Mitten aus dem Leben gerissen

Display, 1.4.2019

Von Jonas Schneider, Leiter LGBT Clients beim VZ VermögensZentrum in Zürich

Ein schwerer Schicksalsschlag kann den hinterbliebenen Partner völlig aus der Bahn werfen. Noch heftiger wird es, wenn die gegenseitige finanzielle Absicherung vergessen wird.

Den Mann der Träume gefunden: Andreas1, 58, hatte Patrick vor über 30 Jahren kennengelernt. Es war die grosse Liebe auf den ersten Blick, Hals über Kopf, bis in alle Ewigkeit. Vor 25 Jahren ist Andreas zu Patrick in die Eigentumswohnung am Stadtrand von Zürich gezogen. Da Patrick finanziell gut dasteht, muss Andreas nichts zum Haushalt beisteuern. Viel könnte er sich auch nicht leisten, denn er arbeitet mit kleinem Pensum als Alterspfleger. Deswegen bezahlt Patrick auch die gemeinsamen Ferien. Andreas geniesst die Lebensqualität und die Freiheiten, die er dank seinem grosszügigen Freund hat. Beide leben im Hier und Jetzt und kosten das Leben in vollen Zügen aus. 

Eine Welt bricht zusammen

Doch plötzlich der grosse Schock: Bei Patrick wird ein aggressiver Tumor entdeckt, und wenige Tage später stirbt er an den Folgen einer Operation. Für Andreas bricht eine Welt zusammen. Und dann der nächste Hammer. Der Bruder von Patrick, der dessen schwules Leben nie goutiert hat, nimmt sich einen Anwalt und lässt Andreas aus der Eigentumswohnung schmeissen. Andreas kann nichts dagegen tun. Denn er und Patrick haben sich nicht eintragen lassen und haben auch kein Testament verfasst. Die Erben von Patrick sind damit dessen Bruder und die sehr betagte Mutter, die nichts von der Homosexualität ihres Sohnes wusste – für sie ein doppelter Schock.

Andreas muss innerhalb einer Stunde seine Habseligkeiten zusammensuchen und die Wohnung verlassen, in der er 25 Jahre lang mit seinem Partner gewohnt und die glücklichsten Stunden erlebt hat. Ab dann hört Andreas nichts mehr von Patricks Familie. Er wird nicht einmal an die Beerdigung eingeladen, geschweige, dass er mitentscheiden darf, wie die Abschiedsfeier stattfinden soll.

Patrick wollte nämlich nie eine kirchliche Abdankung. Seine Familie entscheidet sich jedoch dafür. Andreas kommt provisorisch bei Freunden unter. Am Boden zerstört, sucht er nach ein paar Wochen Hilfe bei einer befreundeten Juristin. Denn dass er nach einer 30-jährigen Partnerschaft mit leeren Händen dasteht und sich von Patricks Familie sein Leben vollends kaputt machen lassen muss, kann Andreas weder verstehen noch akzeptieren. Doch juristisch sind ihm die Hände gebunden.

Andreas ist vom Gesetz her kein Angehöriger von Patrick. Da Patrick für seinen Todesfall nichts vorgesorgt und geregelt hat, ist Andreas weder entscheidungs- noch erbberechtigt. Er erhält keinen Rappen des Erbes. Zu allen Unglück hat er auch keinen Anspruch auf Leistungen der Pensionskasse von Patrick. Bei dieser hätte Patrick ihn zwingend als Lebenspartner anmelden müssen. Die Sorglosigkeit und Unbekümmertheit rächt sich nun. Die Versäumnisse der Vergangenheit können nicht mehr nachgeholt werden.

Fehlende Vorsorge

Andreas steht vor einem Scherbenhaufen: Sein Partner ist gestorben, er hat keine Wohnung, alle Erinnerungen an Patrick sind von den Erben in Beschlag genommen worden und finanziell geht es ihm schlecht. Er muss sich eine Wohnung suchen, was mit seinem tiefen Lohn schwierig ist. Für seinen Arbeitsweg konnte er immer Patricks Auto benutzen, nun muss er fast anderthalb Stunden mit dem ÖV fahren. Zudem macht ihn die befreundete Juristin auf seine desolate Vorsorgesituation aufmerksam. Seine Pensionskasse ist aufgrund seiner Teilzeitarbeit auf einem tiefen Niveau. Ersparnisse hat er so gut wie keine – warum auch. Er hatte doch Patrick, und wollte gemeinsam mit ihm alt werden.

Tipps: Dieses Beispiel zeigt, wie fatal es sein kann, wenn man rein gar nichts für die gegenseitige Absicherung regelt. Die Eintragung der Partnerschaft hätte in diesein Beispiel schon sehr viel geholfen. Mit der Eintragung hat man – salopp gesagt – drei Viertel geregelt. Wenn die beiden sich nicht eintragen lassen wollten, hätte Patrick unbedingt ein Testament schreiben sollen, in dem er seinen Partner begünstigt.

In ihrem Fall wäre es zudem richtig gewesen, wenn Patrick einen Willensvollstrecker bestimmt hätte. Dann hätte sich Andreas nicht mit dem Bruder und der Mutter von Patrick abgeben müssen, sondern eine neutrale Stelle hätte Andreas vertreten. Die Auseinandersetzung mit dem Schlimmsten ist nicht angenehm. Jedoch zeigt die Geschichte von Andreas und Patrick, dass ein Minimum an Regelung nötig ist.

1 Die Namen wurden geändert und die Handlung leicht angepasst, sodass keine Rückschlüsse auf reale Personen gezogen werden können.

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