Tiefe Zinsen, weniger Rente: So schützen Sie Ihr Einkommen

gourmet, 09.11.2019

Von Raphael Ebneter, Bereichsleiter beim VZ VermögensZentrum in St. Gallen und Kreuzlingen

Wer in Pension geht, steht vor der Wahl: Soll ich das Geld in meiner Pensionskasse besser als Rente oder als Kapital beziehen? Für viele ist ein Mix die beste Lösung.

Die Zinsen bleiben voraussichtlich noch lange tief. Damit nimmt der Druck auf die Renten weiter zu, und Pensionskassen müssen ihre Umwandlungssätze und Leistungen laufend senken. Bei einigen liegt der Umwandlungssatz schon unter 5 Prozent. Viele Schweizerinnen und Schweizer müssen noch lernen, mit dieser Realität umzugehen. Je nach Alter gibt es eine Reihe von Massnahmen, wie sie besser vorsorgen und ihr Einkommen im Alter sichern können. Die folgenden Tipps helfen, richtig zu entscheiden:

1. Massnahmen für 45- bis 65-Jährige

Unschön, aber wahr: Jüngeren Erwerbstätigen bleibt nichts anderes übrig, als mehr in ihre Vorsorge einzuzahlen. Je früher sie beginnen, desto weniger müssen sie jedes Jahr zur Seite legen, um später genug Geld zu haben. Ein Beispiel: Sinkt der Umwandlungssatz von 6 auf 4,75 Prozent, fehlen einem 50-Jährigen 131'580 Franken, wenn er eine Pensionskassenrente von 2500 Franken erhalten will, wie sie ein 65-Jähriger heute bekommt. Er muss jedes Jahr 7610 Franken zusätzlich sparen, um diese Einbusse zu kompensieren. Viele Pensionskassen sehen zwar Übergangsfristen für Kürzungen vor. Wenn man 55 oder 60 Jahre alt ist, reicht das häufig aber kaum. Anders als den Jüngeren bleibt dieser Altersgruppe wenig Zeit, um Lücken zu schliessen.

Tipp: Oft bleibt keine Wahl: Beim Sparen sollten Sie mehr Risiken eingehen und einen Teil Ihres Geldes zum Beispiel in günstige Indexanlagen wie ETF investieren: Wer etwa über die letzten 15 Jahre jeden Monat 300 Franken in den Schweizer Leitindex SMI investierte, hat heute rund 95'000 Franken angespart. Auch die Säule 3a sollten Sie mit Wertschriften aufbauen, weil 3a-Konten kaum Zinsen abwerfen. Und nutzen Sie Möglichkeiten, um freiwillig in die Pensionskasse einzuzahlen: etwa aus Erbschaften oder mit Geld, auf das Sie länger nicht angewiesen sind.

2. Massnahmen bei der Pensionierung

Für die meisten Schweizer gilt, dass der grösste Teil ihres Vermögens in der Pensionskasse steckt. Bei der Pensionierung müssen sie wählen, wie sie dieses Geld beziehen: als Rente oder als Kapital? Dieser Entscheid ist endgültig, und er beeinflusst die Lebensqualität im Alter. Darum lohnt es sich, gut abzuwägen. Renten sind bis ans Lebensende garantiert. Die Höhe hängt aber vom Umwandlungssatz ab – und der sinkt und sinkt. Mit 6 Prozent wird aus 200'000 Franken Guthaben eine jährliche Rente von 12'000 Franken. Sinkt der Satz auf 5 Prozent, schrumpft die Jahresrente um 2000 Franken.

Wer das Kapital aus der Pensionskasse bezieht, bleibt finanziell flexibler. In den ersten Jahren kann man zum Beispiel etwas Geld abzweigen, um das Haus zu renovieren oder den Kindern einen Erbvorbezug zu geben. Der grösste Teil wird aber angelegt und allmählich verzehrt. Man nutzt das Kapital also, um bis ans Lebensende eine sichere Rente zu erwirtschaften. Was bis zum Tod nicht aufgebraucht ist, gehört der Familie. Oft verbessert das die finanzielle Situation des überlebenden Partners deutlich, sofern man seinen Partner mit einem Testament oder Ehevertrag so weit wie möglich begünstigt hat. Meistens ist der Kapitalbezug steuerlich attraktiver. Ein Beispiel: In einer Zeitspanne von 22 Jahren fallen mit dem Rentenbezug über 53'000 Franken mehr Steuern an als mit dem Kapitalbezug.

Tipp: Immer mehr angehende Pensionierte wählen eine Kombination: Sie beziehen einen Teil als Rente und den Rest als Kapital. Das kann eine gute Entscheidung sein, wenn man die Umwandlungssätze und die Leistungen für den überlebenden Partner sorgfältig vergleicht. Es kann sich lohnen, dass der Partner die Rente bezieht, dessen Pensionskasse den höheren Umwandlungssatz anwendet. Entscheidend ist auch die Lebenserwartung – vor allem, wenn beide Pensionskassen identische Renten und Leistungen für die Hinterlassenen vorsehen. Weil Frauen statistisch länger leben, beziehen sie die Rente meistens länger als gleichaltrige Männer. Sind beide etwa gleich alt, sollte darum eher die Frau die Rente beziehen. Anders ist es, wenn ihre Lebenserwartung aus gesundheitlichen Gründen stark verkürzt ist.

3. Massnahmen nach 64/65 Jahren

Die Renten aus AHV und Pensionskasse reichen meistens nicht, um im Alter den gewohnten Lebensstil fortzuführen. Die wenigsten haben so viel Vermögen aufgebaut, dass sie die Differenz zum Renteneinkommen allein mit den Erträgen ausgleichen können, die ihr Vermögen abwirft. Darum muss man sein Vermögen im Normalfall so anlegen, dass man es nach und nach verbrauchen kann.

Tipp: Machen Sie einen Finanzplan, um diesen Vermögensverzehr gut zu organisieren. Der Plan zeigt, wie sich Ihre Ausgaben, Ihr Einkommen und Ihr Vermögen nach 64/65 entwickeln. Auch gibt er Aufschluss darüber, wie viel Geld Sie für die Sicherung Ihres Einkommens bereitstellen müssen, und welche Teile Sie längere Zeit nicht dafür benötigen. Diese Gelder können Sie dann längerfristig anlegen, um so eine höhere Rendite zu erzielen.

Diese Seite teilen