In jeder Marktphase richtig investiert

Basler Zeitung, 6.11.2015

Von Karl Flubacher, Niederlassungsleiter des VZ VermögensZentrums in Basel

Wie das Problem des idealen Einstiegszeitpunkts entschärft werden kann

Trotz der tiefen Zinsen horten Schweizer Privatanleger so viel Liquidität auf Sparkonten wie noch nie. Viele warten schon seit Jahren auf einen günstigen Zeitpunkt, um dieses Geld in einträglichere Anlagen wie Aktien umzuschichten. Diese abwartende Haltung ist teuer: Gemessen am Schweizer Aktienindex SPI sind die Aktienkurse seit 2009 um rund 140 Prozent gestiegen.

Statt auf den richtigen Einstiegszeitpunkt zu warten, wählen Anleger besser eine regelbasierte Anlagestrategie, mit der sie in jeder Marktphase ideal investiert sind. So profitieren sie von steigenden Kursen und sind gleichzeitig vor grossen Verlusten geschützt, falls die Kurse einbrechen. Eine solche Strategie basiert auf festen Anlageregeln, die sich in der Vergangenheit nachweislich bewährt haben. Die konsequente Anwendung dieser Regeln verhindert Fehlentscheide aufgrund von Emotionen wie Gier oder Panik.

Intelligente Regeln statt Emotionen

Ein für Privatanleger geeignetes, regelbasiertes Anlagekonzept stützt sich zum Beispiel auf gleitende Durchschnitte ab. Gleitende Durchschnitte betrachten die Trends von Anlageklassen und signalisieren Kauf- und Verkaufszeitpunkte. Sie lösen ein Kaufsignal aus, wenn eine Anlageklasse von einem negativen zu einem positiven Trend wechselt. Solange der Trend positiv bleibt, ist die Anlageklasse investiert. Wenn der Trend umschlägt und sich eine negative Entwicklung durchsetzt, wird sie Anlage verkauft. Diese taktischen Verkäufe in einem negativen Trend reduzieren das Risiko im Portfolio.

Ein einfacher gleitender Durchschnitt wird berechnet, indem man die Kurse einer bestimmten Anzahl Tage zusammenzählt und durch dieselbe Anzahl Tage teilt. Der gleitende Durchschnitt entspricht dem Durchschnittskurs dieser Anzahl Tage. Für längerfristige Trends wird häufig mit 200 Tagen gearbeitet. Der Nachteil von einfachen gleitenden Durch- schnitten liegt in der relativ hohen Häufigkeit von Fehlsignalen. Zu einem Fehlsignal kommt es, wenn der gleitende Durchschnitt einen Kauf oder Verkauf signalisiert, wenig spä- ter aber das entgegengesetzte Signal ausgelöst wird. Fehlsignale führen zu Verlusten und unnötigen Transaktionskosten und reduzieren die Rendite der Anlage.

Die Zahl der Fehlsignale lässt sich mit einem gleitenden Durchschnitt senken, der nicht eine fixe Anzahl Tage berücksichtigt, sondern sie dynamisch der Marktentwicklung anpasst: Je stärker die Kurse schwanken, desto mehr Tage werden für den gleitenden Durchschnitt berücksichtigt. Bei nur geringen Kursschwankungen liegt dem gleitenden Durchschnitt eine geringe Anzahl Tage zugrunde.

Schnelle Reaktion schützt vor Verlusten

Regeln mit gleitenden Durchschnitten sind auf mittel- bis längerfristige Trends ausgelegt und reagie- ren deshalb nur verzögert auf Entwicklungen an den Märkten. Darum sollten sie mit einem Risiko-Management unterlegt werden, das in extremen Marktsituationen schnell eingreift und die Risiken reduziert. Auch das Risiko-Management sollte regelbasiert umgesetzt werden, um emotionale Fehlentscheide zu vermeiden.

Das Risiko-Management löst zum Beispiel bei einem schnellen und starken Kurseinbruch den sofortigen Verkauf der betreffenden Anlagen aus und nicht erst, wenn der zeitverzö- gerte, gleitende Durchschnitt ein Verkaufssignal liefert. Dafür eignen sich vor allem Stop-Loss-Aufträge. Fällt der Kurs unter eine festgelegte Limite, wird der Titel zum besten erhältlichen Kurs verkauft. Wichtig ist, die Stop-Loss-Limiten laufend anzupassen, damit zum Beispiel nach einem starken Kursanstieg der Titel nicht erst dann verkauft wird, wenn er einen Grossteil seines Gewinns wieder verloren hat.

Ein gutes Risiko-Management löst den Verkauf eines Titels auch nach einem ausgesprochen starken Kursanstieg aus. Hinter dieser Methode steht die Beobachtung, dass ein übermässiger Kursanstieg oft nicht nachhaltig ist und zu einer ebenso starken Gegenreaktion führen kann. In Zeiten sehr hoher Unsicherheit schliesslich verhindert das Risiko-Management Investitionen. Ein guter Indikator für die Verfassung ganzer Märkte oder einzelner Titel ist die Volatilität. Diese misst, wie stark die Kurse schwanken. Steigende Volatilitätswerte zeigen eine wachsende Nervosität der Marktteilnehmer an, mit der sich das Risiko eines Kursrückschlags erhöht.

Kostengünstige Umsetzung mit ETF

Für die Umsetzung eines regelbasierten Anlagekonzepts eignen sich liquide Exchange Traded Funds (kurz ETF) am besten, weil sie kostengünstig sind und in einer Krise ein rasches Eingreifen ermöglichen. ETF sind Fonds, die an der Börse gehandelt werden und einen Index so exakt wie möglich abbilden. Die betreffenden Gebühren sind in der Regel deutlich tiefer als jene von aktiven Fonds. Die jährlichen Verwaltungsgebühren betragen für Anleihen-ETF durchschnittlich 0,22 Prozent, für ETF auf einen Aktien-Index rund 0,3 Prozent. Für einen aktiven Anlagefonds zahlt der Anleger oft 1,5 bis 2 Prozent Gebühren pro Jahr. Gerade in Zeiten tiefer Renditen fallen die günstigen Gebühren besonders ins Gewicht. Anleger müssen bei Aktien-ETF auch nicht auf die Dividenden der Titel verzichten, in die sie investiert sind: Die ETF zahlen sie aus oder schreiben sie dem Fondsvermögen gut.

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