Vorsicht bei Erbvorbezügen

Basler Zeitung, 28.1.2016

Von Laurent Buchs, Nachlassexperte beim VZ VermögensZentrum in Basel

Finanzielle Folgen für alle Beteiligten nicht unterschätzen

Viele Eltern möchten ihren Kindern schon zu Lebzeiten einen Teil ihres Vermögens schenken, um ihnen zum Beispiel eine Ausbildung, den Kauf von Wohneigentum oder die Gründung eines eigenen Unternehmens zu ermöglichen. Was häufig dabei nicht bedacht wird: Die Begünstigten müssen sich den erhaltenen Betrag beim späteren Erbe in den meisten Fällen anrechnen lassen und unter Umständen Teile davon an die Miterben zurückzahlen. Das kann zu Streit oder gar Überschuldung führen. Ein Beispiel: Eine alleinstehende Mutter von zwei Söhnen verfügt über ein Vermögen von 300‘000 Franken. Davon gewährt sie einem der Söhne einen Erbvorbezug von 100‘000 Franken. Kurze Zeit später stirbt die Mutter. Das von ihr hinterlassene Vermögen beträgt 200‘000 Franken.

Um den Anspruch beider Kinder zu ermitteln, werden die dem einen Sohn bereits zu Lebzeiten ausbezahlten 100‘000 Franken zum Nachlass hinzugerechnet. Will heissen: Das gesamte Nachlassvermögen beträgt 300‘000 Franken. Davon stehen jedem Sohn 150‘000 Franken zu, sofern die Mutter in ihrem Testament keine anderslautende Regelung getroffen hat. Der Sohn, der bereits einen Erbvorbezug von 100'000 Franken erhalten hat, bekommt somit nur noch 50‘000 Franken. In manchen Fällen kann es sein, dass der Erbvorbezug grösser ist als der Anteil, der den Erbenden bei der Vermögensteilung zusteht. Dann muss der Empfänger des Erbvorbezuges die Differenz seinen Miterben zurückzahlen.

Das kann ihn finanziell in Bedrängnis bringen - nicht zuletzt, weil die Höhe des Ausgleichs vom Wert des Erbvorbezugs im Zeitpunkt der Erbteilung abhängt. Hat zum Beispiel ein Vater seinem Sohn vor 20 Jahren eine Liegenschaft übertragen, deren Verkehrswert bis zum Tod des Vaters um 30 Prozent gestiegen ist, muss sich der Sohn den heutigen Wert an sein Erbe anrechnen lassen.

Streit vermeiden

Im Rahmen eines Testaments kann der Erblasser den Beschenkten von der Ausgleichspflicht befreien. Allerdings ist das nur möglich, wenn dadurch keine Pflichtteile der übrigen gesetzlichen Erben verletzt werden. Würde die Mutter im oberen Beispiel das ganze Vermögen dem einen Sohn schenken und ihn von der Ausgleichungspflicht befreien, müsste er seinem Bruder nach dem Tod der Mutter so viel zurückzahlen, dass der Pflichtteil des Bruders gedeckt ist. Bei der Erbteilung kommt es nicht selten zu Streit darüber, wie eine frühere Zuwendung anzurechnen ist und wer bereits wie viel erhalten hat. Erbvorbezüge sollten deshalb immer schriftlich festgehalten werden. Gleichzeitig sollte man bestimmen, ob und in welchem Umfang eine Ausgleichspflicht besteht.

Ein Erbvorbezug kann auch für die Schenkenden zum Problem werden, nämlich dann, wenn sie mit der Schenkung ihre finanzielle Unabhängigkeit gefährden. Die meisten Pensionierten sind auf ein Zusatzeinkommen aus ihrem Vermögen angewiesen, um den gewohnten Lebensstandard im Ruhestand beibehalten zu können. Die Schenkenden sollten deshalb über eine solide Einkommensplanung verfügen, bevor sie einen Erbvorbezug gewähren.  

Diese Seite teilen