Hypothek im Alter

Diese Seite teilen

Basler Zeitung, 1.12.2016

Von Vittoria Guernier, Vorsorgespezialistin beim VZ VermögensZentrum in Basel

Amortisierung kann die Erbteilung gefährden

Viele Eigenheimbesitzer befürchten, dass die Bank nach der Pensionierung plötzlich die Hypothek kündigt und sie ihr Heim verkaufen müssen. Einige amortisieren deshalb einen Teil ihrer Hypothek mit Vorsorgeguthaben, das mit der Pensionierung zur Auszahlung kommt. Damit gehen sie das Risiko ein, im Alter mittellos dazustehen.

Nach der Amortisierung ist das Kapital im Haus gebunden. Kommt es zu finanziellen Engpässen, sei es wegen einer Renovation oder weil man pflegebedürftig wird, können Hausbesitzer, die kurz vor der Pensionierung stehen oder bereits pensioniert sind, ihre Hypothek in der Regel nicht mehr aufstocken. Sie scheitern aufgrund des tieferen Renteneinkommens an der finanziellen Tragbarkeit.

Die Frage der Tragbarkeit

Die Tragbarkeitsvorschriften der Banken besagen, dass das Einkommen inklusive Renten aus AHV und Pensionskasse durch die fixen Liegenschaftskosten höchstens zu einem Drittel belastet werden darf. Und als ob an der Zinsfront in den letzten Jahren nichts geschehen wäre, stützen sich die Banken dabei noch immer auf einen hypothetischen Hypothekarzins von fünf Prozent. Dazu zählen sie die Nebenkosten, die ein Prozent des Liegenschaftswerts ausmachen, und allfällige Amortisationen.

Das heisst: Bei einer Liegenschaft mit einem Wert von 1,5 Millionen Franken und einer Hypothek in Höhe von 600‘000 Franken muss das Renteneinkommen 135‘000 Franken betragen, damit die Tragbarkeitsvorschriften erfüllt sind. Nicht zu vergessen ist zudem, dass durch die Amortisierung der Liegenschaft die Erbaufteilung erschwert wird.

Ein Beispiel: Ein Ehepaar mit zwei Kindern besitzt ein Haus im Wert von 1,3 Millionen Franken und ein Bankguthaben von 700‘000 Franken. Die Hypothek beläuft sich auf 600‘000 Franken. Stirbt das Ehepaar, kann das eine Kind das Haus übernehmen und das andere Kind das Kontoguthaben. Beide Kindern erhalten dadurch Vermögenswerte von 700‘000 Franken.

Die Geschwister auszahlen

Anders sieht es aus, wenn das Ehepaar die Hypothek um 300‘000 Franken amortisiert. Das Bankguthaben sinkt dann auf 400‘000 Franken und reicht somit für eine unkomplizierte Erbteilung nicht mehr aus. Die Folgen: Jenes Kind, welches das Haus übernimmt, muss seinen Bruder oder seine Schwester auszahlen. Ist das nicht möglich, muss das Haus im schlimmsten Fall gar verkauft werden. Wer die Hypothek amortisiert, sollte deshalb immer eine ausreichende Reserve an flüssigen Mitteln zurückbehalten.

Mit Testament geregelt

Noch wichtiger ist es, sich rechtzeitig darüber Gedanken zu machen, ob das Eigenheim auch nach der Pensionierung tragbar ist. Wer sich mit Mitte 50 damit auseinandersetzt, hat in der Regel genügend Zeit, um allfällige Einkommenslücken zu schliessen und den fehlenden Betrag anzusparen.

Darüber hinaus ist es von Vorteil, wenn der Erblasser in einem Testament regelt, wer welche Vermögenswerte aus dem Nachlass erhalten soll. Ohne solche Teilungsvorschriften kann die Erbteilung langwierig und aufreibend sein. Um das Risiko von Streitigkeiten unter den Erbenden zu minimieren, kann es sich lohnen, im Testament oder Erbvertrag einen professionellen Willensvollstrecker einzusetzen.