Geldanlagen

Die Märkte stehen vor einem Sommer der Zinserhöhungen

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 13.Juli 2022. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

1. Lagebeurteilung: Notenbanken im Fokus der Finanzmärkte

Die Augen der Anleger sind mehr denn je auf die Aktivitäten der Zentralbanken gerichtet. Gemeinhin wird erwartet, dass die grossen Notenbanken in den kommenden Wochen die Zinsschrauben weiter anziehen. In den USA setzt die Notenbank (Fed) den eingeschlagenen Zinserhöhungszyklus wohl fort. Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte anlässlich ihrer nächsten geldpolitischen Lagebeurteilung im September eine weitere Anpassung der Zinsen nach oben in Erwägung ziehen, nachdem sie im Juni mit dem ersten Zinsschritt seit 15 Jahren überrascht hatte. Die Bank of England wird sich im August über die zukünftige Geldpolitik ebenfalls Gedanken machen müssen.

Sogar von der Europäische Zentralbank (EZB) wird erwartet, dass sie sich noch in diesem Monat, nach über sechs Jahren, von ihrer Null- und Minuszinspolitik verabschiedet. Der von den Märkten erwartete Zinsschritt von 0,25 Prozentpunkten dürfte vorübergehend auch die anhaltende Euro-Schwäche beenden. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Gemeinschaftswährung im Vergleich zum Schweizer Franken fast 10 Prozent an Wert eingebüsst. Ende Juni ist der Euro-Franken-Wechselkurs gar unter die Parität gefallen.

Der Grund für die weitere Straffung der Geldpolitik ist die anhaltend hohe Inflation. In den USA ist die Teuerungsrate im Mai auf 8,6 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 40 Jahren gestiegen. Auch in der Eurozone sind die Preise innerhalb eines Jahres im Schnitt um 8,6 Prozent gestiegen – so stark wie noch nie seit der Einführung des Euros im Jahr 2002.

Dank des starken Frankens liegt die Teuerung in der Schweiz deutlich tiefer. Aktuell wird ein Anstieg der Konsumentenpreise von 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet, was für Schweizer Verhältnisse ebenfalls überdurchschnittlich hoch ist. Die Ursache für die steigenden Preise bleiben die weiterhin hohen Öl- und Energiepreise. Zudem leidet der globale Handel noch immer unter den nicht reibungslos laufenden Lieferketten.

Für die Zentralbanken werden die kommenden Monate zu einer Gratwanderung. Ihre Aufgabe wird es sein, mit geldpolitischen Massnahmen die Inflation in den Griff zu bekommen, ohne dabei die Wirtschaft abzuwürgen. Denn bereits haben grosse Organisationen, wie die OECD oder der Internationale Währungsfonds (IWF), sowohl die globalen wie auch regionalen Prognosen zum Wirtschaftswachstum für das laufende und das nächste Jahr deutlich gekürzt.

Demgegenüber stehen die nach wie vor zuversichtlichen Unternehmensgewinnschätzungen der Analysten für das laufende Jahr. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Halbjahreszahlen der Firmen diesen hohen Erwartungen entsprechen können – oder ob sie bereits die Auswirkungen der sich abkühlenden Konjunktur verspüren.

Fazit

  • Die Zentralbanken setzen den Zinserhöhungszyklus fort.
  • Die Bekämpfung der hohen Inflation wird im zweiten Halbjahr weitergehen.
  • Halbjahreszahlen der Unternehmen sind entscheidend für den weiteren Börsenverlauf.

2. Aktien: Aktienmärkte reagieren auf Wachstumssorgen

Nachdem im April die Inflation in den USA leicht zurückgegangen war, kam es im Mai erneut zu einem kräftigen Anstieg der Konsumentenpreise auf 8,6 Prozent. Die US-Notenbank Fed reagierte auf den Anstieg und hob die Leitzinsen um 75 Basispunkte an. Die Reaktion der Fed wurde am Markt erwartet.

Deshalb führte die kräftige Anhebung nicht zu weiterem Druck auf die Aktienmärkte. In Europa zeigen die vorläufigen Inflationszahlen im Juni, dass die Teuerung auf demselben Stand wie in den USA liegt. Im Gegensatz zur Fed hat die Europäische Zentralbank (EZB) aber bislang noch keine Zinsschritte vorgenommen.

Sie wird den Zinserhöhungszyklus aber voraussichtlich noch diesen Monat starten. Bislang wird mit einem Schritt in Höhe von rund 0,25 Prozent gerechnet. Die weiter steigende Inflation könnte jedoch die EZB durchaus zu einer stärkeren Anhebung zwingen. Unerwartet kam die Schweizerische Nationalbank (SNB) der EZB zuvor und hat im Juni bereits eine Zinserhöhung in Höhe von 0,5 Prozent vollzogen.

Während die Aktienmärkte auf die geldpolitische Straffung der Fed keine unmittelbare Reaktion zeigten, sorgte die Anhebung der Zinsen in der Schweiz für kurze, aber starke Marktbewegungen. Da die SNB überraschenderweise nicht die erste Zinserhöhung der EZB abwartete, wertete der Schweizer Franken auf und der heimische Aktienmarkt korrigierte um rund 3 Prozent.

Stärker betroffen waren die Aktienmärkte von der Sorge über eine mögliche Rezession. Eine abschwächende Wirkung auf die Wirtschaft ist das Ziel der Notenbanken, um die Inflation zu senken. Jedoch ist die Befürchtung bei den Marktteilnehmern gross, dass die Wirtschaft zu stark ausgebremst wird und eine Rezession zur Folge hat.

Anfang Juni sorgten die Konjunktursorgen für stark negative Aktienmärkte. Mit Ausnahme von Schwellenländeraktien, die insbesondere von einer guten Entwicklung des chinesischen Aktienmarkts profitierten, korrigierten alle Regionen und Länder um rund 10 Prozent. Trotz einer leichten Erholung danach steht der Weltaktienmarkt seit Anfang des vergangenen Monats rund 7 Prozent tiefer.

Leicht besser war die Entwicklung in den USA und der Schweiz. Die anderen Regionen und Länder im Weltaktienmarkt waren etwa gleichauf oder nur leicht schwächer. So verloren europäische Aktien gegenüber dem globalen Aktienmarkt rund 4 Prozent mehr.

In Europa ist die Gefahr einer Rezession höher als andernorts, und die Sorge um eine Energiekrise wird immer grösser. Russland hat die Gaslieferungen nach Europa bereits um 60 Prozent zurückgefahren und nutzt dies weiter als Druckmittel. Obwohl bereits Vorkehrungen von der EU getroffen wurden, würde ein Lieferstopp die Energieversorgung stark beeinträchtigen.

Seit Anfang Jahr weist der Energiesektor die mit Abstand beste Entwicklung auf. Die aufgrund der Rezessionsängste stark zurückgegangenen Energiepreise sorgten aber für eine deutliche Korrektur seit Anfang Juni. Auch die weiteren Rohstoffpreise gaben stark nach, weshalb auch der Sektor Grundstoffe an Wert verlor.

Gefragt waren jedoch defensive Qualitätstitel. So konnten Unternehmen aus den Sektoren Gesundheit oder Basiskonsum den Stand von Anfang Juni halten. In der Technischen Analyse hat der MSCI World nach einer kurzzeitigen Erholung auf 2'800 Punkte die Aufwärtsbewegung wieder abgebrochen. Nach erneuten Verlusten wurden die Tiefststände vom Mai unterschritten und der MSCI World verlor weiter in Richtung der nächsten Unterstützung, die bei 2'400 Punkten liegt.

Dieser Wert wurde aber bisher nicht erreicht und nach einer neuerlichen Gegenbewegung steht der MSCI World nur noch leicht unter den Tiefständen vom Mai.

Fazit

  • Rezessionsängste setzen den Aktienmärkten zu.
  • Notenbanken bekämpfen die Inflation weiter.
  • Nachfrage nach defensiven Qualitätstiteln steigt.

3. Zinsen: Negativzinspolitik in Europa und in die Schweiz ist bald Geschichte

Im vergangenen Monat kam es zu einer ausserordentlich hohen Volatilität bei den globalen Zinsen. Über den Monat betrachtet veränderten sich die langfristigen Zinsen in den USA kaum. In Europa waren sie leicht und in der Schweiz sogar deutlich rückläufig.

Diese auf dem ersten Blick anlegerfreundliche Entwicklung verschleiert allerdings die starken Schwankungen innerhalb des Monats. Anfang Juni bewegten sich die Zinsen in allen Regionen steil nach oben und erreichten langjährige Höchststände. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen erzielte kurzfristig die Marke von 3,5 Prozent, und die Rendite 10-jähriger deutscher Bundesanleihen stieg temporär auf fast 1,8 Prozent. Ähnliche Werte erreichten die Zinsen in den USA zuletzt im 2018. In Europa muss man sogar bis zum Jahr 2014 zurückblicken. Grund für die Entwicklung war einmal mehr die hohe Inflation und die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken.

Die zweite Monatshälfte wurde von Rezessionsängsten dominiert, und die Zinsen gingen rasch wieder nach unten. Eine ähnliche Entwicklung verzeichnete die Rendite der Schweizer Eidgenossen. Die Rendite 10-jähriger Schweizer Staatsanleihen war kurz davor, die 1,5-Prozent-Marke zu überschreiten, bevor sie in den letzten Tagen wieder stark nachgab. Aktuell verharren sie deutlich unter 1 Prozent. Während die Geldpolitik nach wie vor der entscheidende Treiber für die kurzfristigen Zinssätze bleibt, werden die Kapitalmarktzinsen stark von der Konjunkturerwartung beeinflusst. Diese hatte sich zuletzt erneut eingetrübt und drängte die Inflationserwartungen in den Hintergrund.

Dennoch kam es im Juni zu einigen wichtigen und teilweise unerwarteten Zentralbankentscheidungen – zunächst im Rahmen der geldpolitischen Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Dabei wurde die Einstellung des Anleihekaufprogramms (APP) per Ende Juni kommuniziert. Zudem wurde eine erste Zinserhöhung an der bevorstehenden Sitzung im Juli in Aussicht gestellt. Die Vorsitzende Christine Lagarde überraschte auch mit der Aussage, dass eine weitere Zinserhöhung in Höhe von 50 Basispunkten im September möglich wäre.

Die Risikoprämien der europäischen Peripherieländer reagierten auf die Ankündigung mit einem Anstieg. Anschliessend fokussierte sich die EZB auf die Ausarbeitung eines Anti-Fragmentierungsinstruments für die Eurozone. Mit dem neuen Programm soll der Aufwärtsdruck bei den Finanzierungskosten in den Peripherieländern kontrolliert werden. Konkrete Details dazu werden im Juli erwartet.

Die US-Notenbank Fed war im Juni noch mutiger, indem sie den Leitzins abermals anhob (um 75 Basispunkte). Neu liegt der Notenbanksatz zwischen 1,25 und 1,50 Prozent. Im Juli dürfte einen weiteren Schritt von mindestens 50 Basispunkte folgen. Die Fed hat einen aggressiven Zinserhöhungspfad aufgezeichnet und erwartet, dass die Leitzinsen in den USA Ende Jahr bereits zwischen 3,25 Prozent bis 3,5 Prozent liegen dürften.

Der Höchststand dürfte Anfang nächsten Jahres erreicht sein. Mit den erhöhten Rezessionssorgen sind die US-Zinserwartungen allerdings gesunken. An den Märkten wird damit gerechnet, dass die US-Notenbank bereits 2023 wieder die Zinsen senken könnte.

Die grösste Überraschung kam von der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Sie gab im vergangenen Monat die erste Zinserhöhung von 50 Basispunkten bekannt. Die meisten Analysten hatten mit dem Zinsschritt erst nach der EZB gerechnet. Die Massnahme wurde auch von der Höhe her unterschätzt. Mit dieser Aktion bewies die SNB ihre Unabhängigkeit und agierte somit bestimmter als ihre internationalen Pendants, indem sie frühzeitig den Inflationsanstieg in der Schweiz bekämpft.

Die Negativzinspolitik in der Schweiz wird voraussichtlich bereits im September Geschichte sein. Die Leitzinsen in der Schweiz dürfen allerdings nicht so stark wie in anderen Regionen angehoben werden, da der Inflationsdruck vergleichsweise tief bleiben dürfte und die SNB die Teuerung mit einer kontrollierten Aufwertung des Frankens dämpfen möchte.

Fazit

  • Die erwartete Straffung der Geldpolitik ist am Markt bereits eingepreist, sodass der Aufwärtsdruck bei den Zinsen abnehmen dürfte.
  • Konjunktursorgen werden ebenfalls dazu beitragen.
  • Wir empfehlen, auf hohe Bonitäten im Portfolio zu setzten und die Duration neutral zu halten.

4. Weitere Anlageklassen: Konjunktursorgen führen zu rückläufigen Rohstoffpreisen

Rohstoffe

Wie bei den Aktienmärkten sorgten Rezessionsängste bei den Energiepreisen zu einer stark rückläufigen Entwicklung. War ein Fass Öl Anfang Juni noch für 120 US-Dollar erhältlich, gingen die Preise auf aktuell etwas über 100 US-Dollar zurück.

Trotz der tendenziell rückläufigen Zinsen konnte der Goldpreis nicht zulegen. Hauptgrund hierfür war der starke US-Dollar. Anfang Juni lag der Preis noch bei 1'850 Dollar pro Feinunze, ging aber in der zweiten Junihälfte stetig zurück. Nach einem kräftiger Rücksetzer Anfang Juli liegt der Preis aktuell bei 1'740 Dollar und damit auf dem tiefsten Stand seit Anfang Jahr.

Immobilien

Die Notenbanken in den USA, der Schweiz und Europa haben im Juni mit einer restriktiveren Haltung überrascht. Gegen Mitte Juni erreichten die Zinsen weltweit rekordhohe Werte. Die 10-jährigen Eidgenossen kletterten auf rund 1,4 Prozent, was die Immobilienfondskurse erneut unter Druck setzte. Die Agios der Fonds sind dadurch weiter gefallen und verharren im Schnitt um 20 Prozent. Einige Fonds, vor allem im Bereich Geschäftsimmobilien, kehrten sogar ins Disagio. Der Markt für Renditeliegenschaften bleibt trotz der angestiegenen Zinsen bis anhin vergleichsweise stabil.

Nach dem jüngsten Zinsrückgang liegt die Renditedifferenz zwischen den Ausschüttungen der Immobilienfonds und den 10-jährigen Zinsen mit rund 1,7 Prozent wieder etwas höher. Solange die Differenz positiv ist, bleiben die indirekten Immobilienanlagen eine interessante Alternative zu Zinswerteinvestitionen.