Pensionierung

"Bleiben Sie immer neugierig"

Auch einer schwierigen Situation lässt sich Gutes abgewinnen, sagt Fernsehlegende Kurt Aeschbacher. Ein Gespräch über das Alter, die Neugierde und das Leben in Zeiten der Pandemie.

Herr Aeschbacher, Sie haben einmal gesagt, die Pensionierung sei für Sie ein Schimpfwort ...

(lacht) Dasitzen und schauen, wie das Gemüse wächst – das passt nicht zu mir. Die Vorstellung, dass man mit 65 plötzlich zum alten Eisen gehören soll, finde ich lächerlich. Da sollten wir als Gesellschaft umdenken. Was sich im Alter vielleicht ändert, sind die Ziele und Aufgaben. Die muss jeder Einzelne für sich definieren, wenn er das Leben und die gewonnene Zeit geniessen will.

Was treibt Sie an?

Ich finde es grossartig, was Menschen zustande bringen, wenn sie mit Lust und Vertrauen zusammenarbeiten. Mir hat das immer schon die Kraft und den Mut gegeben, Neues zu wagen – ohne Angst zu haben, dass etwas nicht klappt. Darum engagiere ich mich weiterhin in zahlreichen Projekten, etwa als Unicef Botschafter, als Herausgeber des Magazins 50plus oder in der Online-Vermarktung von Artikeln, die Schweizer Handwerkerinnen und Handwerker herstellen. Ich bin eine richtige "Gwungernase". Neugier ist ein starker Antrieb. Darum kann ich nur empfehlen: Bleiben Sie immer neugierig – auch wenn das heute nicht einfach ist.

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Wie erleben Sie die Gegenwart?

Da kommt dieses kleine, lebensbedrohliche Ding – und alles steht Kopf. Das hat mich überrumpelt. In kurzer Zeit wurden alle meine Auftritte abgesagt, Inserate storniert, das soziale Leben heruntergefahren. Plötzlich fehlen die Reize von aussen. Trotzdem kann ich der Situation auch Gutes abgewinnen.

Wie zum Beispiel?

Obwohl wir Abstand halten, sind wir näher zusammengerückt: Verbundenheit ist wieder wichtiger. Ich telefoniere zum Beispiel regelmässig mit Freunden, die ich aus den Augen verloren hatte. Und die Spaziergänge mit meinem Hund sind länger und gelassener geworden. Nicht zuletzt ist Lesen wieder ein richtiges Abenteuer für mich. 

Lesen schärft die Fähigkeit zu differenzieren, weil wir uns mit anderen Meinungen und Argumenten auseinandersetzen müssen. Wenn ich sehe, was auf der Welt passiert, habe ich Angst, dass uns diese Fähigkeit abhanden kommt.

Sie denken an Polarisierung, Radikalisierung und Fake News?

Es macht mir Sorgen, dass gut recherchierte Fakten immer öfter von gezielter Irreführung übertönt werden. So kann man sich leicht ein falsches Weltbild zimmern und lebt nur noch in der eigenen Meinungsblase. Mit einem gewissen Ärger beobachte ich auch diese Betroffenheitskultur. Heute sind ja alle sofort betroffen: wegen eines Bildes oder eines Beitrags in den sozialen Medien. Als Betroffener nimmt man sich das Recht heraus, einen Shitstorm loszutreten. So tötet man Meinungen ab, statt sie kontrovers zu diskutieren: mit Kritik, Einwänden, Argumenten und Gegenpositionen.

Zur Person:

Kurt Aeschbacher wurde 1948 in Bern geboren und lebt heute in Zürich. Er studierte Wirtschaft, leitete ab 2001 seine eigenen Talkshows im Schweizer Fernsehen und wurde zu einem der profiliertesten Moderatoren und Talkmaster der Schweiz.