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