Wie weiter mit der Altersvorsorge?

blickwinkel, 15.11.2019

Von Stefan Thurnherr, Partner beim VZ VermögensZentrum in Zürich

Stefan Thurnherr, Vorsorgeexperte beim Vermögenszentrum VZ Zürich, macht sich Sorgen um die Vorsorge. Die Finanzierung des Schweizer Rentensystems beurteilt er als nicht mehr zeitgemäss – diese müsse grundlegend überarbeitet werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Altersvorsorge in der Schweiz?

Sicher ist, die neuen Arbeitsformen müssen aufgenommen werden. Mehr Leute arbeiten Teilzeit, sie wechseln öfter das Unternehmen und verbringen Zeit im Ausland. Das heutige System ist darauf ausgerichtet, dass wir von 20 bis 65 ohne Unterbruch Vollzeit arbeiten. Das wichtigste Thema ist jedoch das Pensionsalter. Das Leistungsziel, das wir haben, kann sonst nicht mehr erreicht werden.

Sie sind demnach der Meinung, das Pensionsalter müsste erhöht werden?

Unbedingt, ja. Wir leben statistisch gesehen länger als vor 40 Jahren. Also müsste die Dauer, in der wir eine AHV-Rente erhalten, gekürzt werden. Etwas Abhilfe würde bereits die Einführung des Rentenalters 65/66 schaffen. Eine Anpassung des Frauenrentenalters an jenes der Männer halte ich nicht für zwingend. Zusätzlich ist ein flexibles AHV-Alter gefragt.

Wenn man nur das Rentenalter erhöhen würde – was wäre ein realistisches Pensionsalter?

Um einen Umwandlungssatz von 6 Prozent in der Pensionskasse zu halten und um auch die AHV ausgeglichen zu finanzieren, bräuchte es rein mathematisch ein Rentenalter 68/69. Gefragt sind aber flexible Modelle und eine schrittweise Annäherung an ein neues Rentenalter. Nur so kann die Vorsorge verträglich für die Sozialpartner stabilisiert werden. Wichtig: Je früher mit der Anpassung begonnen wird, desto sanfter kann die Umstellung erfolgen.

Ältere Arbeitnehmende haben schon heute Mühe, eine Stelle zu finden. Wie passt das zusammen?

Das Gesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) sieht vor, dass Berufstätige in der Pensionskasse ab 25 Jahren anfangen zu sparen. Mitarbeitende und Unternehmen teilen sich den Betrag, der am Anfang 7 Prozent des Bruttogehalts abzüglich des Koordinationsabzugs beträgt. Ab dem Alter 35 werden 10 Prozent einbezahlt, ab 45 dann 15 Prozent, ab 55 und bis zur Pensionierung erhöht sich der Abzug auf 18 Prozent. Der Mitarbeiter, die Mitarbeiterin werden je älter, desto teurer. Dieses hausgemachte Problem muss korrigiert werden, gerade in Bezug auf den Fachkräftemangel, der sich abzeichnet.

Wie beurteilen Sie das heutige System?

Beim Rentensystem handelt sich um einen Konstruktionsfehler. Er kommt daher, dass die Politik bei der Einführung der zweiten Säule einen Kompromiss gesucht hatte. Damals herrschte der Glaube, junge Menschen würden hohe Lohnabzüge nicht hinnehmen, also wurden die Abzüge gestaffelt. Finanzmathematisch gesehen wäre ein Einheitssparsatz sinnvoll, weil damit ein höherer Zinsertrag erzielt werden kann.

Warum nicht gleich eine Abkehr vom Drei-Säulen-System?

Das System hat sich im Grundsatz bewährt. Die verschiedenen Arten der Finanzierung stabilisieren unser Rentensystem. Administrative Kosten könnten allerdings reduziert werden, wenn wir ein Leben lang bei der gleichen Pensionskasse bleiben könnten.

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