Das Erbrecht bleibt im letzten Jahrhundert stecken

gourmet, 7.10.2020

Von Renato Sauter, Leiter Nachlassberatung beim VZ VermögensZentrum in Zürich 

Die Reform des Erbrechts ist dringend nötig, sie verzögert sich aber. Darum dürfen Familien die Regelung ihres Nachlasses nicht auf die lange Bank schieben.

Das schweizerische Erbrecht ist hundert Jahre alt und wird den heutigen Formen des Zusammenlebens nicht gerecht. Darum will es der Bundesrat anpassen. Die geplante Reform wurde lange verzögert. Jetzt macht der Nationalrat aber einen Schritt vorwärts. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist das ein grosser Nachteil – zum Beispiel für Konkubinatspartner, Stiefkinder oder Inhaberinnen und Inhaber von KMU.

Verändertes Familienbild

Jeder vierte Haushalt mit Kindern unter 25 Jahren entspricht nicht der traditionellen Vorstellung einer Familie. Viele Kinder und Jugendliche leben in einer Patchwork-Familie, in einer Lebenspartnerschaft mit gemeinsamen Kindern oder in einem Haushalt mit einem alleinerziehenden Elternteil. Mit der Reform soll darum der Pflichtteil der Kinder auf die Hälfte des gesetzlichen Anspruchs reduziert werden. So können Erblasser freier über ihr Vermögen verfügen. Sie können zum Beispiel ihren Lebenspartner und dessen Kinder stärker begünstigen. Ein tieferer Pflichtteil macht es zudem Inhabern von KMU leichter, ihre Nachfolge zu regeln.

Mehr Spielraum für die Absicherung

Auch für die Familie im folgenden Beispiel wäre das ein Vorteil: Ein Ehepaar hat ein gemeinsames Kind, und die Frau bringt ein Kind aus einer früheren Beziehung in die Ehe ein. Stirbt der Mann, beträgt die freie Quote 3/8 des Nachlassvermögens. Mit der Reform würde diese Quote grösser – und damit der Spielraum für die Begünstigung des Stiefkindes. Der Mann könnte in einem Testament festhalten, dass seine Frau die Hälfte des Nachlassvermögens bekommen soll und die beiden Kinder je einen Viertel.

Tipp: Es kann noch dauern, bis das neue Erbrecht in Kraft tritt. Schieben Sie die Regelung Ihres Nachlasses darum nicht auf die lange Bank. Spätestens wenn man Kinder bekommt, eine Firma gründet oder in Pension geht, sollte man seine Familie absichern. Auch in Patchwork-Familien und im Konkubinat muss man Regelungen treffen, um eine ungerechte Situation zu vermeiden.

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