"Ehe für alle": Vorsorge und Nachlass bleiben kompliziert

Display, 01.06.2018

Von Jonas Schneider, Leiter LGBT Clients beim VZ VermögensZentrum in Zürich

Die Rechtskommission des Nationalrats wird bis zum Sommer 2019 eine Vorlage zur "Ehe für alle" ausarbeiten. Jonas Schneider erklärt, was sich für gleichgeschlechtliche Paare bei den Themen Vorsorge und Nachlass ändern könnte.

Das Motto der Zurich Pride 2018 lautet "Same Love - Same Rights". Gleiche Rechte würde uns die "Ehe für alle" geben: Was würde sich damit für Gay- Paare verbessern?

Jonas Schneider: Gegenüber einer eingetragenen Partnerschaft wird sich voraussichtlich nicht viel Neues ergeben. Ohnehin braucht es zunächst Geduld. Denn die "Ehe für alle" wird es wohl frühestens 2021, realistischerweise eher 2023, geben.

Immerhin sprechen Aktivisten von Pink Cross von 20 Änderungen, welche die Ehe für uns bringen würde! Du klingst trotzdem nicht gerade begeistert.

Ganz im Gegenteil! Natürlich würde es mich freuen, wenn die Partnerschaften von schwulen und lesbischen Paaren denen von Heteros gleichwertig wären. Die "Ehe für alle" wäre ein grosser Fortschritt. Damit würde beispielsweise ein heikler Punkt der eingetragenen Partnerschaft wegfallen. Heute kommt diese ja einem ZwangsOuting gleich. Das ist problematisch, gerade im Verkehr mit homophoben Staaten.

Wie sähe es mit den Rechten und Pflichten von Gay-Ehepaaren aus?

Bei den Themen Nachlass und Vorsorge wird es teilweise leichte Verbesserungen bei den Absicherungsmöglichkeiten des Partners geben. Allerdings haben eingetragene Partner heute bereits in vielen Bereichen die gleichen Rechte und Pflichten wie Ehegatten, so beispielsweise im Erb- und Steuerrecht.

Bei der Adoption allerdings nicht.

Heute ist nur die Stiefkindadoption möglich. Mit der "Ehe für alle" wird es möglich sein, auch nicht verwandte Kinder zu adoptieren. Ein weiterer Vorteil wäre, dass die Einbürgerung des Partners erleichtert wäre, analog zur Ehe.

Können wir erwarten, dass sich mit der "Ehe für alle" die Gesetze und Vorgaben bei der Absicherung des Partners vereinfachen, da Gay-Paare einem Ehepaar gleichgesetzt sind?

Nein, das wird leider nicht der Fall sein. Das hat damit zu tun, dass unsere Steuer-, Vorsorge- und Nachlasspraxis auf die traditionelle Familie ausgelegt ist, bei der der Mann arbeiten geht und die Frau die Kinder betreut. Es sind nicht nur schwule Paare, die von dieser Konvention abweichen. Auch bei den Konkubinatspaaren ist es so, so dass sie auf die Beratung durch Experten angewiesen sind, weil es für sie beispielsweise beim Nachlass spezielle Dinge zu beachten gibt. Das Gleiche wird dann auch für verheiratete schwule Männer zutreffen. Es wird weiterhin relativ schwierig sein, in dem Gesetzesdschungel den Durchblick zu bekommen.

Diese Seite teilen