Geldanlagen

Den Börsen stehen schwierigere Monate bevor

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 10. November 2021. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

1. Lagebeurteilung: Trotz mehr Gegenwind setzt sich der Aufschwung fort

Die globale Wirtschaft büsst auf dem Weg zur Erholung aus der Pandemiedelle weiter an Tempo ein. Die weit verbreiteten Lieferengpässe werden zu einem immer grösseren Problem. Vor allem die geringe Verfügbarkeit vieler Rohmaterialien beeinträchtigen sowohl die Produktion als auch die Auftragslage. Das zeigt sich in der laufenden Berichtssaison zum dritten Quartal. Obschon eine Mehrheit von Unternehmen die an sie gestellten Umsatz- und Gewinnerwartungen übertroffen haben, hat sich der Ausblick auf die kommenden Monate etwas eingetrübt.

Diese Entwicklung treibt neben dem zuletzt steilen Anstieg der Energiepreise die Inflationsrate weiter an. In der Eurozone ist im Oktober die Gesamtinflation gegenüber dem Vorjahr um 4,1Prozent gestiegen. Das ist zugleich die deutlichste Veränderung seit der Finanzkrise vor dreizehn Jahren.

Als Kontrast dazu bleibt die Wirtschaft vorausblickend optimistisch. So legte der Einkaufsmanager-Index (PMI) im Oktober global von 54,1 auf 54,3 Punkte zu. Vor allem in China und Japan haben sich die Aussichten für das verarbeitende Gewerbe verbessert. Demgegenüber sind die PMI-Werte in den westlichen Industrienationen weiterhin auf hohem Niveau, aber zuletzt rückläufig.

2. Aktien: US-Gewinnsaison verleiht den Aktienmärkten Rückenwind

Nach den Verlusten im Vormonat konnten die Aktienmärkte im Oktober wieder zulegen. Angeführt von den US-Aktien erreichte der MSCI World Ende Oktober und Anfang November neue Höchststände. Nachdem der Schweizer Aktienmarkt im September von allen Anlageregionen am schwächsten abschnitt, konnten die heimischen Leitindizes, getragen von den Schwergewichten wie Nestlé und Roche, wieder deutlich an Wert gewinnen. Dies führte auch dazu, dass grosskapitalisierte Unternehmen in der Schweiz deutlich besser abschnit-ten als mittel- und kleinkapitalisierte Unternehmen. Auch im globalen Kontext übertrafen die grossen Firmen ihre kleineren Pendants. Enttäuschend waren im Oktober einmal mehr Schwellenländeraktien und japanische Aktien. Und auch seit Anfang des Jahres hinken die beiden Aktienregionen dem Weltaktienmarkt hinterher.

Die Treiber für die Unsicherheiten im September - wie die Sorge um eine Abkühlung der chinesischen Wirtschaft oder die Diskussionen um die Schuldenobergrenze in den USA - rückten in den Hintergrund. Ausschlaggebend dafür war in erster Linie die Gewinnsaison in den USA. Die aufgrund der starken Zahlen aus dem zweiten Quartal hoch angesetzte Messlatte konnte durch die meisten Unternehmen übertroffen werden. Den Aktienmärkten verlieh dies Rückenwind. 

Allgegenwärtiges Thema war eine mögliche Drosselung der fiskalpolitischen Massnahmen der Zentralbanken. Das Fed und die EZB haben die Anleger mit ihrer Kommunikation auf dieses Szenario gut vorbereitet. Das zeigte die Reaktion der Aktienmärkte auf die definitive Bekanntgabe der Fed ihre Anleihenkäufe monatlich zu reduzieren. An den Börsen hielt auch nach dieser Ankündigung der positive Trend an. 

Der fortgesetzte Anstieg der Energiepreise führte zu immer höheren Inflationsraten. Die Zentralbanken werden auch hier gefordert sein angemessen zu reagieren, um die Märkte auf mögliche Zinsschritte vorzubereiten. Die Stimmen für eine Zinserhöhung werden jedenfalls mit anhaltend hohen oder weiter ansteigenden Inflationsraten immer lauter.

Dank guter Zahlen konnte der Technologie-Sektor seit Ende September deutlich zulegen. Noch besser schnitt einzig der Sektor Zyklischer Konsum ab, der von der sehr guten Performance des Schwergewichts Tesla profitierte. Am anderen Ende befindet sich der Telekom-Sektor, der sich deutlich schwächer entwickelte als die anderen Sektoren. Aber auch defensive Sektoren wie Basiskonsum oder das Gesundheitswesen waren tendenziell schwächer.

Vom Kursrücksetzer zwischen September und Anfang Oktober hat sich der MSCI World einmal mehr sehr rasch erholen können. Im Rahmen dieser kleinen Korrektur wurde in der Technischen Analyse der Unterstützungsbereich um 3'000 Indexpunkte erfolgreich getestet. Mittlerweile hat der Markt bereits neue Höchstwerte erreicht und ist mit viel Schwung ins vierte Quartal gestartet. In den letzten Wochen hat sich die relative Performance der zyklischen Sektoren merklich verbessert. Das Ratio gegenüber den defensiven Sektoren macht Anstalten eine jahrelange Seitwärtstendenz nach oben zu durchbrechen, was dem positiven Gesamtmarktbild weiteren Rückenwind geben dürfte. Noch hinkt die relative Entwicklung der kleinkapitalisierten Werte hinterher. Sollte sich auch hier die Situation noch verbessern, wäre das ein starkes Signal, dass der Markt mittelfristig freundlich gestimmt bleiben wird. Damit gilt weiterhin der Leitsatz, dass kleinere Kursrücksetzer Kaufgelegenheiten repräsentieren.

Fazit

  • Aktienindizes konnten nach einer Korrektur im September wieder an Wert zulegen.
  • Die US-Gewinnsaison verlieh den Aktienmärkten zusätzlich Rückenwind.
  • Die mögliche Drosselung fiskal- und geldpolitischer Massnahmen hatte keine Auswirkungen auf die Wertentwicklung des Aktienmarktes.

3. Zinsen: Inflationsängste und die Aussicht auf eine frühe Straffung der Geldpolitik

Die verstärkten Inflationsängste und Erwartungen in Hinblick auf eine frühere Straffung der Geldpolitik in vielen Ländern hat zur Fortsetzung der Zinsanstiege geführt.

Fundamental wurde diese Entwicklung durch einen deutlichen Anstieg der Energiepreise im Oktober sowie die erhöhte und teilweise noch steigende Inflation, beispielsweise in die Eurozone, gestützt. 

Sowohl die pandemiebedingte Ressourcenknappheit als auch Lieferengpässe schränken die Produktion weiterhin stark ein und führen zu dynamischen Preisanstiegen. Diese Problematik dürfte sich über die Zeit entschärfen.

Entsprechend ist eine tiefere Konfidenz bei den Aussagen von Notenbankern in Bezug auf die Inflation zu beobachten. Zwar erwarten die wichtigsten Notenbanker weiterhin, dass die Inflation nächstes Jahr zurückgehen wird. Allerdings dürfte dies später als erwartet geschehen.

So erwarten die Märkte bereits im nächsten Sommer eine erste Leitzinserhöhung durch die Fed. Und selbst bei der EZB wird von Marktteilnehmern mittlerweile im kommenden Jahr mit der ersten Zinserhöhung gerechnet.

Diese Ansicht wird von den Notenbankern allerdings nicht geteilt. So argumentierte kürzlich die EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass es höchst unwahrscheinlich sei, dass die Bedingungen für eine Zinserhöhung nächstes Jahr schon erfüllt werden. Die EZB will im Dezember darüber entscheiden, wie sie nach dem Ablauf des Pandemie-Notfallankaufprogramms im März 2022 die Finanzierungskonditionen in die Eurozone weiter günstig halten wird. Es ist damit zu rechnen, dass die EZB länger als ursprünglich geplant am europäischen Obligationenmarkt tätig bleiben und den Markt mit günstiger Liquidität versorgen wird.

Die US-Notenbank Fed ist einen Schritt voraus und hat im November bereits mit der Reduktion der Anleihekäufe begonnen. Mit dem aktuellen Drosselungstempo dürfte das Kaufprogramm (QE) gegen Mitte 2022 beendet werden. Somit dürfen ab der zweiten Jahreshälfte 2022 keine frischen liquiden Mittel mehr in den Markt fliessen. 

Kurz danach dürften auch die ersten Zinserhöhungen der Fed folgen. Der Fed-Chef Jerome Powell betont allerdings, dass Zinserhöhungen noch nicht auf der Agenda stehen. Dazu dürfte es erst kommen, wenn die Konditionen dafür erfüllt sind. Im Vordergrund steht insbesondere das Ziel einer Vollbeschäftigung auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt. Diesbezüglich sieht das Gremium nach wie vor ein grosses Erholungspotenzial.

Als weitere bedeutende Zentralbank hat die Bank of England zuletzt ebenfalls vermehrt verbale Zeichen bevorstehender Zinserhöhungen gesetzt. Im November hat die Notenbank zwar die Zinsen unverändert belassen, stellte aber für 2022 mehrere Zinserhöhungen in Aussicht.

Die Schweizerische Nationalbank befindet sich am wenigsten unter Duck die Leitzinsen zu erhöhen. Die Inflation ist zwar in der Schweiz ebenfalls gestiegen, im internationalen Vergleich bleibt sie aber weiterhin tief. Dies verschafft der SNB eine gewisse Flexibilität für Interventionen auf dem Devisenmarkt. Diese wurden in der letzten Zeit immer weniger getätigt.      
Die Notenbanken visieren für die Zukunft an, mit gemässigter Geschwindigkeit die lockere Geldpolitik zurückzufahren. Dabei dürfte die wirtschaftliche Erholung nicht gefährdet werden und gleichzeitig sollte eine übermässige Teuerung verhindert werden.

Der Zinsanstieg schadete gleich mehreren Anleihesegmenten. Nebst den globalen Anleihen kamen auch Unternehmens- und Hochzinsanleihen infolge des Zinsanstiegs unter Druck. Einzig Wandelanleihen konnten durch die Abhängigkeit vom Aktienmarkt profitieren und rentierten positiv.

Fazit

  • Weltweit steigen die Zinsen an, da die lockere Geldpolitik schrittweise zurückgefahren wird.
  • Die Fed startet monatlicher Drosselung der Anleihekäufe.
  • Die Bank of England dürfte in den kommenden Monaten die erste Zinserhöhung ankündigen.
  • Der Zinsdruck favorisiert Anleihen mit kürzerer Duration.

4. Weitere Anlageklassen: Ölpreise erreichen Mehrjahreshöchststände

Rohstoffe

Ein schwächerer US-Dollar und Bewegungen bei den Zinsen führten zu einer erhöhten Volatilität in der Goldpreisentwicklung seit Ende September. Sinkende Zinsen sorgten Anfang November dafür, dass der Goldpreis aktuell wieder über der Marke von 1'800 US-Dollar pro Unze steht.

Die Ölpreise setzten ihren Anstieg im Oktober zunächst weiter fort. Gegen Ende Oktober erreichten die beiden Ölsorten Brent und WTI Mehrjahreshöchststände. Eine Meldung aus den USA, dass die Lagerbestände höher als erwartet sind, führte zu leicht tieferen Ölpreisen gegen Ende Oktober. Die hohen Preise, die auch ein Haupttreiber für die derzeitig erhöhte Inflation sind, führten auch zu Reaktionen aus der Politik. US-Präsident Joe Biden forderte die OPEC+ dazu auf, die Produktion zu erhöhen. Die Organisation erdölexportierender Länder liess sich davon aber nicht beirren und hält weiter an ihrem Plan fest, die Produktion nur schrittweise zu erhöhen.

Immobilien

In den letzten Wochen haben die Kapitalmarktzinsen ihre Aufwärtstendenz aus dem ersten Quartal wieder aufgenommen. So liegt aktuell die Rendite einer 10-jährigen Bundesanleihe bei -0,20 Prozent und damit klar über den Ständen im Sommer. Gleichzeitig ist gemäss dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz zum ersten Mal seit zwölf Jahren die Zahl der Leerwohnungen zurückgegangen. So standen 1,54 Prozent des Gesamtwohnbestandes leer. Die starke Konjunkturentwicklung hat auch die Nachfrage nach Büro- und Gewerbeflächen belebt. Die Agios der Immobilienfonds halten sich mit über 40 Prozent deutlich über dem langfristigen Durchschnitt. Dank einer Ausschüttungsrendite von 2,2 Prozent bleiben die Fonds gegenüber klassischen Zinsanlagen in Schweizer Franken dennoch attraktiv.