Die Schweizer Banken waren lange Jahre extrem verwöhnt

NZZ am Sonntag, 01.07.2018

Matthias Reinhart, der Gründer des VZ Vermögenszentrums, kritisiert die hohen Bankgebühren. Ein Haushalt könne Tausende von Franken pro Jahr sparen. Und er sagt, warum die Renten weiter sinken. Interview: Albert Steck, Daniel Hug

NZZ am Sonntag: Unser Vorsorgesystem gerät zunehmend in Schieflage. Diese Woche hat der Bundesrat seinen Reformplan für die AHV präsentiert. Wie beurteilen Sie die Vorschläge?

Matthias Reinhart: Die Politik versucht, sich irgendwie durchzuwursteln. Doch je länger wir zuwarten, desto mehr spitzt sich das Problem zu. Auch die geplante Verknüpfung der AHV-Finanzierung mit der Unternehmenssteuerreform ändert nichts an der Ursache der Schieflage. Damit kauft man sich lediglich etwas mehr Zeit. Eigentlich weiss jeder, dass es angesichts der zunehmenden Alterung und der negativen Zinsen Anpassungen braucht. Doch die Politik hat sich in eine Sackgasse manövriert.

Was schlagen Sie vor?

Statt alles auf einen Schlag lösen zu wollen, sollten wir beharrlich in kleinen Schritten vorgehen. Vor allem braucht es eine Flexibilisierung der Vorschriften. Das beginnt beim Rentenalter: Viele Leute möchten gerne freiwillig länger arbeiten, vielleicht zu einem reduzierten Pensum. Ein starres Pensionierungsalter macht es schwierig, diese Personen im Erwerbsleben zu halten. Zweitens sind auch die Anlagevorschriften für die Pensionskassen heute zu starr.

Gegenwärtig dürfen diese nur begrenzt in Aktien und Immobilien investieren.

Deshalb sind sie gezwungen, mit einem Teil ihres Kapitals die Staatsschulden zu finanzieren. Doch bei Negativzinsen ergibt das wenig Sinn. Ebenso brauchte es bei der dritten Säule eine Flexibilisierung: Wer in einem bestimmten Jahr nicht in die private Selbstvorsorge einzahlen kann, sollte dies später nachholen dürfen – wie bei einem Einkauf in die Pensionskasse. Vor allem Frauen, die wegen der Kinder einen Erwerbsunterbruch haben, würden davon profitieren. Zusätzlich könnte man die dritte Säule zur Deckung von späteren Pflegekosten benutzen. Dazu müsste man sie für Einzahlungen nach 65 öffnen.

Im Sorgenbarometer der Schweizer steht die Altersvorsorge an oberster Stelle. Spüren Sie dies bei Ihren Vorsorgeberatungen?

Die Ausgangslage vor der Pensionierung hat sich für viele Leute fundamental geändert. Die prognostizierte Rente auf ihrem Pensionskassenausweis ist 20 bis 30% tiefer als vor wenigen Jahren. Zudem ist der klassische Schweizer sehr sicherheitsorientiert. Die Generation der Babyboomer ist deshalb stark verunsichert.

Obwohl diese Generation deutlich besser dasteht als die nachfolgenden Jahrgänge. Was kommt da noch auf uns zu?

Wer jetzt das Rentenalter erreicht, ist bevorzugt. Er wird subventioniert von den nächsten Generationen. Nehmen wir an, die Dauer der Rentenzahlung, inklusive Witwenrente, beträgt im Schnitt 25 Jahre. Das ergibt bei einem Alterskapital von 100'000 Fr. eine Jahresrente von 4000 Fr. – gerechnet ohne Zinsen. Beim heutigen Zinsniveau ist ein Wert von 4500 bis 5000 Fr. realistisch. Viele Pensionskassen zahlen den Neurentnern aber immer noch 5500 bis 6000 Fr. Somit werden die Renten vielerorts weiter sinken.

Die Vorsorgeberatung ist das ursprüngliche Kerngeschäft des VZ. Profitieren Sie von der zunehmenden Verunsicherung?

Was die Verunsicherung erhöht, ist die zunehmende Komplexität, die durch komplizierte Steuergesetze, Reformdiskussionen, tiefe Zinsen und sinkende Umwandlungssätze entsteht. Und das zu Recht. Unser Angebot beschränkt sich aber keineswegs auf die Finanzplanung. Aus 100 Kundenanfragen entstehen im Schnitt 50 bis 60 Beratungsaufträge. Das Resultat ist oft ein detaillierter Plan, der das Einkommen im Alter sichert. Was wir den Kunden dabei vorschlagen, können sie mit ihrer Bank umsetzen oder direkt bei uns. Rund die Hälfte der Beratungskunden nutzt unsere eigenen Lösungen, sei es mit dem Bankdepot, der Vermögensverwaltung, der Hypothek oder den Versicherungen.

Matthias Reinhart fordert mehr Tempo bei der Rentenreform: "Die Politik hat sich in eine Sackgasse manövriert."

Damit werden Sie zunehmend zu einer Konkurrenz für die Banken und Versicherungen. Was unterscheidet das VZ noch von einem herkömmlichen Finanzinstitut?

Unsere Strategien sind grundverschieden. Denn wir verkaufen keine eigenen Produkte. Dadurch ist unsere Beratung völlig frei von Interessenkonflikten. Das Geschäft der Banken und Versicherungen hingegen ist gesteuert über ihre Provisionen, also die Marge, die sie mit der Vermittlung eines Produkts einnehmen. Wir verdienen überhaupt keine Provisionen.

Auch die Banken schaffen vermehrt die Schalter ab und setzen zunehmend auf die Beratung.

Eine gute Beratung baut man nicht von heute auf morgen auf. Dazu braucht es Erfahrung und eine echte Beratungskultur. Wenn wir unsere Mitarbeiter ab der Uni oder der Fachhochschule rekrutieren, absolvieren sie zuerst eine zweijährige interne Ausbildung zu Themen wie Steuern, Pensionskassen, Nachlass oder Portfolio-Management. Von zehn Personen, welche diese Ausbildung durchlaufen, bestehen etwa fünf die internen Tests. Erst dann hat ein Berater das nötige Wissen und kann Kundenverantwortung übernehmen. Wir haben eine volle Beraterhaftung und müssen dafür geradestehen, was wir empfehlen.

Das Image der Finanzbranche hat stark unter den Verlusten und Skandalen gelitten. Ist das Geschäftsmodell der traditionellen Banken überholt?

Die Schweizer Banken waren lange Jahre extrem verwöhnt: Das Geld wurde nicht durch eine besondere Leistung verdient, sondern floss dank dem Bankgeheimnis in die Schweiz. So waren die Banken vor einem intensiven Wettbewerb geschützt. Dieser Strukturwandel wird jetzt nachgeholt. Doch geht er meines Erachtens viel zu langsam.

Das liegt wohl auch an den Kunden, welche nur ungern zu einem neuen Bankinstitut wechseln.

Die Leute sind zu wenig preissensitiv, wenn es um ihre Bank geht. Bei der Krankenkasse sehen sie jeden Monat, welche Prämie sie mit ihrem Einzahlungsschein bezahlen. Bei der Bank dagegen sehen die Kunden nie eine Rechnung, sondern die Gebühren werden direkt vom Konto abgebucht, so dass man es meistens nicht bemerkt. Bei einem Fonds zum Beispiel schmälern die Gebühren einfach die erzielte Rendite. Hinzu kommt: Viele sind nicht gewöhnt, in Prozenten zu rechnen. Darum wird die Wirkung des Zinseszinseffekts, also die exponentielle Zunahme der Kosten über die Zeit, meistens massiv unterschätzt.

Umstritten sind auch die hohen Kosten beim Wechsel der Bank: Das Staatssekretariat für Wirtschaft untersucht, ob solche Gebühren für die Saldierung eines Kontos oder den Transfer eines Depots überhaupt rechtens sind.

Diese Gebühren sind rein prohibitiv. In Deutschland sind sie verboten. Wenn jemand nicht mehr als Gast in ein Restaurant zurückkehrt, erhält er deswegen ja auch keine Rechnung. Diese Wechselgebühren sind aber nur ein kleines Element: Über alle Finanzdienstleistungen, also Hypotheken, Pensionskasse, dritte Säule, Depot oder Versicherungen, könnte ein durchschnittlicher Haushalt mit Wohneigentum gut und gerne 10'000 Fr. im Jahr sparen, wenn man zum günstigsten Institut wechseln würde.

Immerhin hat das Bundesgericht Retrozessionen in der Vermögensverwaltung untersagt. Hat das keinen Fortschritt gebracht?

Die Folge war eine Verlagerung: Stattdessen haben die Banken nun ihre Depotgebühren erhöht. Lagen diese früher zwischen 0,15 und 0,2% des Depotvolumens, so verlangen die Banken heute im Schnitt etwa 0,35%. Andere Institute bieten Beratungsverträge an, welche sie sogar mit 0,5 bis 0,6% belasten. In absoluten Beträgen sind es oft 300 bis 400 Fr. mehr, die man jedes Jahr zahlen muss, wenn man ein Depot von 100'000 Fr. besitzt.

25 Jahre nach der Gründung hat das VZ 1000 Mitarbeiter und einen Börsenwert von 2,5 Mrd. Fr. Wo wollen Sie, neben den 30 Standorten in der Schweiz, weiter expandieren?

Unsere Dienstleistung können wir nicht exportieren, sondern müssen diese in jedem neuen Ländermarkt von neuem aufbauen. In Deutschland sind wir bereits seit einigen Jahren präsent und arbeiten profitabel. Mit der Bankplattform in Deutschland könnten wir nun relativ einfach nach Österreich expandieren. Interessant wäre für uns auch der Schritt nach Grossbritannien, weil das Land wie die Schweiz eine gut ausgebaute berufliche Vorsorge hat.

Sie besitzen 61% der VZ-Aktien und sind gleichzeitig CEO der Firma. Ist das nicht eine zu grosse Machtballung?

Heute bin ich als Ankeraktionär der Garant für ein nachhaltiges Wachstum. Später werden es meine Nachfolger sein. Das ist eine bewusste Differenzierung gegenüber unseren Konkurrenten. Im Durchschnitt bleiben die CEO lediglich vier bis fünf Jahre in ihrem Amt. Dadurch treffen sie vielfach kurzfristige Entscheidungen und gehen zu hohe Risiken ein, zum Beispiel mit gewagten Akquisitionen. Die meisten Zukäufe bringen langfristig keinen Erfolg. Dagegen ist das VZ stets organisch gewachsen, auch wenn das hohe Investitionen und Geduld erfordert.

Sie werden dieses Jahr 58. Wie sieht Ihre Nachfolgeplanung aus?

Der erste Schritt dazu war der Börsengang im Jahr 2007. Jetzt sind wir dabei, die ordentliche Stabsübergabe vorzubereiten. Die Idee ist, dass ich zu gegebener Zeit die operative Verantwortung abgebe und auf das Präsidium des Verwaltungsrats fokussiere. Die Weichen für das weitere Wachstum des VZ sind also gestellt.

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