"Mir händ es Riesedurenand bi eusne Finanze"

Display, 1.11.2018

Von Jonas Schneider, Leiter LGBT Clients beim VZ VermögensZentrum in Zürich

Ordnung ist das halbe Leben. Finanzielle Angelegenheiten werden jedoch nicht von allen mit der nötigen Sorgfalt behandelt. Das Beispiel von Rolf und Urs zeigt, wie wichtig es ist, hier den Überblick zu behalten und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Rolf (65) ist seit kurzem Pensionär. Der Wechsel in den neuen Lebensabschnitt ist ihm nicht schwer gefallen. Allerdings hatte ihm die Frage, ob er sein Pensionskassenguthaben als Kapital oder Rente beziehen soll, schlaflose Nächte bereitet. Er hatte sich deswegen an das VZ gewandt, um die jeweiligen Vor- und Nachteile für seine Lebenssituation aus einer unabhängigen Perspektive zu beleuchten. Auch verriet der sympathische Senior, „es Riesedurenand i mine Finanze“ zu haben und das in Ordnung bringen zu wollen.

Bei diesem Beratungsgespräch stellte sich heraus, dass Urs (68) und Rolf – beide haben sich Ende der Achtzigerjahre kennen und lieben gelernt – relativ sorglos und unbekümmert mit den Themen Vorsorge und Nachlass umgegangen sind. Jeder hatte im Laufe der Jahre „irgendwas“ abgeschlossen, Geld „irgendwo“ angelegt, Steuern „irgendwie“ versucht zu sparen. Doch die beiden hatten sich dabei nicht abgesprochen, ihre Entscheide also nicht koordiniert. Kurzum: Es taten sich viele Fragen auf.

Es geht um viel Geld

Rolf und Urs haben ihre Lebensgemeinschaft nicht auf dem Standesamt eintragen lassen. Sie leben somit seit fast 30 Jahren in einer „wilden“ Ehe. Beim Gespräch mit den beiden junggebliebenen Pensionären stellte sich schnell heraus, dass sie ihre Vorsorgeträger nicht über die Beziehung informiert hatten. Die Pensionskassen wussten also nichts von der Existenz eines Partners, der nach dem Tod des Versicherten hätte begünstigt werden sollen.

Urs, der schon einige Jahre pensioniert ist, bezieht eine monatliche Pensionskassen-Rente von 3400 Franken. Hier hat Rolf einen Anspruch auf 60 Prozent beziehungsweise rund 2000 Franken, wenn Urs stirbt. Diesen Anspruch hätte Rolf allerdings nicht stellen können, da die Pensionskasse nichts von der Partnerschaft weiss. Auch bei Rolfs Pensionskasse und dem Freizügigkeitskonto war Urs nicht gemeldet. Beide haben das nun umgehend nachgeholt. Hier geht es schliesslich um viel Geld.

Tempi passati

Bei dem Thema Nachlass taten sich ebenfalls einige Baustellen auf. So hatten Rolf und Urs zwar ihre Testamente schon gemacht. Doch das lag bereits über zehn Jahre zurück. Damit sind sie nach wie vor gültig. Als wir die Dokumente zusammen angeschaut haben, war die Überraschung allerdings gross, wen sie begünstigen wollten. Bei beiden war eine Hälfte des Nachlasses für Freunde und Göttikinder bestimmt gewesen, die andere Hälfte für den Partner. Es war wie ein Blick in die Vergangenheit. Doch im Laufe der Jahre hat sich der Freundes- und Bekanntenkreis verändert. Urs hat sich mit einem guten Freund auseinander gelebt. Ihm einen Teil seines Vermögens zu vererben, darauf hatte Urs nun keine Lust mehr.

Ähnlich erging es Rolf: Zu einem seiner drei Göttikinder war der Kontakt völlig abgerissen. Einen wichtigen Punkt hatten beide nicht ins Auge gefasst: Es ist in der Regel nicht zu empfehlen, zu viele Personen als „Erben“ einzusetzen. Denn bei einem Todesfall sind alle zusammen in einer Erbengemeinschaft und müssen immer einstimmig über alles entscheiden. Damit ist die Gefahr sehr gross, dass das Erbe blockiert bleibt.

Grösste Selbstbestimmung

Urs und Rolf haben schliesslich entschieden, den Partner als Alleinerben einzusetzen und die Freunde und Göttikinder als sogenannte Vermächtnisnehmer. Zudem haben sich die beiden gegenseitig als Willensvollstrecker eingesetzt. So wird dem überlebenden Partner die grösstmögliche Selbstbestimmung übertragen, wenn der andere stirbt.

Ein munteres Paar wie Rolf und Urs, das seine finanziellen Angelegenheiten relativ unbekümmert angeht, treffe ich in meiner Beratungspraxis relativ häufig an. Und wie das Beispiel zeigt, sollte man Entscheidungen zur Vorsorge und zum Nachlass nicht auf die lange Bank schieben. Denn stirbt ein Partner, steht der andere schnell mit leeren Händen da, und das Ersparte erhalten dann möglicherweise Personen, mit denen man zu Lebzeiten wenig oder gar keinen Kontakt hatte. Und übrigens: Es stellte sich heraus, dass sich für Rolf ein Teilkapitalbezug seines Pensionskassenguthabens am besten rechnet. Seitdem schläft er nachts wieder ruhig.

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