Geldanlagen

Weshalb Börsenprognosen so häufig falsch sind

Um die Jahreswende publizieren viele Banken und Vermögensverwalter einen Ausblick auf die kommenden Monate. Anlegerinnen und Anleger sind gut beraten, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.

Markus Lackner

Leiter Research

Die einen hängen ihre Prognose an die grosse Glocke, andere machen es etwas diskreter. Aber um eine klare Aussage, wie die eigenen Strategen und Anlagechefs die Lage an den Märkten für die kommenden zwölf Monate einschätzen, kommt kaum mehr ein Finanzinstitut herum. Zum einen wollen die Kundinnen und Kunden Hinweise haben, wo nach Ansicht der Hausbank die grössten Renditechancen liegen, zum anderen müssen sich die Institute auch Gedanken machen, wie sie die ihnen anvertrauten Vermögen anlegen wollen.

So werden auch dieses Jahr wieder Prognosen abgegeben, auf welchem Stand der Schweizer Leitindex SMI (Swiss Market Index) das laufende Börsenjahr beenden wird. Wie das Finanzportal cash.ch ermittelt hat, liegen dabei die Schätzungen zwischen 12'800 und 13'700 Punkten – aktuell (Stand 12. Januar 2022) liegt der Indexstand bei 12'700. Je nach Finanzinstitut liegt entweder ein flaues oder ein durchaus gutes Aktienjahr drin.

 

Allerdings zeigt allein ein Blick auf das vergangene Jahr, wie sehr Prognostiker mit ihren Analysen daneben liegen können. Eine überregionale Bank hatte etwa Anfang 2021 empfohlen, Schweizer und amerikanische Aktien zu reduzieren. Anleger, die diesem Rat gefolgt sind, hätten auf eine überaus starke Rendite verzichten müssen. Eine Grossbank wiederum sah eine der grössten Renditechancen für 2021 bei Schwellenländeraktien. Tatsächlich schlossen diese das Jahr mit einem Kursminus ab – auch hier wäre man beispielsweise mit einem ETF oder Indexfonds auf Aktien aus den USA, Europa oder Schweiz deutlich besser gefahren. 

Das wirft Fragen auf: Weshalb ist die Prognosefähigkeit an den Finanzmärkten so bescheiden, wenn doch die Finanzanalyse in den vergangenen Jahrzehnten mit riesigem Aufwand mit dem Ziel, die Qualität der Prognose zu verbessern, verfeinert worden ist? Weshalb werden Anleger immer wieder von Börsencrashs oder von Kursfeuerwerken überrascht? Gleichzeitig machen in anderen Disziplinen Vorhersagen erkennbare Fortschritte. Die Meteorologie beispielsweise ist heute in der Lage, auf eine Woche hinaus recht präzise Prognosen zu machen. Vor zwanzig oder dreissig Jahren waren Wettervorhersagen von solch hoher Qualität wie heute undenkbar. 

Falsche Annahmen von Ökonomen

Die Antwort auf die Fragen ist einfach. Es ist der Mensch, der den komplexen Modellen der Wirtschaftswissenschafter immer wieder einen Streich spielt. Die Mehrheit der Ökonomen geht bis heute fälschlicherweise davon aus, dass der Mensch immer rationale Investitionsentscheide fällt und sich nicht von seinen Emotionen leiten lässt. Aufgrund dieser Fehlannahme versuchen Wirtschaftswissenschafter, die Kursentwicklung mit naturwissenschaftlichen Methoden vorherzusagen.

Im Unterschied zur Meteorologie und zu anderen Naturwissenschaften beeinflusst der Mensch mit seinem oft irrationalen Verhalten die Entwicklungen an den Finanzmärkten direkt. Seine unberechenbaren Entscheidungen wirken sich unmittelbar auf die Aktienkurse aus. Die klassische Finanzmarkttheorie berücksichtigt diese Erkenntnis bis heute allerdings kaum.

Prognosen sind nur Momentaufnahmen

Deshalb sollten Anleger Prognosen als das betrachten, was sie letztlich sind: Momentaufnahmen, die schon schnell wieder überholt sein können. Auf die Aktualität übertragen heisst das: Unvorhersehbare Einflüsse wie etwa eine neue Virusvariante, eine plötzlich zurückgehende Teuerungsrate in den USA oder eine sich unerwartet ändernde Geldpolitik der Notenbanken können das Marktumfeld derart verändern, dass sämtliche Prognosen vom Jahresbeginn stark überarbeitet werden müssten. 

Für Anleger bedeutet dies, dass sie besser fahren, wenn sie an ihrer strategischen Positionierung langfristig festhalten anstatt sie jedes Jahr von neuem aufgrund von Prognosen anzupassen. Denn mit einem breit aufgestellten Portfolio ist man an der Börse auch für 2022 gut gerüstet – unabhängig davon, was prophezeit wird.

Tipp: Um zu wissen, ob das eigene Wertschriftendepot wirklich sinnvoll diversifiziert ist, lohnt sich ein unabhängiger Depot-Check. Ein Depot-Check deckt die Schwächen eines Depots und die offensichtlichen Interessenskonflikte der Banken auf. Er zeigt, wenn ein Anleger zu hohe Risiken eingeht und Chancen zu wenig nutzt.