"Es ist teilweise haarsträubend"

Display, 3.6.2019

Von Jonas Schneider, Leiter LGBT Clients beim VZ VermögensZentrum in Zürich

Seit fünf Jahren leitet Jonas Schneider ein speziell auf die Bedürfnisse von Homo-Paaren zugeschnittenes Beratungsteam beim Finanzplaner VZ VermögensZentrum in Zürich. Im Display-Interview zieht er Bilanz.

Jonas, seit fünf Jahren gibt es beim VZ VermögensZentrum ein Team, das auf die Themen Pensionierung, Nachlass und Steuern für Schwule und Lesben spezialisiert ist. Was gab damals den Ausschlag zur Gründung eines LGBT-Teams?

Unser Vorsorge- und Steuersystem sowie das Erbrecht. Denn diese sind auf die traditionelle Familie ausgerichtet. Da wir aber abseits dieser "Heteronormativität" leben, brauchen schwule und lesbische Paare eine auf sie zugeschnittene Beratung mit entsprechend geschulten Expertinnen und Experten.

Welche Fragen bekommst du am häufigsten zu hören?

Sollen wir unsere Partnerschaft eintragen lassen? Und: Wie kann ich meinen Partner bestmöglich absichern?

Und was antwortest du?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht, denn jedes Paar hat eigene Vorstellungen und Wünsche. Es gibt aber für alles eine Lösung.

Was hast du persönlich in diesen fünf Jahren erreicht?

Das Thema LGBT wurde innerhalb des VZ als Fachthema sichtbar und hat an Bedeutung gewonnen. Auch gegen aussen hat sich das VZ als Experte positioniert, was innerhalb und sogar ausserhalb der Community für Aufmerksamkeit sorgte. Andererseits konnte ich hunderten Schwulen und Lesben bei ihren Finanzen weiterhelfen. Und es hat einige Eintragungen gegeben – dank mir (lacht).

Stichwort eingetragene Partnerschaft. Könnte man nicht einfach warten, bis es die "Ehe für alle" gibt? Im Parlament tut sich ja endlich etwas in dieser Richtung.

Nein, davon rate ich ab. Das Risiko ist zu gross, dass einem Partner etwas zustösst, bevor die "Ehe für alle" Realität ist. Und dann steht man ohne Eintragung mit leeren Händen da.

Wie lautet dein Fazit aus der Beratung?

Viele Personen machen sich über ihre finanzielle Absicherung kaum Gedanken. Es ist teilweise haarsträubend, wie unbedarft mit den Themen Vorsorge- und Nachlassplanung umgegangen wird. Manche Paare leben seit mehr als 20 Jahren zusammen und haben keinerlei Absicherung. Da ist das persönliche Drama im Unglücksfall vorprogrammiert.

Welche Tipps kannst du uns mit auf den Weg geben?

Als erstes sollte man eine Auslegeordnung der Situation machen. Danach die Zielsetzungen definieren und schliesslich Massnahmen einleiten wie: gegenseitige Meldung der Partnerschaft bei der Vorsorge, Nachlassregelung mit Testament oder Erbvertrag, sowie allenfalls weitere Verträge. Und manchmal schicke ich meine Kunden auf das Standesamt, damit sie sich eintragen lassen. Das VZ wurde vor Kurzem mit dem LGBTI-Label ausgezeichnet.

Herzliche Gratulation! Wie kam es dazu?

Im März wurde erstmals das Swiss LGBTI-Label an sieben Unternehmen verliehen. Damit werden Unternehmen ausgezeichnet, die eine Kultur der Offenheit, Inklusion und Wertschätzung gegenüber LGBTI-Angestellten leben. Das VZ war bereits in der Entwicklungsphase des Labels als sogenannter Pionier mit dabei. Bei uns im VZ muss sich niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder Herkunft verstecken. Das VZ ist sozusagen "Strong in Diversity", um das Thema der diesjährigen Zurich Pride aufzugreifen, die ja – wie auch unser LGBT-Team – ein Jubiläum feiert. Happy Pride!

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