Geldanlagen

Ethereum: Aus dem Würfelspiel wird eine Lotterie

Vor kurzem hat die zweitgrösste Kryptowährung Ethereum von "Proof-of-Work" auf "Proof-of-Stake" umgestellt. Die Änderung - auch bekannt als "The Merge" - wurde in der Kryptoszene seit langem hoffnungsvoll erwartet. Warum wurde diese tiefgreifende Änderung vollzogen und welche Chancen und Risiken bedeutet dies für die Zukunft?

Bryan Haag

Experte für Kryptowährungen
Publiziert am
21. September 2022

Wie funktioniert Ethereum?

Ethereum basiert wie der Bitcoin auf der Blockchain-Technologie. Eine Blockchain ist eine öffentliche und unveränderbare Datenbank von Transaktionsblöcken, über die laufend Buch geführt werden muss. Sämtliche Transaktionen müssen zudem bestätigt werden. Diejenigen Teilnehmer des Ethereum-Netzwerks, welche diese Transaktionen verifizieren (Miner), werden mit neu geschaffenem Ether belohnt. 

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Damit ein neuer Block mit Transaktionen verifiziert werden darf, wird mit hoher Rechenleistung gemäss dem Prinzip von Versuch und Irrtum nach einigen zufälligen Variablen gesucht (eine Art Würfelspiel). Dieser Vorgang nennt sich "Proof-of-Work" und dient der Sicherheit. Er macht aber auch Transaktionen gewollt langsam und energieintensiv.

Besonders im Hinblick auf die aktuelle Energieknappheit und dem Trend hin zu nachhaltigen Anlagen ist letzteres jedoch ein grosser Kritikpunkt. So gehen Schätzungen davon aus, dass das Ethereum-Netzwerk pro Jahr mit 78 Terrawattstunden mehr Strom verbraucht als die gesamte Schweiz (58 Terrawattstunden).

Da auf der Ethereum-Blockchain mittels sogenannter "Smart Contracts" auch komplette Finanzdienstleistungen dezentral abgebildet werden, kommt es zu einer hohen Transaktionsanzahl. Dies erfordert eine effiziente Transaktionsabwicklung. Aus diesem Grund hat sich die Ethereum-Gemeinde nun vom "Proof-of-Work" abgewendet. 

Was wurde geändert?

Ab sofort wird mit "Proof-of-Stake" ein alternativer Vorgang für die Transaktionsvalidierung angewandt. Dabei können die Netzwerkteilnehmer eine bestimmte Anzahl an Ether hinterlegen ("staken"), um die Chance zu erhalten, den nächsten Transaktionsblock verifizieren zu können. Dafür wird man wie bei "Proof-of-Work" mit Ether belohnt. Im Gegensatz zur ursprünglichen Vorgehensweise ist somit keine Rechenleistung, sondern ein Kapitaleinsatz nötig. Je mehr Kapital ein Teilnehmer hinterlegt, desto grösser ist seine Chance, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt zu werden (vergleichbar mit einer Lotterie). Um das Netzwerk vor Betrügern zu schützen, verlieren unehrliche Teilnehmer ihren kompletten Einsatz. Zudem wird darauf gesetzt, dass jemand mit hohen Investitionen in Ethereum kein Interesse hat, dem Netzwerk zu schaden. 

Da durch die Änderung ein grosser Teil der Rechenleistung nicht mehr benötigt wird, soll der Energieverbrauch um 99,95 Prozent gesenkt werden. Vergleichsrechnungen der Ethereum Foundation ergeben, dass für eine bisherige Ethereum-Transaktion so viel Energie benötigt wurde wie ein Haushalt während sieben Tagen verbraucht. Neu entspricht der Energieverbrauch nur noch demjenigen von etwa 20 Minuten fernsehen. 

Die Umstellung stellte einen grossen Eingriff in ein laufendes System mit hunderten Milliarden Franken an Assets dar. Einige Beobachter verglichen die Umstellung mit dem Motorenwechsel in einem fahrenden Auto. Darum wurde der Übergang zwei Jahre lang ausgiebig getestet. Andere grosse Kryptowährungsnetzwerke setzen bereits auf ähnliche Verfahren. 

Wie geht es nun weiter und welche Möglichkeiten entstehen durch die Umstellung?

Durch den neuen Konsensmechanismus werden die Eintrittsbarrieren zum Validieren von Transaktionen deutlich verringert. Es steht grundsätzlich allen Anlegern und Netzwerkteilnehmern offen, ihre Ethereum-Coins zu hinterlegen und damit ein Einkommen zu generieren. Nebst gewissem technischem Know-How ist der Besitz von mindestens 32 Ether (aktueller Gegenwert rund 50'000 Franken) die einzige Voraussetzung. 

Was sind die Risiken und Nachteile? 

Solch grosse Veränderungen wecken natürlich auch Skepsis. Gegner der Umstellung argumentieren, dass die Dezentralisierung des Netzwerks leidet, weil reichere Validatoren mit mehr Stimmgewicht langfristig an Einfluss gewinnen. Zudem ist der Mechanismus im Vergleich zu Proof-of-Work weniger erprobt. Dem gegenüber steht zum Beispiel das Bitcoin-Netzwerk, welches auch nach 13 Jahren noch nie kompromittiert werden konnte.

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