Geldanlagen

An den Märkten ist nun viel Negatives eingepreist

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Rolf Biland

Chief Investment Officer
Publiziert am
12. Oktober 2022

1. Lagebeurteilung: Die Sorgen um die Inflation haben den Wendepunkt erreicht

Es mehren sich die Anzeichen, dass die Inflationsraten den Zenit allmählich erreicht haben. In den USA ist im August erstmals seit längerer Zeit die Teuerung leicht von 8,5 auf 8,3 Prozent zurückgegangen. Auch in der Schweiz ist der Aufwärtstrend bei der Preisentwicklung deutlich abgeflacht. Zwischen Juni und August ist die Teuerung nur noch um 0,1 Prozentpunkte auf mittlerweile 3,3 Prozent angestiegen.

Positive Signale kommen aus den USA auch mit Blick auf die Zukunft. Die von der Universität Michigan erhobene Inflationserwartung für die kommenden zwölf Monate hat sich erstmals seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sichtbar zurückgebildet. Das geht einher mit deutlichen Preiskorrekturen bei Erdöl und Erdgas sowie den globalen Frachtraten.

Diese Entwicklung kommt zu einer Zeit, in welcher der Arbeitsmarkt vielerorts weiterhin floriert. In der Schweiz ist die Arbeitslosenquote im September erstmals seit zwanzig Jahren knapp unter die Marke von 2 Prozent gefallen. In den USA beläuft sich die Arbeitslosenrate auf 3,5 Prozent. Letztmals lag diese kurz vor Ausbruch der Pandemie derart tief. In der Eurozone liegt die Arbeitslosigkeit zwar bei 6,6 Prozent. Dieser Wert ist aber so niedrig wie noch nie seit der Einführung des Euro.


Der brummende Arbeitsmarkt bringt allerdings mit sich, dass die Notenbanken freie Hand haben, die Zinsen weiterhin kräftig anzuheben. Denn trotz abflachenden Inflationsraten sind diese aus historischer Sicht immer noch zu hoch. Gelingt es den Notenbanken nicht, die Teuerung zu reduzieren, wächst der Druck, die Löhne ebenfalls deutlich anzuheben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen im November um weitere 0,75 Prozentpunkte anhebt, ist inzwischen auf 92 Prozent gestiegen. Auch die Europäische Zentralbank und die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürften ihre Zinsen an ihrer nächsten Sitzung wohl weiter anheben.


Kurzfristig bedeutet diese Entwicklung für Aktien wenig Gutes. Die Schwankungsanfälligkeit wird angesichts der fragilen Lage weiterhin hoch bleiben. Allerdings sind die negativen Nachrichten inzwischen weitgehend eingepreist. Jegliche Information, die weniger schlecht als befürchtet ausfällt, dürfte deshalb zu kräftigen Kurserholungen führen.


Auch eine drohende Rezession wird die Finanzmärkte höchstens kurzfristig beunruhigen. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Börsen bereits wenige Monate nach Ausbruch eines wirtschaftlichen Abschwungs nach oben gedreht. In Erwartung einer darauffolgenden konjunkturellen Erholung fallen die möglichen Renditen im Durchschnitt deutlich positiv aus.

Fazit

  • Die Inflationserwartungen haben den Höhepunkt bereits überschritten.
  • Die boomenden Arbeitsmärkte bieten Potenzial für weitere deutliche Zinserhöhungen.
  • Die Aktienmärkte bleiben vorerst volatil, bieten aber mehr Potenzial nach oben als nach unten.

2. Aktien: Weitere Straffung der Geldpolitik belastet Aktienmärkte

Wurde lange Zeit den Notenbanken vorgeworfen, dass sie zu zurückhaltend auf die hohen Inflationswerte reagieren, schlug nun die Stimmung um. Viele Marktteilnehmer befürchten, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik zu stark straffen und damit die Wirtschaft in einen deutlichen Abschwung führen. Auch wenn dies sicherlich nicht die Absicht ist, hat der Fed-Vorsitzende Jerome Powell deutlich gemacht, dass ein «Soft Landing», also eine sanfte Abschwächung des Wirtschaftswachstums, immer weniger wahrscheinlich wird.

Zwar ist die Inflation in den USA zum zweiten Mal in Folge zurückgegangen, aber der Rückgang war weniger hoch als erwartet und die Kerninflation (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) legte überraschend zu. Dies führte zu einer weiteren Leitzinserhöhung der Fed in Höhe von 75 Basispunkten. Zudem gab die Fed den Zinsausblick für das Jahresende bekannt. Demnach soll der Leitzins um weitere 125 Basispunkte erhöht werden. Der Pfad für weitere Zinserhöhungen scheint somit vorgezeichnet zu sein. Der weiterhin sehr starke US-Arbeitsmarkt unterstützt das Vorgehen der Fed.

In Europa ist die Inflation hingegen nochmals stark angestiegen und liegt bei 10 Prozent. Die lange Zeit zögerliche Europäische Zentralbank hat im September die Zinsen ebenfalls um 75 Basispunkte erhöht. In den kommenden Monaten wird sie ihre Geldpolitik weiter straffen. Zudem wird sie die Zinsdifferenzen zwischen den einzelnen EU-Staaten weiterhin beobachten.

Nach dem Wahlerfolg des Rechtsbündnisses der neuen Regierungschefin Giorgia Meloni stiegen die Zinsen in Italien stark an. Gleichzeitig fiel der Euro auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren. Mit der deutlichen Abschwächung der Gemeinschaftswährung werden die Probleme in Europa nicht geringer. Auch die Schweizerische Nationalbank hat ihren Leitzins um 75 Basispunkte angehoben. Damit endet die Negativzinspolitik nach acht Jahren.

Die geopolitische Lage verunsichert weiterhin die Anlegerinnen und Anleger. So hat der russische Präsident Putin den Ukraine-Konflikt mit einer Teilmobilmachung zusätzlich angeheizt. Die EU-Staaten reagieren mit der Ankündigung neuer Sanktionen. Insbesondere der Energiemarkt in Europa bleibt aufgrund fehlender Gaslieferungen aus Russland weiter angespannt.

Diese Unsicherheiten zeigen sich bei den Wirtschaftsindikatoren: In Deutschland gaben der Ifo Geschäftsklimaindex und der Gfk Konsumklimaindex nach. In der zweitgrössten Volkswirtschaft China schwächelt vor allem das verarbeitende Gewerbe. Der Einkaufsmanagerindex fiel erneut. Für das Dienstleistungsgewerbe weist der Index jedoch ein weiteres Wachstum aus.

Bis zur zweiten Septemberwoche entwickelten sich die Aktienmärkte leicht positiv, gaben dann jedoch deutlich nach. In der schwachen Marktphase gerieten besonders Schwellenländeraktien unter Druck – auch aufgrund des aufwertenden US-Dollars. Im Umfeld fallender Aktienindizes konnte sich die Schweiz relativ zu den anderen Regionen gut behaupten. Auch der US-Aktienmarkt verlor im globalen Vergleich etwas weniger an Wert. Vor allem der europäische Aktienmarkt zählte unter den Regionen der entwickelten Länder zu den Verlierern.

In der schwachen Marktphase profitierten vor allem die defensiven Sektoren Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter. Die Pharmakonzerne Johnson & Johnson und Roche konnten den vergangenen Monat beispielsweise mit einem Plus von über 2 Prozent beenden. Zu den Verlierern gehörte der zinssensitive IT-Sektor. So haben die Unternehmen Apple und Microsoft sowie der Grafikkartenhersteller Nvidia überdurchschnittlich stark nachgegeben. Auch unter den Schwellenländern gaben vor allem Technologieunternehmen nach, wie beispielsweise der taiwanesische Chiphersteller TSMC und der koreanische Elektronikkonzern Samsung Electronics.

Fazit

  • Die Zinsanstiege führten zu einem schwachen Aktienmonat.
  • Die Unsicherheiten an den Aktienmärkten sind weltweit gestiegen.
  • Insbesondere zinssensitive Unternehmen belasten die Aktienmärkte.

3. Zinsen: SNB vollzieht den Ausstieg aus der Negativzinspolitik

Im September setzte sich die Volatilität an den Finanzmärkten fort und die Zinsen stiegen in allen Regionen. In Europa und in den USA stiegen die Zinsen über kürzere Laufzeiten am stärksten an. In der Schweiz fiel der Zinsanstieg etwas geringer aus und betraf insbesondere längere Laufzeiten.

Diese Entwicklung führte dazu, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ihren Höchststand vom Juni deutlich überschritt und sich der Vier-Prozent-Marke näherte. In Europa überstieg die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe zwei Prozent und lag damit so hoch wie zuletzt im Jahr 2013. Nur in der Schweiz war der Zinsanstieg etwas geringer. Die Rendite zehnjähriger Eidgenossen verharrt bei rund 1,2 Prozent und liegt somit etwas tiefer als beim Höchststand von Mitte Juni.

Die Jahresteuerung der Konsumentenpreise gab zuletzt leicht nach. Die Inflation in den USA geht allerdings nur sehr langsam vom Höchststand im Juni zurück und verharrte im August weiterhin auf dem sehr hohen Niveau von 8,3 Prozent. Die Kerninflation, welche die volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreise ausschliesst, kletterte sogar weiter auf 6,3 Prozent und lag damit über den Erwartungen. In Europa stiegen die Konsumentenpreise noch stärker. Mit 10 Prozent wurde im September ein neuer Rekordwert erreicht. Die Zentralbanken sind weltweit darum bemüht, ihre Geldpolitik möglichst schnell zu straffen, um den Preisdruck zu lindern.

Nachdem die EZB im September die höchste Zinserhöhung seit Einführung des Euro ankündigte, bleiben die Erwartungen für weitere grosse Zinsschritte hoch. Mit 0,75 Prozent ist der Einlagesatz noch immer zu tief für die Teuerung in die Eurozone. An den Märkten wird per Ende Jahr mit einem Einlagesatz von 2 Prozent gerechnet. Trotz der Verlangsamung der europäischen Wirtschaft und der substantiellen Rezessionsgefahr dürfte es 2023 weitere Zinserhebungen der EZB geben.

Die US-Notenbank Fed zeigt sich ebenfalls entschlossen, die Inflation zu bekämpfen. Im September erhöhte sie zum dritten Mal in Folge die Leitzinsen um 0,75 Prozent. Die Zielbandbreite des US-Leitzinses liegt aktuell zwischen 3,0 und 3,25 Prozent. Weitere Anhebungen werden in den kommenden Monaten erwartet. Dabei könnten die Leitzinsen in den USA bis Ende Jahr auf eine Zielbandbreite zwischen 4 und 4,5 Prozent ansteigen.

Die Prognose der Fed zur Teuerung der Konsumentenpreise in den USA liegt für die Jahre 2023 und 2024 über dem Zielniveau von 2 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass die Geldpolitik für eine längere Zeit restriktiv bleiben könnte. Trotzdem stellt die Notenbank ein zeitnahes Ende der Zinserhöhungen in Aussicht. Der Höchststand der US-Leitzinsen dürfte bereits im ersten Quartal 2023 erreicht werden.

Auch in der Schweiz liegt die Jahresteuerung mit 3,3 Prozent deutlich über dem Zielwert der Schweizerischen Nationalbank. Daher führte die SNB im September eine weitere Zinserhöhung durch. Der Leitzins liegt aktuell bei 0,5 Prozent. Somit ist der Ausstieg aus der Negativzinspolitik auch in der Schweiz vollzogen.

Die SNB erwartet für das kommende Jahr eine Teuerung von 2,4 Prozent. Dies rechtfertigt weitere Zinserhöhungen. SNB-Präsident Thomas Jordan räumte zudem ein, eine unerwünschte Abwertung des Schweizer Frankens verhindern zu wollen. Dank der Aufwertung des Frankens wurde ein grosser Teil der importierten Teuerung absorbiert. Ein anhaltender Aufwertungsdruck der Schweizer Landeswährung wird der SNB ermöglichen, den Leitzins weniger stark als in der Eurozone zu erhöhen.

Fazit

  • Die rekordhohe Inflation und die Straffung der Geldpolitik halten die Märkte weiterhin im Griff.
  • Das Ende des Zinsstraffungszyklus in den USA rückt näher.
  • Somit dürfe der Anstieg der Kapitalmarktzinsen zeitnah gestoppt werden.

4. Weitere Anlageklassen: Rezessionsängste und steigende Zinserwartungen führen zu rückläufiger Entwicklung bei Öl und Gold

Rohstoffe

Wie bei den Aktienmärkten sorgten Rezessionsängste auch bei den Energiepreisen zu einer stark rückläufigen Entwicklung. War ein Fass Öl der Sorte Brent Anfang September noch für 95 US-Dollar erhältlich, gingen die Preise zwischenzeitlich auf etwas über 80 US-Dollar zurück und lagen sogar kurzfristig nahe bei den Jahrestiefstwerten. Nach der Entdeckung der Lecks an den Nord-Stream-Pipelines setzte der Ölpreis zu einer kurzfristigen Aufholjagd an. Diese wurde durch den OPEC+-Entscheid, die Ölfördermenge zu reduzieren, unterstützt. Damit notierte ein Fass Öl am Freitag bei rund 98 US-Dollar.

Der Anstieg der Zinserwartungen und der starke US-Dollar belasteten den Goldpreis im September weiter. Nachdem der Preis Anfang September konsolidierte, setzte sich der Abwärtstrend ab Mitte Monat fort. Der Goldpreis fiel unter die Marke von 1'700 US-Dollar und erreichte bei 1’613 US-Dollar seinen bisherigen Jahrestiefstwert. Aufgrund erhöhter Unsicherheiten in Europa nach dem Wahlsieg des Rechtsbündnisses in Italien und der Bekanntgabe von neuen Steuerplänen durch Liz Truss in Grossbritannien zog die Notierung kurzfristig an, konnte aber die Marke von 1'700 US-Dollar nicht überschreiten.

Cat Bonds

Die Wertentwicklung von Cat Bonds wurde im vergangenen Monat durch den Hurrikan «Ian» stark beeinträchtigt. Am 28. September ist er in Florida auf Land getroffen. Als Hurrikan der zweithöchsten Kategorie 4 gilt «Ian» als einer der stärksten Wirbelstürme in Florida seit 1851. Mit einer extremen Windgeschwindigkeit von 250 km/h und grossen Überschwemmungen hat «Ian» enorme Schäden angerichtet. Erste Schätzungen liegen zwischen 30 und 90 Mrd. US-Dollar. Die effektiven Schäden werden in den kommenden Wochen noch genauer beurteilt. Mit Sicherheit kann bereits jetzt gesagt werden, dass die Schäden von «Ian» mit dem Hurrikan «Katrina» aus dem Jahr 2005 vergleichbar sind.

Sobald die Versicherungsschäden klar sind und potentielle Wertverluste von einzelnen Cat Bonds besser geschätzt werden können, werden sich die Cat Bond Preise stabilisieren. Allerdings muss vorerst mit erhöhter Volatilität gerechnet werden. Die Erholungsphase wird etwas später eintreten.

Trotz der jüngsten Naturkatastrophe, liegt die Rendite von Cat Bonds seit Jahresbeginn noch immer vor Zinswerten oder Aktien. Da Naturereignisse nicht an die Entwicklung der Finanzmärkte gebunden sind, dient die Anlageklasse weiterhin sehr gut der Diversifikation.