Geldanlagen

Die nächsten Zinsschritte fallen kleiner als erwartet aus

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Chefökonom Christoph Sax.

Christoph Sax

Chief Investment Officer
Publiziert am
11. Januar 2023

1. Lagebeurteilung: Weitere Zinsschritte in den nächsten Monaten

Die Notenbanken sehen nach wie vor einen nachlassenden Inflationsdruck. Sie haben aber die Inflationsprognosen für dieses Jahr etwas angehoben, weil der Preisauftrieb nicht ganz so schnell nachlässt wie erhofft. Für die nächsten Monate rechnen die Notenbanken deshalb mit mehr Zinsschritten als vom Markt zunächst antizipiert. Besonders überrascht hat die EZB, welche mehrere weitere Leitzinserhöhungen um 0,5 Prozentpunkte in Aussicht gestellt hat.

In der Schweiz und in den USA zeichnet sich dagegen eine Verlangsamung der geldpolitischen Straffung mit kleineren Zinsschritten ab. Der grösste Teil der Leitzinserhöhungen dürfte bereits erfolgt sein.

Die geldpolitische Straffung hemmt die globale Nachfrage. Die Weltwirtschaft dürfte 2023 nur schwach expandieren. Sowohl für Europa als auch für die USA deuten die Konjunkturindikatoren auf eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums hin. In der Eurozone ist die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal vermutlich sogar gesunken. Die Stimmungsindikatoren der Währungsunion haben sich im Dezember aber in vielen Bereichen verbessert, so dass die Konjunkturdelle über das Winterhalbjahr letztlich nicht so gravierend ausfallen sollte wie zunächst befürchtet.

Bei Rohstoffen und Handelswaren sorgt die schwächere globale Nachfrage für niedrigere Preise. Die Inflationsraten sind deshalb in den meisten Ländern zuletzt gefallen. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen – wenn auch nicht ganz so zügig wie erhofft, zumal Chinas Aufhebung der Pandemieschutzmassnahmen die Nachfrage aus Asien beleben wird. In der Schweiz wird der Anstieg der Strompreise für die privaten Haushalte dafür sorgen, dass die Teuerung zwischenzeitlich stagnieren oder sogar nochmals ansteigen könnte. Für die Finanzmärkte bleibt die Inflation auch im neuen Jahr der Dreh- und Angelpunkt.

Gemäss der neusten Prognose der SNB wird die Inflationsrate in der Schweiz gegen Ende Jahr wieder unter 2 Prozent sinken. Damit dürften die Franken-Zinsen im weiteren Jahresverlauf ihren Höhepunkt erreichen. Für die Aktien- und Obligationenmärkte sollten sich die Perspektiven dadurch deutlich verbessern.

Fazit

  • In der Schweiz und in den USA zeichnet sich eine Verlangsamung der Zinsschritte ab.
  • Die EZB überrascht mit einem unerwartet restriktiven Ausblick.
  • Der Einbruch der Konjunktur in der Eurozone dürfte sich in Grenzen halten.

2. Aktien: Noch immer hohe Gewinnerwartungen

Die getätigten Bremsmanöver der Notenbanken sollten langsam ihre Wirkung entfalten. Wichtig ist, wie schnell die Teuerung in den einzelnen Ländern und Regionen zurückkommen wird. In den USA stehen insbesondere die Zahlen zum Arbeitsmarkt im Fokus. Für eine nachhaltige Abschwächung der Inflation ist eine Entspannung am Arbeitsmarkt zwingend. Bei den Haushalten in den USA ist aber eine gewisse Wirkung der geldpolitischen Straffung erkennbar. So sind die Konsumausgaben nicht weiter angestiegen, und die Nachfrage nach Gütern schwächt sich ab. Auch in der Industrie hat die Produktion im zweiten Monat in Folge leicht nachgelassen.

In Europa hat sich die Stimmung weiter aufgehellt. Der bisher sehr milde Winter lässt die Gefahr einer Energieknappheit sinken. Gleichzeitig hat die Teuerung ihren Höhepunkt überschritten. Die Stimmung der Unternehmen hat sich in der Währungsunion deshalb zuletzt aufgehellt. Nichtsdestotrotz dürfte das Wirtschaftswachstum 2023 in der EU schwächer ausfallen als in den USA. Dies dürfte auch die Schweiz zu spüren bekommen: Der Aussenhandel wird vermutlich keinen positiven Beitrag zum Wachstum der Schweizer Wirtschaft leisten. Immerhin ist der Binnenkonsum weiter intakt, und die Unternehmen können die Gewinnmargen bisher gut halten.

Die Erwartungen an die Gewinne der Unternehmen sind aber nach wie vor hoch. Ob diese erfüllt werden, wenn sich die Konjunktur global abkühlt, gilt abzuwarten. Wie gewohnt werden die Grossbanken in den USA den Auftakt zur Gewinnsaison machen und erste Antworten liefern. Deren Ausblick auf die globale Wirtschaft dürfte zudem interessante Einblicke liefern.

Fazit

  • Konjunktursorgen belasten die Aktienmärkte.
  • Die Entwicklung der Inflation bleibt auch 2023 zentral.
  • Unternehmensgewinne rücken in den Fokus.

3. Zinsen: Erste Senkungen kaum vor 2024

Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat an der letzten Zinssitzung angedeutet, dass auch dieses Jahr mehrere grosse Leitzinshöhungen bevorstehen könnten. Im März wird die EZB zudem ihre Bilanzverkleinerung anstossen. Dabei werden auslaufende Anleihen in Umfang von 15 Milliarden Euro pro Monat nicht mehr wiederangelegt. Der Liquiditätsentzug dürfte dazu beitragen, dass die Teuerung in der Eurozone stärker gebremst wird. Im Dezember hatte sich der Preisdruck etwas verlangsamt, blieb aber weiterhin weit weg vom eigentlichen Zielwert.

In Nordamerika verlangsamt sich die Teuerung seit dem Sommer. Diese Entwicklung hatte sich zuletzt sogar etwas intensiviert. Das Notenbank-Gremium stellt deshalb in Aussicht, dass die Zinsen in den kommenden Monaten nur noch leicht angehoben werden und dieses Jahr bis auf 5 bis 5,25 Prozent steigen dürften. Wie dem Protokoll der Dezembersitzung zu entnehmen ist, sind sich die Mitglieder des Fed einig, dass es frühestens im kommenden Jahr zu ersten Zinssenkungen kommen könnte. Der Markt zeigt sich etwas optimistischer und erwartet bereits für die zweite Jahreshälfte eine erste Senkung des Leitzinses.

Hierzulande zeigte sich die Schweizerische Nationalbank (SNB) in ihrer Kommunikation ebenfalls etwas restriktiver als erwartet. So sind weitere Zinserhöhungen absehbar, da auch 2023 die Inflation überdurchschnittlich hoch bleiben dürfte. Die SNB hat in ihrem Ausblick die Inflationserwartungen etwas angehoben. Sie rechnet für Ende 2023 mit einem Leitzinsniveau von 1,5 bis 2 Prozent, was im Vergleich zu den USA oder zur Eurozone ein tiefer Wert ist.

Die SNB nutzt den starken Franken als zusätzliches Mittel, um die Inflation zu bremsen. Die jüngste Entwicklung der SNB-Sichtguthaben deutet darauf hin, dass die SNB begonnen hat, dem Markt Liquidität zu entziehen, was den Franken tendenziell stärkt. Die Überschussliquidität im Schweizer Bankensystem ist jedoch nach wie vor sehr gross.

Fazit

  • 2023 werden die grossen Notenbanken voraussichtlich ihren Zinserhöhungszyklus beenden.
  • Erste Leitzinssenkungen sind aber noch nicht in Griffnähe.
  • Nachdem Anleihen 2022 rekordhohe Verluste verzeichneten, stehen die Chancen auf eine Kurserholung im neuen Jahr gut.

4. Weitere Anlageklassen: Immobilien stabil, Ölpreis unter Druck

Immobilien

Schweizer Immobilien-Beteiligungsgesellschaften und -Fonds schauen – wie viele andere Anlageklassen – auf ein schlechtes 2022 zurück. Dabei haben Immobilienfonds im Jahresverlauf deutlicher gelitten als Immobilienaktien. Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, wie sich die Zinspolitik der SNB auf die Bewertung der Immobilien auswirkt. In ihrem jüngsten Ausblick deutet die SNB nämlich an, dass die Zinsen noch weiter steigen könnten, wenn auch in kleineren Schritten. Der Zinserhöhungszyklus dürfte voraussichtlich gegen Jahresmitte beendet werden.

Die Agios der Immobilienfonds haben sich bei 11 Prozent stabilisiert (Stand Dezember). Es besteht nach wie vor eine grosse Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Segmenten. Fonds mit Fokus auf kommerzielle Immobilien werden teilweise mit grossen Disagios gehandelt, während Wohnliegenschaften weiterhin gefragt sind und mit einem Aufpreis zum Nettoinventarwert gekauft werden.

Die Dividendenrendite von Immobilienanlagen ist immer noch deutlich höher als die Rendite von Schweizer Staatsanleihen. Zudem bieten Immobilien einen besseren Inflationsschutz, was weiterhin für diese Anlageklasse spricht.

Rohstoffe

Der Goldpreis ist seit Anfang Dezember rund 7 Prozent gestiegen und notiert aktuell bei 1'885 US-Dollar. Er profitierte vor allem von der Schwächetendenz des Dollars.

Der Ölpreis geriet dagegen unter Druck. Globale Zins- und Konjunktursorgen schickten die Ölnotierungen Anfang Dezember auf Talfahrt. Der Ölpreis verlor innert weniger Tage rund 10 Prozent an Wert und tauchte zwischenzeitlich bis auf 76 Dollar.

Die Lockerung der Pandemie-Schutzmassnahmen in China führte zu einer zwischenzeitlichen Erholung. China ist der zweitgrösste Ölverbraucher der Welt. Der starke Anstieg der Corona-Fallzahlen nach der wirtschaftlichen Öffnung Chinas und damit verbundene Konjunktursorgen liessen den Ölpreis zuletzt aber wieder deutlich sinken. Ein Fass Brent kostet aktuell rund 8 Prozent weniger als noch Ende November.