Geldanlagen

Die Börsen setzen auf sinkende Inflationsraten

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Rolf Biland

Chief Investment Officer
Publiziert am
10. August 2022

1. Lagebeurteilung: Zweifel an einer Rezession in den USA

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten haben die steil ansteigenden Inflationsraten die Märkte und Notenbanken gleich während mehreren Monaten beschäftigt. Allerdings lässt die Dynamik allmählich etwas nach. Zwar sind in den USA die Konsumentenpreise annualisiert um 9,1 Prozent gestiegen – so stark wie seit 1981 nicht mehr. Doch seit März hat sich die Teuerungsrate nur noch um 0,6 Prozentpunkte erhöht.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Schweiz. Dort ist die Teuerung im Juli auf dem gleichen Stand wie im Vormonat verharrt. Einzig im Euroraum nimmt die Preisentwicklung weiterhin spürbar zu.

Als Reaktion auf die steile Teuerungsentwicklung schrauben die Notenbanken weltweit die Zinsen rapide nach oben. Die US-Notenbank hat bei ihren letzten zwei Zinssitzungen die Sätze zweimal um je 0,75 Prozentpunkte erhöht. Sowohl die Europäische Zentralbank wie auch die Schweizerische Nationalbank und die Bank of England haben jüngst die Zinsen um 0,50 Prozentpunkte angehoben. Das sind unüblich deutliche Zinsschritte.

Angesichts dieser Mischung von hoher Inflation und steigenden Zinsen nehmen immer mehr Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognosen für die globale Wirtschaft zurück. Auch in Bezug auf die Schweiz gehen Ökonomen von einer wirtschaftlichen Abkühlung aus.

Die USA ist nach zwei Quartalen mit negativen Wachstumsraten in eine sogenannte technische Rezession gefallen. Angesichts des robusten Arbeitsmarkts, der weiterhin sprudelnden Unternehmensgewinne und der hohen Kapazitätsauslastung ist indes zweifelhaft, ob es in den Vereinigten Staaten tatsächlich zu einer Rezession kommt.

Auch die Börsen haben bislang keinen Wirtschaftseinbruch vorweggenommen. Vielmehr zählt der vergangene Monat zu den besten Juli-Monaten an der Börse seit über 80 Jahren. Der S&P-500-Index legte 9,1 Prozent (vgl. Grafik). In Franken gerechnet fiel die Rendite mit 9 Prozent nur minim geringer aus.

Deutlich weniger ausgeprägt fielen die Kursgewinne in der Schweiz aus. Der von defensiven Titeln geprägte Swiss Market Index (SMI) gewann im Juli 3,8 Prozent hinzu. Ein zusätzlicher Grund für die Börsenerholung waren die vielerorts positiv überraschenden Unternehmenszahlen. In den USA haben vier von fünf Unternehmen aus dem S&P 500 bereits die Halbjahreszahlen publiziert. 77 Prozent von ihnen haben die an sie gestellten Erwartungen übertroffen. Auch die Unternehmensausblicke waren bislang kaum geprägt von einem vorsichtigeren Ton.

Sollte sich an diesem Bild nichts substanziell ändern, dürfte der langfristige Aufwärtstrend in der Aktienentwicklung anhalten.

Fazit

  • Die Zentralbanken schrauben die Zinsen rapide nach oben.
  • Ökonomen haben ihre Erwartungen für das Wirtschaftswachstum reduziert.
  • Überzeugende Unternehmenszahlen stützen die Aktienkurse.
  • Der langfristige Aufwärtstrend in der Aktienentwicklung dürfte anhalten.

2. Aktien: Fed-Ausblick stimmt die Anleger positiv

Die Inflation bleibt ein dominantes Thema am Aktienmarkt. Die Zentralbanken reagierten wie erwartet mit weiteren Leitzinssteigerungen. Für viele Anleger war vor allem der Ausblick der amerikanischen Zentralbank entscheidend. Dieser hat gegen Monatsende die Märkte nochmals steigen lassen. So werden zwar weitere Zinsschritte folgen, doch das Zinserhöhungstempo dürfte abnehmen, da man sich laut Kommunikation der Fed auf einem neutralen Zinsniveau befinde. Der Aktienmarkt reagierte auf dieses Signal positiv, und dies zeigt sich auch bei den Kursen.

Etwa zwei Drittel der positiven Rendite im Juli stammen aus der zweiten Monatshälfte. Neben den Erwartungen zu den Zinsen stimmte die besser als erwartet gelaufene Berichtssaison die Anleger ebenfalls positiv. Grosse Unternehmen mit viel Gewicht im Index wie Amazon und Apple überraschten trotz der vorherrschenden Probleme wie Lieferschwierigkeiten mit guten Quartalsergebnissen.

Dieses positive Marktumfeld sorgte für steigende Kurse bei den meisten Regionen. So legte der Weltaktienindex MSCI World in Franken 7,5 Prozent zu. Der amerikanische Aktienindex S&P 500 legte in Franken sogar 9 Prozent zu. Laut Datenanbieter Dow Jones ist dies die beste Juli-Rendite des Index seit 1939.

Der Schweizer Aktienmarkt mit tendenziell eher defensiven Titeln und einem hohen Indexgewicht konnte in dem Umfeld mit 4,4 Prozent nicht ganz mithalten, beendet den Monat jedoch ebenfalls mit einer guten Rendite. Schwieriger sieht die Situation bei den deutschen Unternehmen aus. Hier belasten die Konjunkturängste und die Sorgen vor einer Energieknappheit zum Jahresende die Kurse. Zusätzlich schmälert der schwache Euro zum Franken die Rendite für Schweizer Anleger.

So konnte der DAX in Franken nur 2.4 Prozent zulegen. Insgesamt zeigt sich beim Vergleich zwischen den USA und Europa eine positivere Rendite bei den amerikanischen Unternehmen. In China führten Sorgen vor einer stärkeren Regulierung von Technologieunternehmen und der schwache Immobiliensektor zu einer negativen Rendite. Durch das hohe Gewicht Chinas im Schwellenlandindex beendete dieser den Monat mit einer knapp negativen Rendite.

Von der grundsätzlich positiven Marktphase konnten westliche Technologieunternehmen besonders profitieren. Diese gehörten jedoch im vergangenen sehr negativen Monat Juni zu den Verlierern. Somit kann dies auch als Gegenbewegung interpretiert werden. Von einem weniger stark steigenden Leitzins würden diese, auf hohes Wachstum ausgelegte Unternehmen, überproportional profitieren.

Ebenfalls zu den Gewinnern im Juli zählen die Unternehmen aus dem Konsum-Zusatzbedarfssektor, zu denen beispielsweise der vorher genannte Onlineversandhändler Amazon gehört. In einer solchen positiven Marktphase hatten es eher defensive Sektoren wie Telekommunikationsdienste, Gesundheitswesen und Konsum-Grundbedarf schwierig mit den anderen Sektoren mitzuhalten.

Die drei genannten Sektoren rentierten zwischen 3 und 4 Prozent im Juli. Auf Jahressicht bleiben die meisten Sektoren jedoch mit wenigen Ausnahmen im negativen Bereich. Der Energiesektor konnte vor allem in der ersten Jahreshälfte, mit Ausnahme des Junis, eine sehr gute Rendite erzielen. Diese Unternehmen profitieren von den gestiegenen Energiepreisen.

Nachdem der MSCI World Mitte Juli nochmals die Marke um 2'500 Punkte getestet hat, konnte er in der Folge zu einer Erholungsbewegung ansetzen. Mit dem Bruch des Widerstandes um 2'650 Punkte und des 50-Tagesdurchschnitts hat sich der Markt zusätzliche Luft verschafft. Mittlerweile nähert sich der Weltaktienindex dem zentralen Widerstand bei 2'800 Punkten. Sollte es dem MSCI World gelingen auch diesen Kursbereich zu überschreiten, würde sich das kurzfristige technische Bild klar verbessern. Ein Wiederanstieg über den 200-Tagesdurchschnitt wäre eine Bestätigung für dieses Szenario.

Aktuell ist das Risiko nicht unbedeutend, dass die laufende Erholungsbewegung in der nächsten Zeit zu Ende gehen und eine erneute Schwächephase eingeläutet wird. Abermals tiefere Kurse wären aufgrund des langfristig positiven Trends als Kaufgelegenheit zu interpretieren.

Fazit

  • Gute Quartalsergebnisse stimmen die Anleger positiv.
  • Ausblick der Fed stützt die Aktienmärkte.
  • Vor allem Wachstumstitel sind gefragt.

3. Zinsen: Notenbanken erhöhen die Leitzinsen in grossen Schritten

Rezessionsängste trübten die Anlegerstimmung seit Mitte Juni ein und führten zu rückläufigen Zinsen in allen Regionen. Die Rendite von zehnjährigen US-Staatsanleihen kam zügig von den Höchstständen zurück und verharrte deutlich unter der 3-Prozent-Marke. Ähnlich entwickelte sich die Rendite von zehnjährigen deutschen Bundesanleihen, die wieder unter der Marke von 1 Prozent fiel. Die rückläufige Entwicklung war am stärksten beim 10-jährigen Eidgenossen, dessen Rendite sogar unter 0,5 Prozent einbrach.

Die erneut höheren Inflationsraten in Europa und in den USA konnten die Rückwärtsentwicklung der Zinsen nicht verhindern. Die Entwicklung konnte selbst von den aggressiveren Zinserhöhungen seitens der Zentralbanken nicht gestoppt werden. Mehrere Frühindikatoren für die Konjunkturentwicklung in Europa und in Amerika haben sich in den vergangenen Wochen abgeschwächt. Die Rezessionsängste bei den Marktteilnehmer intensivierten sich und führten zu erhöhten Zuflüssen in den sicheren Hafen.

Trotz eines Rückgangs diverser Rohstoffpreise, inklusive der Energieträger, blieb der Teuerungsdruck überall erhöht. Die Inflation in den USA erreichte mit 9,1 Prozent im Juni ein 40-Jahre-Hoch und übertraf die Erwartungen. Auch in der Eurozone stiegen die Konsumentenpreise im Juni und Juli erneut dynamisch an. Die Notenbanken reagierten auf diese erwünschte Entwicklung der Inflation mit teilweise unerwartet aggressiver Zinsstraffung.

An ihrer Juli-Sitzung hob die Europäische Zentralbank die Leitzinsen zum ersten Mal seit über 10 Jahren um 50 Basispunkte an. Somit kam sie auf einen Schlag aus der seit über acht Jahren bestehenden Negativzinspolitik heraus. Neu liegt der Einlagesatz der EZB bei 0%. Die Ankündigung war überraschend, weil die EZB nur sechs Wochen davor einen kleineren Zinsschritt in Aussicht stellte.

EZB-Chefin Christine Lagarde, begründete den Schritt mit der unerwünscht hohen Inflation in der Eurozone. Sie räumte ein, dass die Inflationsdynamik ein schnelleres Tempo der Zinserhöhungen als ursprünglich erwartet gerechtfertigt. Die Rezessionsgefahr für den Euroraum wurde gleichzeitig klein geredet. So sind weitere Zinsschritte an den kommenden Sitzungen zu erwarten. Der Einlagesatz dürfte bereits Ende Jahr bei einem Prozent liegen.

Die amerikanische Notenbank (Fed) folgte in der Woche darauf mit einem zweiten Schritt von 75 Basispunkten. Neu liegt der US-Leitzinssatz zwischen 2,25 und 2,50 Prozent. Dieses Niveau gilt als «neutral». Hier hat die Geldpolitik weder eine restriktive noch eine expansive Wirkung auf die Wirtschaft. Das Fed wird vorerst an der Inflationsbekämpfung festhalten und einige weitere Schritte umsetzt, bis sich eine Umkehr bei der Preisentwicklung abzeichnet. Das Zinserhöhungstempo dürfte sich demnächst verlangsamen, sobald der Leitzinssatz im restriktiven Bereich klettert. Somit rückt das Ende des Zinserhöhungszyklus immer näher.

Allerdings könnte zuvor noch eine kräftiger Zinsschritt bevorstehen. Der überraschend starke Arbeitsmarkt hat alle Erwartungen übertroffen. Das deutet noch nicht auf einen baldigen Abschwung hin. Die Frage wird deshalb sein, wie die US-Notenbank an ihrer Zinssitzung im September reagiert. Aktuell geht der Markt davon aus, dass der Zinssatz der Fed Ende Jahr bei rund 3,5 Prozent liegen könnte.

In der Schweiz ist die Inflation mit 3,4 Prozent weit über der Toleranzgrenze der Nationalbank. So sind auch hierzulande weitere Schritte realistisch. Die SNB wird die Gelegenheit nutzen, rasch aus der Negativzinspolitik herauszukommen. Die nächste Zinsentscheidung steht im September an. Spätestens dann dürfte der negative Leitzins Geschichte sein. Die anhaltende Aufwertung des Frankens wirkt sich dämpfend auf die Teuerungstendenz aus. Somit besteht für die SNB der geringste Druck, die Zinsen stark anzuheben.

Fazit

  • Geldpolitik und Inflation treten im Hinblick auf eine mögliche Rezession in den Hintergrund.
  • Diese gegenwirkenden Treiber werden die Zinsentwicklung bestimmen und die Volatilität aufrechterhalten.
  • Wir empfehlen, auf hohe Bonitäten im Portfolio zu setzten und die Duration neutral zu halten.

4. Weitere Anlageklassen: Goldpreis profitiert nicht von rückläufigen Zinsen

Rohstoffe

Wie bei den Aktienmärkten sorgten Rezessionsängste bei den Energiepreisen zu einer stark rückläufigen Entwicklung. War ein Fass Öl Anfang Juni noch für 120 US-Dollar erhältlich, gingen die Preise auf aktuell etwas über 100 US-Dollar zurück.

Trotz der tendenziell rückläufigen Zinsen konnte der Goldpreis nicht zulegen. Hauptgrund war der starke US-Dollar. Anfang Juni lag der Preis noch bei 1'850 Dollar pro Feinunze, ging aber in der zweiten Junihälfte stetig zurück. Nach einem kräftiger Rücksetzer Anfang Juli liegt der Preis aktuell bei 1'740 Dollar und damit auf dem tiefsten Stand seit Anfang Jahr.

 

Cat Bonds

Die Wertentwicklung von Cat Bonds ist seit Jahresanfang minim negativ in Schweizer Franken. Im Juni kamen die Cat-Bond-Preise aufgrund einer erhöhten Erneuerungsaktivität am Primärmarkt leicht unter Druck. Die Marktgrösse steigt somit auf ein neues Höchst von rund 38 Mrd. US-Dollar an.

Die Verknappung an Rückversicherungskapazität führt zu einem weiteren Anstieg der Versicherungsprämien bei Neuemissionen, was sich negativ auf die Preise der ausstehenden Cat Bonds auswirkte. Ebenfalls werden bei gewissen Fonds grössere Rücknahmen getätigt, was einen zusätzlichen Druck auf die Preise ausgeübt hat. In den kommenden Monaten dürfte die Emissionsaktivität saisonal bedingt zurückgehen und somit etwas Rückenwind für die Wertentwicklung bieten.

Wir befinden uns mitten in der Hurrikan-Saison im Atlantik. Bis jetzt sind signifikanten Stürme ausgeblieben. Sollte sich das in den kommenden Monaten nicht ändern, dürften die Risikoprämien saisonal bedingt zurück gehen. In den Sommermonaten wird üblicherweise der grösste Teil der Performance bei den Cat Bonds erwirtschaftet.

Das Prämienniveau bei den Cat Bonds ist weiterhin sehr attraktiv. Die Anlageklasse bietet zudem einen wertvollen Diversifikationsvorteil im aktuellen Marktumfeld. Aus diesem Grund erachten wir den Einsatz von Cat Bonds im Portfolio weiterhin als interessant.