Geldanlagen

Hoffnungen auf eine Rückkehr zur Normalität keimen auf

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 8. Juni 2022. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

1. Lagebeurteilung: Leichte Beruhigung an den Finanzmärkten

Ist das Schlimmste für die Wirtschaft – und damit für die Finanzmärkte – schon vorbei? Diese Frage treibt viele Ökonomen um, und niemand kennt die genaue Antwort. Immerhin lässt sich feststellen, dass sich die Börsen zuletzt etwas beruhigt haben. Das zeigt sich auch am amerikanischen Volatilitätsindex VIX, der die Schwankungsanfälligkeit von Aktien misst und sich zuletzt wieder etwas zurückgebildet hat.

Der Grund für die zwischenzeitliche Beruhigung nach dem turbulenten Start ins Jahr 2022 liegt darin, dass die lange Zeit dominierenden Zinssorgen etwas nachgelassen haben. Zu diesem Umschwung gesorgt hat die schwächelnde US-Wirtschaft. Bereits im ersten Quartal ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) um annualisiert 1,5 Prozent gefallen.

Auch die Aussichten für das bis Ende Juni dauernde zweite Quartal sehen nicht allzu rosig aus. So hat der Einkaufsmanagerindex, einer der wichtigsten vorausschauenden Indikatoren, im April weiter nachgegeben. Diese Entwicklung könnte die Fed davon abhalten, die Zinsen in den kommenden Monaten allzu deutlich anzuheben.

Dieses Bild kontrastiert mit der Sicht der Unternehmen. Bei der Zahlenpräsentation zum ersten Quartal 2022 haben die im S&P 500 gelisteten US-Unternehmen grossmehrheitlich die an sie gestellten Gewinnerwartungen, zum Teil auch deutlich, übertreffen können. Allerdings blieben viele bezüglich der kommenden Quartale äusserst vage.

Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, welche Unternehmen die anhaltenden Probleme rund um die gestörten Lieferketten und die Inflation, welche die Margen der Firmen in Bedrängnis bringt, am besten bewältigen können. Kaum bezifferbar sind angesichts immer neuer Sanktionen auch die Folgen, welche die Auseinandersetzung in der Ukraine für die Wirtschaft hat.

Diese Kombination von Unsicherheiten bezüglich der globalen Geopolitik und der Zinspolitik der US-Notenbank sowie den Unwägbarkeiten, denen sich die Unternehmen ausgesetzt sehen, wird die Finanzmärkte wohl noch eine ganze Weile beschäftigen. Die damit wohl verbundenen Kursbewegungen werden einige Marktteilnehmer dazu nutzen, um qualitativ weniger überzeugende Positionen abzustossen und das eigene Portfolio noch sturmfester aufzustellen.

Es gibt aber auch hoffnungsvolle Entwicklungen. So kehrt China nach den Lockdowns wieder allmählich zur Normalität zurück. Zudem deutet der rapide Anstieg bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen (Treasuries) an, dass die in den USA erwarteten Zinserhöhungen schon fast eingepreist sind. Solange sich die Erwartungen nicht zum Schlechteren ändern, dürfte vorerst nicht mehr allzu viel Raum nach unten vorhanden sein.

Fazit

  • Nach dem turbulenten Jahresstart haben sich die Finanzmärkte wieder etwas beruhigt.
  • Die schwächelnde US-Wirtschaft wirkt vorläufig den Zinssorgen entgegen.
  • Trotz aller Schwierigkeiten hat eine grosse Mehrheit der grösseren US-Unternehmen im ersten Quartal 2022 positiv überrascht.

2. Aktien: Inflation zwingt Notenbanken zu Reaktionen

In den USA kam es zu einer leichten Abschwächung der Inflation. Dabei wurde aber von den Teilnehmern ein stärkerer Rückgang erwartet. Dennoch gibt es Anzeichen, dass in den USA die Höchststände der Inflation durchschritten sind. Einen weiteren Anstieg war hingegen in Europa zu beobachten und die Werte kletterten mit 8.1 Prozent weiter.

Preistreibend wirken aber weiterhin der Konflikt in der Ukraine und die Lockdowns in China. Zusammen führen sie nach wie vor zu hohen Energiepreisen und einer weiteren Verschärfung der Lieferengpässe. Dass es zu einer Abkühlung des Wirtschaftswachstums kommen wird, ist mittlerweile klar. Ein Fragezeichen besteht dabei aber, ob es bei einer Abschwächung des Wachstums bleibt oder es zu einer Rezession kommt.

Eine entscheidende Rolle wird dabei den Notenbanken zukommen. Die Bekämpfung der Inflation ist das oberste Ziel. Dennoch sind auch sie gewillt, dass die Wirtschaftsleistung weiter intakt bleiben soll. Mit einem Doppelschritt von 0.5 Prozent hat das Fed die Leitzinsen im Mai weiter erhöht, bei der nächsten Sitzung im Juni wird ein weiterer Doppelschritt folgen. Zudem wurde mit dem Abbau der Bilanz begonnen. Auch bei der EZB kommt ein erster Zinsschritt immer näher.

Der Konsens ist, dass dieser im Juli erfolgen soll. Bei den Privathaushalten sind die hohen Preise auch zu spüren. Dennoch sind sie dank hohen Ersparnissen und einem gut laufenden Arbeitsmarkt weiter bereit zu konsumieren, wenn auch zulasten der Sparquote. Die Frage ist jedoch, wie lange dieser Effekt anhalten wird.

Die Schwankungen an den Aktienmärkten waren auch im vergangenen Monat stark und spiegelten die Verunsicherung der Marktteilnehmer wider. Auf stark positive Handelstage folgten deutlich negative und umgekehrt. Nachdem die Märkte bis Mitte Mai in der Tendenz nachgaben, legten sie Ende Mai eine starke Erholung hin.

So resultierte über den gesamten Zeitraum ein unveränderter Stand beim Weltaktienmarkt. Etwa gleichauf waren Aktien USA, Europa und Japan. Leicht schwächer schnitten dabei Schwellenländer und vor allem der Schweizer Aktienmarkt ab. Hauptverantwortlich war das schwache Abschneiden der Indexschwergewichte Nestlé und Roche.

Der Energiesektor profitierte von einem neuerlichen Anstieg der Preise und war der mit Abstand beste Sektor. Am anderen Ende waren neben dem Immobiliensektor vor allem die beiden Konsumsektoren sehr schwach. Dabei sorgten die Publikationen von einzelnen Unternehmen für einen Abwärtsdruck. So berichtete Walmart, dass die höheren Kosten die Margen belasten. Dies wurde als Zeichen gedeutet, dass eine Weitergabe der höheren Kosten an die Endkunden nicht so gut funktioniert. Dies führte bei vielen Aktien aus diesen Sektoren zu deutlichen Kursabschlägen.

In der Technischen Analyse hat der MSCI World im Mai die Unterstützung um 2'600 Punkte zwei Mal erfolgreich getestet und konnte zuletzt eine Erholungsbewegung starten. Mittlerweile bewegt sich der Weltaktienindex wieder etwa auf der Höhe der März-Tiefststände. Solle es dem Markt gelingen, diesen Widerstand zu durchbrechen, winkt eine Fortsetzung der Erholung in den Bereich um 2’900/3'000 Punkten.

Da es aktuell noch keine klaren Indizien für einen längerfristigen Boden gibt, sind die Chancen hoch, dass es nach der laufenden Kurserholung nochmals zu einer Schwächephase kommt. Eine solche Bewegung dürfte den MSCI World mindestens in den Bereich der bisherigen Tiefstkurse drücken. Im negativeren Fall ist es auch möglich, dass die nächste Unterstützungszone um 2'400 Punkten angelaufen wird. Der langfristige Trend ist weiterhin intakt, weshalb erneut tiefere Kurse als Kaufgelegenheit zu sehen sind.

Fazit

  • Während des Monats kam es an den Aktienmärkten zu erhöhter Volatilität.
  • Die Teuerung ist weiterhin der dominierende Aspekt.
  • Eine straffere Geldpolitik ist auch in Europa zu erwarten.

3. Zinsen: Die EZB dürfte bald in einem Zinserhöhungszyklus übergehen

Die Tendenz zu höheren Zinsen, welche seit Jahresbeginn eingesetzt hat, kam im Mai zum Stillstand. Zum ersten Mal seit mehreren Monaten sind die Zinsen in den USA zurückgekommen. Auch in der Schweiz kam es zu einer Trendwende, und die Zinsen gaben leicht nach. Nur in Europa stiegen die Zinsen weiter an.

Es gibt zwei Gründe für diese teilweise divergierende Entwicklung. Zum einen wurde die Rhetorik der Europäischen Zentralbank (EZB) immer restriktiver. So wurden am Markt mehreren Zinserhöhungen der EZB bis Ende Jahr eingepreist. Die kurzlaufenden Zinsen in Europa sind entsprechend stärker angestiegen. Zum anderen gab es Anzeichen, dass sich die US-Wirtschaft abkühlt.

Das führte dazu, dass der steile Zinserhöhungspfad seitens der US-Notenbank (Fed) in Frage gestellt wurde. Jüngst haben einzelne Fed-Mitglieder angetönt, dass bereits im Herbst eine Pause bei den Leitzinserhöhungen eingeleitet werden könnte. So wurden die Leitzinserwartungen für die USA nach unten korrigiert.

Zur divergierenden Zinsentwicklung in Europa und den USA hat zusätzlich die Inflationsentwicklung beigetragen. In den Vereinigten Staaten ist die Teuerung im Mai minim zurückgegangen. Möglicherweise ist das ein Anzeichen, dass der Höchststand bereits erreicht wurde.

Anders sieht die Lage in der Eurozone aus: Dort sind die Konsumentenpreise im Mai um mehr als 8% gestiegen und nähern sich damit dem Niveau an, das zuletzt in den USA ausgewiesen wurde. Diese Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, ihre expansive Geldpolitik zügig zurückzufahren.

EZB-Chefin Christine Lagarde hat zuletzt angedeutet, dass der Ausstieg aus den Negativzinsen bis zum Ende des dritten Quartals vollzogen werden könnte. Das Protokoll der Zinssitzung im April zeigte auf, dass die Mehrheit der EZB-Mitglieder baldige Zinserhöhungen befürworten. Aussagen von EZB-Mitglieder zufolge dürfte das Ende der Anleihekaufprogramm (APP) an die Zinssitzung im Juni offiziell angekündigt werden.

Somit wäre der Weg zu einer ersten Zinserhöhung im Juli frei. Am Markt werden zwei Erhöhungen des Wiederanlagesatzes der EZB von je 25 Basispunkte im Juli und August erwartet. Der Zinssatz dürfte bis Ende Jahr gar auf 0.5% gesteigert werden.

Eine beschleunigte Normalisierung der Geldpolitik wurde auch von der US-Notenbank in die Wege geleitet. Nach der ersten Zinserhöhung von 25 Basispunkten im März wurden die Leitzinsen im Mai um das doppelte - 50 Basispunkte – angehoben. Aktuell liegen sie bei 0.75 bis 1.0%. Temporär wurde die Marktstimmung von der Erwartung eingetrübt, dass die Zinsen gar um 75 Basispunkte angehoben werden könnten. Diese Variante wurde allerdings vom Fed-Chef Jerome Powell als unrealistisch bezeichnet.

Dafür plant das Fed, an ihren nächsten zwei Sitzungen den Zins nochmals um je 50 Basispunkte zu erhöhen. Somit dürfen die Leitzinsen im Sommer bereits bei etwa 2% liegen. Zusätzlich wurde auch offiziell kommuniziert, dass im Juni mit der Reduktion der Notenbank-Bilanz begonnen wird. In die ersten drei Monaten wird der Fed den Anleihe-Bestand um maximal 47.5 Milliarden USD reduzieren. In den folgenden Monaten wird das Drosselungstempo verdoppelt. Das ist deutlich schneller als beim letzten Straffungszyklus. Somit bezweckt die US-Notenbank eine zügige Straffung der Finanzierungskonditionen in den USA, was zur baldigen Eindämmung der Inflation führen dürfte.

Im Juni trifft sich auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) zur nächsten Zinssitzung. Vorerst wird nicht erwartet, dass die SNB Änderungen an ihrer Geldpolitik vornimmt. Allerdings könnte die SNB noch dieses Jahr einen Zinsschritt vornehmen, da die EZB wohl früher als ursprünglich erwartet an den Zinsen schrauben wird. Die SNB dürfte aber erst im September eine Anhebung erwägen. Ihr spielt in die Hände, dass das Inflationsniveau von 2.5% ihr Spielraum gibt, etwas länger zuzuwarten. Würde sie zudem vor der EZB die Zinsen erhöhen, riskierte sie eine zusätzliche Aufwertung des Frankens. Das wäre nicht im Sinne der SNB.

Fazit

  • Die bevorstehenden Zinserhöhungen sind am Markt bereits eingepreist.
  • Die Zinsen tendieren weiterhin leicht nach oben.
  • Die Zinsen tendieren weiterhin leicht nach oben.

4. Weitere Anlageklassen: Rohstoffpreise stabilisieren sich weiter

Rohstoffe

Bei den Öl-Preisen kam es in den letzten Wochen zu einer Stabilisierung. Der Preis pro Barrel lag dabei im Bereich von 100 bis 110 US-Dollar. Nur kurzzeitig wurde diese Bandbreite Mitte April überschritten. Weiterhin gab es aber Tage, an denen die Kurse stark schwankten. Anfang Mai stiegen die Preise aufgrund der Möglichkeit eines Öl-Embargos der EU-Staaten gegen Russland nochmals an. Die Zustimmung für ein solches Vorgehen ist zwar breit abgestützt, aber für eine Durchsetzung müssen alle 27 Mitgliedsstaaten dem Embargo zustimmen.

Nach einem starken Anstieg Anfang März gab der Goldpreis wieder nach und lag im April im Bereich um rund 1'950 US-Dollar pro Feinunze. Die steigenden Zinsen setzten Gold aber Ende Monat zu, und der Preis fiel unter die Marke von 1'900 US-Dollar. Nach der Fed-Sitzung zog die Notierung kurzfristig an, liegt aber weiter unter 1'900 US-Dollar.

Cat Bonds

Die Cat- Bond-Wertentwicklung seit Jahresanfang war minim positiv, dies getrieben vor allem durch einen stabilen Prämienverlauf und das Aus-bleiben von nennenswerten Naturereignissen. Im März konnte sogar eine leicht positive Performance erwirtschaftet werden. Nach einem ruhigen Februar, was Neuemissionen angeht, war der Primärmarkt im März sehr aktiv. Es wurden sieben verschiedene Cat Bonds am Markt gebracht. Das hat auch zu einem regen Sekundär-markt Handel geführt. Die Versicherungsprämien der ausstehenden Cat Bonds haben nur marginalen Anstiegen erlitten, was dem saisonalen Ver-lauf des US-Hurrikan Risiken entspricht.

Die stabile Wertentwicklung der Cat Bonds steht im starken Gegensatz zu den Verlusten bei traditionellen Zinswerte Anlagen seit Beginn des Jahres. Der Diversifikationsvorteil der Anlageklasse wird gerade im aktuellen Marktumfeld ersichtlich. Die relative Attraktivität ist nach wie vor gegeben.