Geldanlagen

Das erwartet die Anleger im Börsenjahr 2023

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Chefökonom Christoph Sax.

Christoph Sax

Chief Investment Officer
Publiziert am
14. Dezember 2022

1. Lagebeurteilung: Der Inflationsdruck lässt etwas nach

Die Inflation hat im Schlussquartal vielerorts ihren Höhepunkt über-schritten. Die Marktreaktion fiel zeitweise positiv aus, obschon noch keine allzu starke Abschwächung der Teuerung erkennbar ist. Die Aktien- und Obligationenmärkte haben im November erneut Terrain gutgemacht, so dass die Performance der Finanzmärkte per Ende Jahr weniger stark negativ ausfallen dürfte als noch im Frühherbst befürchtet wurde.

Aufgrund von Fortschritten bei der Inflationsbekämpfung haben die Zentralbanken eine weniger zügige Straffung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Insbesondere die US-Notenbank Fed, welche die globale Stossrichtung und das Tempo der Leitzinserhöhungen bislang vorgegeben hat, verfolgt diesen Weg. Der US-Dollar ist zwischenzeitlich unter starken Abwärtsdruck geraten, obschon auch in den USA noch kein Ende der Leitzinserhöhungen absehbar ist. Die Zinsschritte dürften allerdings kleiner werden. Die Zeit mit Zinserhöhungen von bis zu 0,75 Prozentpunkten scheint vorbei zu sein.

In praktisch allen Industrieländern deuten die Vorlaufindikatoren auf eine Wirtschaftsabkühlung hin. In der Industrie und im Baubereich hat sich die Investitionstätigkeit aufgrund der unsicheren Aussichten und der hohen Zinsen abgeschwächt. Vor allem in Nordamerika hatte die Baubranche pandemiebedingt Hochkonjunktur, die nun endet. Für Bauherren sind dies jedoch nicht nur schlechte Nachrichten: Baumaterial ist deutlich günstiger geworden und wieder besser verfügbar. Die Lieferengpässe haben nachgelassen.

<P>Nach wie vor präsentieren sich die Arbeitsmärkte robust. In der Schweiz ist die Arbeitslosenquote im November saisonal bereinigt auf 2,0 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Auch der US-Arbeitsmarkt ist weiterhin in guter Verfassung. Im November wurden erneut mehr Stellen geschaffen als erwartet, die Arbeitslosenquote verharrt nahe historischer Tiefstände. Dank der tiefen Arbeitslosigkeit entwickelt sich der Privatkonsum trotz eingetrübter Konsumentenstimmung und hoher Inflation positiv.

<P>In den USA dürfte der Einzelhandel im Schlussquartal rund 3 Prozent mehr eingenommen haben als im Vorjahr, wo es dank grosszügiger staatlicher Stützungsmassnahmen und beschränkter Verfügbarkeit von Dienstleistungen einen Konsumboom bei Waren gab.

Für das kommende Jahr erwarten Ökonomen eine deutliche Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums. Zwischenzeitlich wird sogar mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung gerechnet. Die gute Verfassung der Arbeitsmärkte lässt viele Analysten jedoch auf einen milden Verlauf der bevorstehenden Rezession schliessen.

Fazit

  • Erleichterung an den Finanzmärkten infolge des Überschreitens der Inflationshöhepunkte.
  • Die Arbeitsmärkte sind nach wie vor in guter Verfassung.
  • Das globale Wirtschaftswachstum wird 2023 deutlich niedriger ausfallen.

2. Aktien: Das Umfeld bleibt verhalten freundlich

Die Aktienmärkte legten nach dem starken Oktober auch im November zu. Dabei blieb die Stimmung unter den Marktteilnehmern über den gesamten Monat hinweg eher positiv. Verschiedene Datenpunkte schürten die Hoffnung, dass die Notenbanken ihr Tempo bei den zukünftigen Leitzinsanhebungen drosseln könnten. Insbesondere die tiefer als erwarteten Inflationszahlen in den USA führten zu Kursgewinnen an den Aktienmärkten.

Wie bereits über das gesamte Jahr zu beobachten war, schlug die Stimmung aber auch in diesem Fall wieder um. Seit Anfang Dezember dominieren wieder die Konjunktursorgen, was in den letzten Tagen bei den meisten Aktienregionen nachgebende Aktienkurse zur Folge hatte.

Die erfreulichen US-Inflationszahlen führten zu einer deutlichen und abrupten Abwertung des US-Dollars. Dadurch schnitt der US-Aktienmarkt in Schweizer Franken gerechnet seit Anfang November schwächer ab als andere Aktienregionen.

Besser war die Aktienmarktentwicklung in Europa. Die Wirtschaft in der Europäischen Union konnte im dritten Quartal weiter zulegen. Aber auch Meldungen darüber, dass die Energiespeicher gut gefüllt sind und die wegfallenden russischen Energieimporte weitgehend substituiert werden konnten, sorgten für ein besseres Umfeld in Europa. Zudem zeigen die ersten Zahlen zur Inflation im November, dass auch in Europa der Höchststand überschritten sein könnte.

Noch besser lief es seit Anfang November für Schwellenländeraktien. Waren chinesische Aktien für das bislang schwache Abschneiden in diesem Jahr hauptverantwortlich, sorgten ebendiese zuletzt für eine verbesserte Performance. Die Hoffnung auf Lockerungen der bisher sehr restriktiven Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung gab den Aktien etwas Aufwind. Auch wenn verschiedene Meldungen diese Hoffnung stützen, dürften die Corona-Schutzmassnahmen nur sehr zögerlich zurückgefahren werden. Zudem sind Lockdowns für ganze Stadtteile auch in den nächsten Monaten nicht auszuschliessen.

Die Öffnung Chinas dürfte aber die globale Wirtschaft stützen. Für die Schweiz könnte dies bedeuten, dass ein Teil der wegfallenden Exporte nach Europa durch eine verstärkte Nachfrage aus China aufgefangen wird. Auch bei verschiedenen Rohstoffen führten die Meldungen zu höheren Preisen. Dies wiederum trug dazu bei, dass der Sektor Basismaterialien in den letzten Wochen am stärksten zulegen konnte.

Aber auch einzelne Unternehmen, wie etwa der französische Luxusgüterkonzern LVMH oder Richemont, legten stark an Wert zu. Am anderen Ende der Skala sind die Energiekonzerne zu finden. Insbesondere die deutlich tieferen Ölpreise führten zum schwachen Abschneiden des Sektors.

Nach der guten Stimmung an den Aktienmärkten in den vergangenen beiden Monaten rückten Anfang Dezember wieder Rezessionsängste in den Vordergrund. Verschiedene Indikatoren deuten auf eine Abschwächung der Wirtschaft hin. So sind die Einkaufmanagerindizes (PMI) bereits für alle Regionen ausser der Schweiz im Kontraktionsbereich. Aber auch hierzulande schwächten die Werte im vergangenen Monat ab. Insbesondere die Werte für das verarbeitende Gewerbe verschlechterten sich.

Aktuell ist noch nicht abschätzbar, welche Regionen von einer Rezession betroffen sein werden und wie stark sie ausfallen wird. Aufgrund der Kurskorrekturen in diesem Jahr scheint Bewertung einzelner Unternehmen oder Sektoren jedoch zunehmend lukrativ. Dennoch dürften die Unternehmensgewinne in den nächsten Monaten zurückgehen und die attraktiv erscheinenden Bewertungen etwas relativieren.

Fazit

  • Eine positive Stimmung trug zum guten Aktienmonat November bei.
  • Eine Öffnung der chinesischen Wirtschaft könnte die globale Nachfrage stützen.
  • Die Schwankungen an den Aktienmärkten dürften anhalten.

3. Zinsen: Straffung der Geldpolitik vorerst in kleineren Schritten

Anfang November erreichten die Zinsen neue Höchststände. Nach der starken Aufwärtsbewegung im September und Oktober stoppte der Zinsanstieg im November, und die Zinsen korrigierten deutlich. Insbesondere in den USA war der Rückgang spürbar, aber auch in der Eurozone gingen die Zinsen zurück. Aufgrund der Konjunktursorgen gaben die Zinssätze für längere Laufzeiten etwas stärker nach als kurzlaufende Zinsen.

In der Schweiz schlugen die Zinssätze in den letzten Monaten ihren eigenen Weg ein. Die Zinsen der kurzlaufenden Eidgenossen stiegen deutlich an, während die langfristigen Zinssätze nur leicht nachgaben.

Die Entspannung bei den Zinsen verbesserte die Anlegerstimmung, was sich in rückläufigen Risikoaufschlägen am Kreditmarkt spiegelte. Dies trug zu deutlichen Wertsteigerungen bei vielen festverzinslichen Papieren bei. Die Obligationenmärkte konnten einen Teil der Kursverluste wiedergutmachen.

Auslöser für die positive Marktentwicklung waren die Anfang November publizierten Inflationszahlen aus der USA. Diese zeigten auf, dass die US-Teuerung im Oktober stärker als erwartet zurückgegangen ist. Gleich-zeitig haben die grossen Zentralbanken eine Verlangsamung der Zinserhöhungen angedeutet. Die Hoffnung, dass die Inflation in den USA ihren Höhepunkt überwunden hat und die Erwartung einer langsameren Straffung der Geldpolitik in den USA und in Europa liessen den Markt aufatmen.

Mit der Leitzinserhöhung im November von 3,00 bis 3,25 Prozent auf 3,75 bis 4,0 Prozent signalisierte die US-Notenbank Fed, dass in Zukunft kleinere Schritte angebracht sind. Diese Absicht wurde im Protokoll der letzten Fed-Sitzung bestätigt. Im Dezember werden die neuen makroökonomischen Prognosen der Fed-Mitglieder veröffentlicht. Erwartet wird, dass die US-Notenbank den Höchststand ihrer Leitzinsen im neuen Jahr etwas höher ansetzten dürfte. In den folgenden Jahren aber dürfte mit einer langsamen Senkung der Leitzinsen gerechnet werden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im vergangenen Monat keine Zinsentscheidung getroffen. Der Einlagesatz liegt seit Oktober bei 1,5 Prozent. Einzelne EZB-Mitglieder argumentieren zunehmend, dass zukünftige Zinserhöhungen geringer ausfallen dürften als bislang. Aufgrund einer drohenden Rezession in der Eurozone versucht die EZB eine exzessive Straffung der Geldpolitik zu vermeiden.

Gleichzeitig ist die Inflation in der Eurozone trotz des jüngsten Rückgangs mit 10 Prozent weit vom 2 Prozent-Ziel der EZB entfernt. Der Zinserhöhungszyklus dürfte auch in der Eurozone im kommenden Jahr ein Ende finden. Aktuell erwarten die Marktteilnehmer, dass der Einlagesatz Mitte 2023 bei rund 3 Prozent liegen wird.

In der Schweiz ist die Inflation deutlich niedriger als im Ausland. Sie ist seit August rückläufig und liegt aktuell bei 3 Prozent – und damit noch immer über dem Ziel der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 0 bis 2 Prozent. Die SNB wird den Leitzins deshalb weiter anheben. Die SNB wird im Dezember ebenfalls ihre Inflationsprognose aktualisieren. Wenn die erwartete Inflation über die nächsten 12 Monate nicht unter 2 Prozent sinkt, muss auch in der Schweiz mit weiteren kleineren Zinsschritten gerechnet werden.

Fazit

  • Die hohe Anzahl und das Ausmass an Zinserhöhungen haben im vergangenen Jahr die globalen Finanzmärkte im Griff gehalten.
  • Mit dem baldigen Ende der geldpolitischen Straffung und der erwarteten Inflationsabschwächung rückt fokussieren sich Anleger verstärkt auf die Konjunkturentwicklung.
  • Zinswerte wirken so attraktiv wie seit Jahren nicht mehr und versprechen zukünftig im Portfolio zu einer besseren Diversifikation beizutragen.

4. Weitere Anlageklassen: Goldpreis steigt, Ölpreise stehen unter Druck

Rohstoffe

Der Goldpreis ist seit Anfang November rund 9 Prozent gestiegen und liegt bei 1'786 US-Dollar. Auch im November war eine starke Abhängigkeit von den Zinsen und dem US-Dollar zu beobachten. Nachdem die US-Inflationszahlen tiefer als erwartet ausgefallen sind, sanken in den USA die Zinsen und der US-Dollar wertete stark und abrupt ab. Dies führte zu einem Anstieg des Goldpreises.

Dagegen schickten globale Konjunktursorgen im November den Ölpreis auf Talfahrt. War ein Fass der Sorte Brent am Anfang des Monats noch für rund 95 US-Dollar erhältlich, notiert der Preis inzwischen beinahe 20 Prozent unter diesem Niveau (77 US-Dollar). Anfang Dezember trat zudem die EU-Sanktion in Kraft, dass der Ölpreisdeckel für russisches Öl bei 60 US-Dollar liegt. Inwiefern diese Sanktion den Ölpreis beeinflusst, werden die nächsten Wochen zeigen.

Cat Bonds

Cat Bonds warfen im November positive Renditen ab. Der Hurrikan Ian, der Ende September die Küste von Florida traf, führte zwischenzeitlich zu einem deutlichen Einbruch der Wertentwicklung. Mit dem positiven Kursverlauf im vergangenen Monat konnten die Verluste teilweise kompensiert werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass einige Versicherer geringere Schäden durch Ian gemeldet haben als ursprünglich befürchtet. Es wird erwartet, dass sich die negativ betroffenen Anleihen in den kommenden Monaten weiter erholen werden.

Mit dem Ende der Hurrikansaison im Atlantik hat die Aktivität auf dem Primärmarkt angezogen. Im November wurden neue Cat Bonds in Höhe von rund 500 Mio. USD platziert. Es fällt auf, dass die Transaktionsvolumen im Vergleich zu Vorjahr geringer ausfallen. Gleichzeitig sind die Versicherungsprämien massiv gestiegen. Dies ist auf die sehr beschränkt verfügbare Rückversicherungskapazität auf dem Markt zurückzuführen.

Die höheren Erneuerungsprämien reflektieren sich in einer negativen Preisentwicklung. Solange Cat Bonds nicht von Schäden im Verlauf der Restlaufzeit betroffen sind, wird der Anleger das investierte Kapital jedoch vollumfänglich zurückerhalten. Andererseits profitieren Anleger von höheren erwarteten Renditen auf neuemittierte Anleihen.

Die Situation auf dem Primärmarkt wird in den kommenden Monaten zu kurzfristiger Volatilität führen. Das Niveau der Rückversicherungsprämien ist im historischen Vergleich sehr attraktiv.