So stark sind die Renten in der Schweiz geschrumpft

gourmet, 13.09.2019

Von Karl Flubacher, Geschäftsleiter Nordwestschweiz und Westschweiz beim VZ VermögensZentrum in Basel

Die Renten aus AHV und Pensionskasse fallen heute um ein Fünftel tiefer aus. Das zeigt der neue Pensionierungs-Barometer des VZ. Die Folge: Viele Erwerbstätige müssen kräftig sparen, weil ihre Einkommenslücke entsprechend gewachsen ist. 

Die Erkenntnisse aus dem aktuellen Pensionierungs-Barometer des VZ überraschen: Fast 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind zuversichtlich, was ihre AHV-Rente betrifft. Ihre Pensionskassenrente beurteilen sie aber kritisch. Trotz des geringeren Vertrauens in die Pensionskasse machen sich neun von zehn Befragten wenig Sorgen um ihre Finanzen im Alter: Unterschätzen sie den Ernst der Lage?

20 Prozent weniger Rente

Rentenkürzungen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Der Barometer zeigt, wie stark die Renten tatsächlich gesunken sind. 2002 konnte ein 55-Jähriger, der 120'000 Franken verdient, eine Rente von rund 75'000 Franken erwarten. Und heute? 2019 kann ein 55-Jähriger mit demselben Lohn nur noch mit knapp 60'000 Franken aus AHV und Pensionskasse rechnen. In dieser Zeit ist die erwartete Rente also um fast 20 Prozent geschrumpft. Das entspricht einer Einbusse von mehr als 14'000 Franken pro Jahr oder 1200 Franken pro Monat. 

Mindestzins ist stark gesunken

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens ist der Mindestzinssatz für obligatorische Guthaben in der Pensionskasse von 4 auf 1 Prozent gesunken, darum fällt der Zinseszinseffekt praktisch weg. Zweitens wurde auch der Umwandlungssatz, mit dem die Ersparnisse in eine Rente umgerechnet werden, schrittweise von 7,2 auf 6,8 Prozent gesenkt. Dazu kommt, dass viele Pensionskassen den Umwandlungssatz von 6,8 Prozent nur im Obligatorium anwenden. Im Überobligatorium ist der Satz aber viel tiefer - zum Teil liegt er schon unter 5 Prozent. Besonders gross ist die Einbusse darum für Erwerbstätige, die mehr als 85'320 Franken im Jahr verdienen, denn ein Teil ihres Lohnes ist im Überobligatorium versichert.

Einkommenslücke wird immer grösser

Das Vorsorgesystem sieht vor, dass die Renten aus AHV und Pensionskasse zusammen 60 Prozent des letzten versicherten Salärs ersetzen sollen. Für die meisten Schweizerinnen und Schweizer ist dieses Ziel in weite Ferne gerückt. Der neue Barometer des VZ zeigt: Bei einem Mann, der 100'000 Franken verdient, entsprechen die Renten heute nur noch rund 55 Prozent des letzten Lohnes – 2002 waren es noch rund 62 Prozent. Die Einkommenslücke wird also immer grösser.

Der Anstieg der AHV-Rente um rund 15 Prozent seit 2002 kann diese Lücken nicht kompensieren. Grund dafür ist, dass die tieferen Pensionskassenrenten in der Regel stärker ins Gewicht fallen. Klar ist: Viele überschätzen ihre Ansprüche. Die Renten dürften wegen der steigenden Lebenserwartung und der tiefen Zinsen weiter schrumpfen. Das Einkommen vieler Versicherter wird nicht reichen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Wer ohne finanzielle Sorgen in Pension gehen will, wird deshalb mehr sparen müssen.

Dazu gibt es einige Möglichkeiten: 

  • Bleiben Sie länger berufstätig: Bleiben Sie länger erwerbstätig, wenn Sie das wollen und können. Wenn Sie Ihre AHVRente um ein Jahr aufschieben, erhalten Sie 5,2 Prozent mehr Rente, als wenn Sie Ihre erste Rente mit 65 bzw. 64 beziehen – und zwar Ihr Leben lang.
  • Oder steigen Sie Schritt für Schritt aus: Eine schrittweise Pensionierung hilft, Steuern zu sparen. Wenn Sie Ihr Pensum mit 63 Jahren von 100 auf 70 Prozent reduzieren, können Sie bei vielen Pensionskassen dann schon 30 Prozent Ihres Guthabens auszahlen lassen und den Rest beziehen, wenn Sie den Beruf endgültig aufgeben. Und wenn Sie die Bezüge über mehrere Kalenderjahre staffeln, sparen Sie zusätzlich, weil sie in der Regel die Steuerprogression brechen.
  • Zahlen Sie freiwillig in die Pensionskasse: Zahlen Sie nach Möglichkeit freiwillig in Ihre Pensionskasse ein. So sparen Sie Steuern. Die Ersparnis ist umso grösser, je höher Ihr steuerbares Einkommen ist und je schneller Sie die Einzahlungen wieder beziehen. Achtung: Wenn Sie Ihr Guthaben als Kapital auszahlen lassen möchten, müssen Sie sich spätestens drei Jahre vor der Pensionierung in die Pensionskasse einkaufen.
  • Schöpfen Sie Ihre Säule 3a aus: Verpassen Sie keine Einzahlungen. So verbessern Sie Ihre Vorsorge und sparen Steuern. Wer ab 40 jedes Jahr den Maximalbetrag einzahlt, kann bei einer Rendite von 2 Prozent pro Jahr bis 65. 219'000 Franken ansparen. Wer mit 55 beginnt, kommt immer noch auf 75'000 Franken. Prüfen Sie eine Säule 3a mit Wertschriften. Das rentiert meistens deutlich besser als ein 3a-Konto bei der Bank. 
  • Vergleichen Sie Prämien und Gebühren: Viele Schweizerinnen und Schweizer bezahlen unnötig hohe Prämien für ihre Versicherungen und immer happigere Bankgebühren für Konto, Depot und Anlageberatung. Diese Kosten fressen die Ersparnisse auf. Vergleichen Sie darum laufend Prämien und Gebühren und wechseln Sie zu einem günstigeren Anbieter.
  • Legen Sie Ihr Geld günstig an: Wer im Alter sorgenfrei leben will, muss sein Geld langfristig ertragreich anlegen. Für viele eignen sich passive Indexanlagen wie Exchange Traded Funds (ETF) am besten. Diese Fonds sind günstig und transparent, und man kann schon mit kleinen Summen die Risiken breit streuen. ETF eignen sich besonders, um eine marktgerechte Rendite zu erzielen.

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