"Frauen sind auf eine Absicherung angewiesen"

Women in Business, 6.11.2020

Gabrielle Sigg, Nachlassexpertin beim VZ VermögensZentrum in Zürich

Women in Business: Frau Sigg, ab welchem Alter sollte man sich zwingend um seine eigene Erbnachfolge kümmern?

Gabrielle Sigg: Das ist nicht unbedingt eine Frage des Alters. Seinen Nachlass sollte man angehen, wenn man etwas zu hinterlassen hat und nicht möchte, dass das Vermögen nach der gesetzlichen Regelung verteilt wird.

Warum gibt es so viele Menschen, die sich nicht früh genug darum kümmern?

Die Auseinandersetzung mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit wird gerne verdrängt. Darum gehört die Erbschaftsplanung zu den Dingen, die man auf die lange Bank schiebt. Sich und die Familie durch das Niederschreiben des eigenen Willens zu entlasten, reinen Tisch zu machen, Klarheit zu schaffen, loszulassen und Streit zu vermeiden sind handkehrum die meistgenannten Beweggründe von Menschen, die ihren Nachlass frühzeitig geregelt haben.

Ist ein Testament ratsam?

Ohne Testament entscheidet das Gesetz, wer wie viel erbt. Oft ist das nicht im Sinne der Verstorbenen. Was man erarbeitet hat, soll jenen zugutekommen, die einem emotional am nächsten sind. Diese gehen aber unter Umständen leer aus – vor allem bei Konkubinatspaaren und Patchwork-Familien. Auch in traditionellen Familien kann man in finanzielle Bedrängnis geraten, wenn sich die Eheleute nicht maximal begünstigen.

Wann ist das Testament zwingend?

Eine Verfügung von Todes wegen braucht es, wenn man einen Teil des Vermögens als Vermächtnis einer gemeinnützigen Institution weitergeben oder eine Willensvollstreckerin einsetzen möchte, die für eine möglichst reibungslose Umsetzung des letzten Willens sorgt. Ich rate nur dann von einem Testament ab, wenn die gesetzliche Erbfolge vorbehaltlos gewünscht ist. Dann kann man sich die behördlichen Kosten sparen, die mit einer Testamentseröffnung anfallen. Allerdings wissen die wenigsten, ob die gesetzliche Erbfolge die beste Lösung für sie ist. Darum kann sich eine Beratung lohnen.

Was raten Sie getrenntlebenden Ehepartnern hinsichtlich Erbfragen?

Nach heutigem Recht wird der gesetzliche Erbanspruch nicht aufgehoben, wenn sich Ehepartner trennen. Das erfolgt erst mit Rechtskraft der Scheidung. Dazwischen kann aber viel Zeit verstreichen. Darum sollte man eine erbrechtliche Lösung treffen, auch nur als Übergangslösung. Das geht zum Beispiel mit einem Erbvertrag, wenn man sich im Einvernehmen scheiden lässt. Oder mit einem Testament, mit dem man den künftigen Ex-Partner mindestens auf den Pflichtteil setzen kann.

Sie haben Patchwork-Familien angesprochen, von denen es heute immer mehr gibt. Inwiefern könnte eine flexiblere Ausgestaltung des Erbrechts diesem Umstand gerechter werden?

Das Erbrecht ist hundert Jahre alt und wird den heutigen Formen des Zusammenlebens nicht gerecht. Viele Kinder und Jugendliche leben zum Beispiel in einer Patchwork-Familie oder im Haushalt mit einem alleinerziehenden Elternteil. Eine Reform ist zwar geplant. Damit soll der Pflichtteil der Kinder auf die Hälfte des gesetzlichen Anspruchs reduziert werden. So können Erblasser freier über ihr Vermögen verfügen. Sie können zum Beispiel ihren Lebenspartner und dessen Kinder stärker begünstigen. Die Reform verzögert sich aber, weil die Beratungen im Parlament immer wieder verschoben werden.

Müssen Frauen im Hinblick auf die Erbregelung ganz besondere Punkte beachten?

Ja. Leider ist es immer noch so, dass Frauen in traditionellen Rollenverhältnissen vermehrt auf eine Absicherung angewiesen sind. Für sie ist es besonders wichtig, dass sie dabei alle Aspekte berücksichtigen – also Finanzen, Vorsorge, Pensionierung und Nachlass. Um gut geschützt zu sein, müssen sie alle Instrumente einsetzen, die das Güter-, Erb- und Sozialversicherungsrecht zur Verfügung stellen.

Kurz zusammengefasst: Welche wichtigsten Fehler sollte man im Hinblick auf eine gute Erbregelung für die Nachkommen zwingend vermeiden?

Viele denken, dass sie allein bestimmen können, wer wie viel erbt. Das stimmt nur teilweise. Ein Erblasser darf zwar entscheiden, dass ein Erbe mehr oder weniger erhält. Die Pflichtteile sind aber verbindlich. Ein weiterer Fehler ist, wenn man alles zu Lebzeiten schenken möchte, um einen späteren Streit auszuschliessen. So einfach ist das nicht.

Man kann zwar Vermögen schenken. Doch unter Umständen müssen die Beschenkten das Geschenk nach dem Tod des Erblassers wieder ausgleichen. Auch sind viele der Meinung, dass der Ehepartner automatisch alles erbt, wenn man stirbt. Das ist falsch. Ohne Testament bekommen der überlebende Partner und die Kinder je die Hälfte des Nachlasses. Die Kinder kommen also nicht erst dann zum Zug, wenn beide Eltern gestorben sind. Nicht zuletzt  vergessen viele, dass es mit dem Verfassen einer Verfügung von Todes wegen nicht getan ist. Die oft erheblichen Ansprüche aus der 2. und 3. Säule muss man unabhängig vom Erbrecht regeln. Ich kann darum nur empfehlen, dass man die gesamte Begünstigungssituation sorgfältig überprüft.

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