Geldanlagen

Höhere Zinsen in Europa rücken näher

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich bislang mit Zinserhöhungen zurückgehalten. Das dürfte sich sehr bald ändern. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

Als eine der letzten grossen Notenbanken wird die Europäische Zentralbank (EZB) schon bald einen Zinserhöhungszyklus einleiten. Ein erster Schritt von 0,25 Prozentpunkten ist für die nächste Zinssitzung im Juli praktisch versprochen.

Nach monatelangem Zögern scheint die EZB nun entschlossen vorzugehen. Die Markterwartungen gehen davon aus, dass die EZB das Terrain der Negativzinsen bereits im September verlässt.

Sollte sich bis dann der Inflationsausblick nicht verbessert haben, ist mit einem grösseren Zinssschritt von 0,50 Prozentpunkten zu rechnen. Voraussichtlich dürfte der Zinshöhepunkt im Juli des nächsten Jahres erreicht werden.

Im Gegensatz zur amerikanischen Notenbank hat die EZB nur ein Hauptziel: Das Erreichen der Preisstabilität. Während das Fed auch das Ziel einer Vollbeschäftigung im Auge behalten muss, fokussiert sich die EZB ausschliesslich auf die Inflation. Das gibt ihr deutlich weniger Spielraum für Zinssenkungen, falls die Konjunktur sich abschwächen sollte.

Gleichzeitig steht die EZB vor der Herausforderung, mit einem steilen Zinsanstiegspfad die Risikoaufschläge für die finanziell schwächeren Peripheriestaaten nicht zu sehr in die Höhe zu treiben. Bereits heute sind diese Prämien zwischenzeitlich fast an die Höchststände in der Corona-Pandemie angestiegen.

Die EZB will deshalb nach dem Auslaufen des Anleihekaufprogramms (APP) mit einem neuen flexiblen Instrument die Risikoprämien der Peripherieländer stabilisieren. Im Gegensatz zum APP soll dieses aber bilanzneutral sein, um so die vorgesehene Straffung der europäischen Zinspolitik nicht zu beeinträchtigen.

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Schwache Daten aus der Eurozone

Die Anzeichen auf eine Abkühlung der europäischen Konjunktur verdichten sich. Im Monat Juni ist der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft in Deutschland um 2,4 auf 51,3 Punkte zurückgefallen. Damit notiert der Index auf einem Sechs-Monate-Tief und nur noch leicht über der Marke von 50 Punkten, die ein Wirtschaftswachstum anzeigt. Ökonomen hatten nur einen Rückgang auf 53,1 Zähler erwartet. Auch die Stimmung der europäischen Konsumenten hat sich im vergangenen Monat eingetrübt, wie neue Daten zeigen: Das Barometer für das Konsumklima fiel um 2,4 Punkte auf minus 23,6 Zähler, wie eine von der EU-Kommission veröffentlichte Umfrage zeigt. Vor allem die höhere Inflation in vielen europäischen Ländern dürfte den Konsumenten auf die Stimmung drücken. Waren und Dienstleistungen hatten sich im Mai in der Eurozone um durchschnittlich 8,1 Prozent zum Vorjahresmonat verteuert. Das ist mehr als viermal so viel

Preisdeckelung für russisches Öl angestrebt

Die sieben grössten Industriestaaten (G7) arbeiten an einem Plan für eine internationale Obergrenze für Öl aus Russland. Das gab das Gremium an ihrem Gipfel im deutschen Elmau bekannt. So soll Russland dazu gezwungen werden, künftig sein Öl zu deutlich niedrigeren Preisen an grosse Abnehmer wie Indien zu verkaufen. Damit soll entgegengewirkt werden, dass Russland von den stark gestiegenen Ölpreisen profitiert und so seine Kriegskasse füllen kann. Zudem soll es zu einer Entspannung an den Rohstoffmärkten beitragen.

US-Konsumenten sind nicht in Kauflaune

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks, in den USA, ist die Teuerung ein Problem. Im Mai kletterte die Inflation auf 8,6 Prozent – den höchsten Wert seit rund 40 Jahren. Die höheren Preise lassen die Kaufkraft der Konsumenten zusammenschmelzen. Jetzt zeigt sich: Wohl wegen der Inflation hat sich jüngst die Stimmung der US-Konsumenten stark eingetrübt. Das entsprechende Barometer fiel um 4,5 Punkte auf 98,7 Zähler. So tief lag das Barometer zuletzt im Februar 2021. Ökonomen hatten im Schnitt mit einem Rückgang auf 100,4 Punkten gerechnet.