Geldanlagen

Ein bewegtes Jahr geht zu Ende – auch an den Finanzmärkten

Am Anfang dieses Jahres dachte man, dass die Pandemie die grösste Hürde für die Wirtschaft darstellt. Inzwischen sorgen die fast rekordhohe Inflation und mögliche Zinserhöhungen für die grössten Bewegungen an den Finanzmärkten.

Rolf Biland

Chief Investment Officer

Just aufs Jahresende hin zündet die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre nächste Stufe. Sie will ihr Wertschriftenkaufprogramm von ursprünglich 120 Milliarden Dollar pro Monat nun bereits per März 2022 statt erst auf den Sommer hin komplett auf null zurückfahren. Gleichzeitig rechnet die Fed in ihrem Basisszenario mit drei Zinsschritten für das kommende Jahr. Das ist eine deutliche Kehrtwende: Noch vor drei Monaten war sich die Notenbank uneinig gewesen, ob 2022 überhaupt eine Zinserhöhung erfolgen soll.

Etwas schneller war nur die britische Notenbank. Die Bank of England hatte in der Woche vor Weihnachten als erste der grossen Zentralbanken erstmals seit dem Pandemieausbruch den Leitzins erhöht, und zwar von 0,1 Prozent auf 0,25 Prozent. Zurückhaltend zeigt sich noch die Europäische Zentralbank (EZB). Der EZB-Rat lässt wie erwartet den Leitzins bei 0,0 Prozent. Jedoch wagt auch sie die schrittweise Abkehr aus dem Krisenmodus. Sie lässt ihr billionenschweres Pandemie-Notprogramm PEPP bis im März 2022 auslaufen.  

Damit geht das Jahr mit einem geldpolitischen Paukenschlag zu Ende, der noch im Januar kaum denkbar gewesen war. Wohl niemand hatte eine derart schnelle geldpolitische Normalisierung auf der Agenda. Damals befand sich die Weltwirtschaft zwischen der Furcht vor der Ausbreitung der ersten Corona-Mutationen und der Hoffnung auf eine starke Erholung nach dem Einbruch im Pandemiejahr 2020.

Tatsächlich wuchs in den vergangenen Monaten die globale Wirtschaftsleistung so stark wie seit Jahren nicht mehr. Letztlich dürfte das Bruttoinlandprodukt aller Länder in diesem Jahr um rund 6 Prozent gewachsen sein – so stark wie seit über 40 Jahren nicht mehr. Für das kommende Jahr prognostiziert die OECD noch immer ein Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent.

Allerdings zeigen die vergangenen Monate die Schwierigkeiten auf, zuverlässige Prognosen zu erstellen. Sehr vieles ist im Jahr 2021 anders verlaufen als vorhergesehen. So hatte man im Januar noch gedacht, dass mit dem Anlaufen der Impfkampagne die Covid-19-Pandemie bald ein Ende finden und damit der Startschuss zurück zur Normalität abgegeben würde. Heute zeigt sich, dass dies mit der neuen Omikron-Variante vorerst Wunschdenken bleibt.

Ebenso war das Ausmass und die Länge des Inflationsanstiegs Anfang Jahr nicht erwartet worden. Die Teuerungsraten begannen bereits im Frühling deutlich anzusteigen. Damals wurde das Phänomen von den meisten Ökonomen als temporär bezeichnet und es wurde mit einem Rückgang gegen Ende 2021 gerechnet. Seit Herbst sind jedoch vor allem in den USA, im Euroraum und im Vereinigten Königreich die Preise fast ungebremst in die Höhe geschossen. Das hatte vor allem zwei Gründe: Einerseits haben seit Anfang Jahr die weltweiten Störungen in den Lieferketten zu einer Verknappung von gewissen Produkten, wie Halbleitern (z.B. für die Auto- oder Computerindustrie) oder Rohstoffen, und somit zu höheren Preisen beigetragen. Hier wird für die kommende Zeit allmählich eine Entspannung erwartet.

Zudem hatte die wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr vielerorts zu einer Energieknappheit geführt. Die viel höheren Notierungen für Erdöl und Erdgas hatten ebenfalls einen wesentlichen Anteil am Anstieg der Inflation. Auch dieser Effekt dürfte im Laufe des Jahres 2022 sich wieder zurückbilden.

Die Erfahrungen von diesem Jahr lehren wieder einmal, dass in diesen Zeiten Prognosen mit grösster Vorsicht zu geniessen sind. Es würde nicht wundern, wenn Ende des kommenden Jahres ganz andere Themen und Probleme die Wirtschaft beschäftigen als heute prognostiziert wird.