Geldanlagen

Der schwache Euro macht den Franken stark

Der Euro-Franken-Wechselkurs ist auf den tiefsten Stand seit vielen Jahren gefallen. Was die Gründe sind – und was es für Anlegerinnen und Anleger heisst. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

So günstig konnten Schweizerinnen und Schweizer Euros schon lange nicht mehr kaufen. Während vor ein paar Wochen der Fall der Paritätsgrenze (1 Franken = 1 Euro) für Aufsehen sorgte, kostet der Euro heute inzwischen gerade noch 97 Rappen. Zum Vergleich: Im Februar 2021 lag der Wechselkurs bei rund 1.10 Franken.

Wer sich nun freut, dass der Euro just auf die Sommerferien hin so günstig geworden ist, wird jedoch bald merken, dass er falsch liegt. Wegen der hohen Teuerung im Euroraum – zuletzt betrug die Inflationsrate im Jahresvergleich fast 9 Prozent – sind die Preise deutlich nach oben gegangen.

Wenig Freude dürften auch Anlegerinnen und Anleger haben, die in europäische Aktien investiert sind. In Franken umgerechnet haben sie wegen den Wechselkursveränderungen in den letzten eineinhalb Jahren zusätzlich über 10 Prozent an Rendite eingebüsst. Im Gegensatz zu früheren Phasen mit einem starken Franken handelt es sich derzeit eher um eine Euro-Schwäche.

Die Gemeinschaftswährung hat in den vergangenen Monaten nicht nur zum Franken, sondern auch zum Dollar an Terrain eingebüsst. Verantwortlich für diese Entwicklung ist das zögerliche Vorgehen der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese hatte erst letzte Woche den ersten Zinsschritt seit der Finanzkrise beschlossen.

In den USA hat die Federal Reserve (Fed) bereits vor Monaten begonnen, die Zinsen anzuheben. Auch sind die konjunkturellen Folgen des Kriegs in der Ukraine im Euroraum wegen der Abhängigkeit von russischem Erdöl deutlicher zu spüren als etwa in den USA.

Die Schweiz wiederum profitiert von der im Vergleich eher tiefen Inflation. Weil im Euroraum die Preise zuletzt viel deutlicher angestiegen sind, sind die Folgen des starken Frankens weit weniger dramatisch als in der Vergangenheit. Das ist insofern bedeutend, weil viele Devisenexperten davon ausgehen, dass der Franken gegenüber dem Euro stark bleiben wird, solange der Teuerungsunterschied derart hoch bleibt.

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EZB erhöht die Zinsen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat vergangene Woche mit einem Zinsschritt von 0,50 Prozentpunkten überrascht. Erwartet wurde eine geringere Erhöhung. Mit diesem ersten Schritt seit der Finanzkrise hat nun auch Europa die Zinswende eingeleitet. Zuvor hatten bereits die US-Notenbank und die Schweizerische Nationalbank den Leitzins angehoben. Mit diesem Schritt will die EZB die hohe Inflation bekämpfen, die den Euroraum seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs und den damit verbundenen westlichen Sanktionen im Griff hat.

Neues Instrument zur Vermeidung einer Euro-Krise

Gleichzeitig hat die EZB ein neues Anti-Krisen-Instrument angekündigt. Das «Transmission Protection Instrument» soll helfen, dass die Geldpolitik im Euroraum gleichmässig wirken kann. Denn zuletzt hatten sich die Finanzierungskonditionen für Länder wie Italien im Vergleich zu Deutschland deutlich verteuert. Das Instrument sieht vor, dass die EZB bei einer Verschlechterung der Finanzierungskonditionen Anleihen solcher Länder kaufen kann. Grundsätzlich sollen solche Käufe aber die Bilanz der Notenbank nicht weiter aufblähen. Deshalb müssten andere Anleihen gleichzeitig verkauft werden. Im Gegenzug müssten die betroffenen Regierungen eine solide Makropolitik betreiben und die EU-Schuldenregeln einhalten.

Russland drosselt Gaslieferung

Gazprom hat die Gaslieferung durch die Pipeline Nord Stream 1 auf 20 Prozent der Kapazität gesenkt. Als Grund wird angegeben, dass eine weitere Turbine repariert werden muss. Die EU hat bereits einen Notfallplan ausgearbeitet, um sich auf den Fall vorzubereiten, dass ein vollständiger Lieferstopp droht. So sollen die Mitgliedsstaaten ab dem 1. August bis 31. März 2023 15 Prozent des durchschnittlichen Gasverbrauchs der letzten fünf Jahre einsparen. Auch die Schweiz hat Massnahmen (z.B. Freigabe der Pflichtlager) beschlossen, die bei einer Mangellage in Kraft treten würden.