Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 14. Juli 2021

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Stimmung schwankt wegen Inflationsentwicklung und Tapering-Diskussion

Die wichtigsten Volatilitätsindizes bewegten sich in den letzten Wochen im Bereich ihrer Jahrestiefs. Auch im historischen Vergleich stehen diese Indizes auf sehr niedrigen Ständen. Das Stimmungsbild an den Märkten war jedoch viel facettenreicher als die Angstbarometer preisgeben.

Die schlimmsten unmittelbaren Inflationsängste haben sich gelegt und die längerfristigen Erwartungen an die Preisentwicklung haben sich ebenfalls spürbar abgeschwächt. Sinkende Bondrenditen gingen damit einher. Die Rendite des zehnjährigen US-Treasury, eine der wichtigsten Kennzahlen für die globalen Finanzmärkte, durchstiess zuletzt die Marke von 1,3 Prozent nach unten. Für das zweite Quartal schlägt damit ein Renditerückgang um rund 50 Basispunkte zu Buche – eine sehr ausgeprägte Bewegung.

Im Zuge der sich zurückbildenden Inflationsängste hatte sich die Stimmung aufgehellt und die Risikoneigung der Investoren stärker ausgeprägt. Infolge der Tapering-Diskussionen in den USA und der sich im Vormarsch befindenden Delta-Variante des Corona-Virus bildeten sich unterdessen neue Unsicherheitsherde.

Mit Blick auf die wichtigsten Börsenbarometer der Welt in den vergangenen sechs Monaten scheint die Corona-Pandemie abgehakt zu sein. Die Aktienmärkte haben ein erneut starkes Halbjahr hinter sich (siehe Grafik). Angesichts der bereits fulminanten Aufholjagd im Jahr 2020 nach dem Corona-Einbruch ist das eine beeindruckende Entwicklung, zu der sich nur wenige Beispiele aus der Vergangenheit finden lassen. Kurstreiber waren und sind vor allem die zügig voranschreitenden Impferfolge, die eine immer stärkere Wiedereröffnung zuvor brachliegender Wirtschaftssektoren ermöglichen.

Starkes erstes Halbjahr für Aktien
Die wichtigsten Aktienmärkte verzeichneten eine ansprechende Entwicklung im ersten Halbjahr 2021. Die Anlageklasse Staatsanleihen sorgte erneut für Stabilität im Portfolio (alle Angaben in CHF).
Starkes erstes Halbjahr für Aktien

Quelle: Bloomberg

Noch stärker als die Aktienmärkte hat sich der Ölpreis entwickelt. Hier beläuft sich das Halbjahresplus auf über 50 Prozent. Der Fasspreis der in Europa richtungsweisenden Sorte Brent hält Kurs auf 80 US-Dollar. So tief mussten die Käufer letztmals im Herbst 2018 in die Taschen greifen. Mit Blick auf die vorlaufenden Konjunkturindikatoren dürfte die Nachfrage nach Öl und weiteren Rohstoffen hoch bleiben. Denn die Weltwirtschaft boomt. Es zeichnet sich jedoch ab, dass insbesondere die Einkaufsmanagerindizes in den Industrieländern ihren Höhepunkt bereits überschritten haben. Das heisst aber bei weitem nicht, dass das Bruttoinlandprodukt schrumpft. Lediglich die sehr hohe Dynamik des Wirtschaftswachstums wird etwas nachlassen. Die Auftragsbücher gerade im produzierenden Gewerbe dürften sich weiter füllen.

Angesichts des heftigen Wirtschaftsbooms ist innerhalb der US-Notenbank Fed eine Debatte über ein künftiges Herunterfahren der Konjunkturhilfen in Gang gekommen. Zur Erinnerung: Das Fed unterstützt die von der Corona-Krise getroffene Wirtschaft mit dem Ankauf von Staatsanleihen und Hypothekenpapieren in Höhe von monatlich 120 Milliarden US-Dollar. Die US-Notenbanker hatten stets betont, an den Stützungsmassnahmen so lange festhalten zu wollen, bis substanzielle Fortschritte bei der Preisstabilität und der Arbeitslosigkeit erreicht sind. Nun sind immer mehr Währungshüter der Ansicht, dass man sich den Zielen des Programms schneller nähere als ursprünglich gedacht.

Das – aller Voraussicht nach sehr sanfte – geldpolitische Bremsmanöver der Fed dürfte früher oder später im Drehen an der Zinsschraube münden. Es wird erwartet, dass Fed-Präsident Powell dem Drehbuch der letzten Straffungsphase folgt und zuerst die Anleihenkäufe reduziert – was eine ähnliche Wirkung wie eine Zinserhöhung habe dürfte – und erst danach und in kleinen Schritten die Leitzinsen heraufsetzt. Vor 2023 wird an den Finanzmärkten jedenfalls nicht mit Zinserhöhungen gerechnet.

Dennoch sorgte die Aussicht auf in absehbarer Zeit nicht mehr so üppig sprudelnde Geldquellen für etwas Verstimmung unter den Investoren. Es sollte aber auch bedacht werden, dass die US-Notenbank das Risiko eines dauerhaften Inflationsschubs nicht mehr länger ignorieren wird, was grundsätzlich eine positive Botschaft für alle Anleger sein dürfte. Hinzu kommt, dass die Geldpolitik in den USA noch für geraume Zeit ultralocker und stimulierend bleiben wird.

Der weitaus grössere Unsicherheitsfaktor bleibt daher das Coronavirus, auch wenn es – wie eingangs erwähnt, an den Finanzmärkten auf den ersten Blick kein Thema mehr zu sein scheint. Doch die neue und sich rasch ausbreitende Delta-Variante gilt es im Blick zu halten. In Grossbritannien steigen die Fallzahlen bestätigter Infektionen rasant, obwohl dort bereits ein grosser Teil der Bevölkerung geimpft ist. Sollte sich herausstellen, dass die verabreichten Vakzine ausreichend Schutz bieten gegen die neue Virus-Mutation, dann dürften die Aussichten für das zweite Börsenhalbjahr vielversprechend bleiben.

Fazit

  • Das Stimmungsbild an den Finanzmärkten war in den letzten Wochen sehr wechselhaft. Die wichtigsten Volatilitätsbarometer verharren jedoch im Bereich ihrer Jahrestiefs.
  • Der Höhepunkt bei den Konjunkturbarometern scheint in den Industrieländern überschritten zu sein. Obwohl das Tempo der konjunkturellen Erholung somit abnehmen dürfte, bleibt es auf hohem Niveau.
  • In den kommenden Wochen dürften vor allem die neuen Covid-Fallzahlen sowie die Tapering-Diskussionen der Fed entscheidende Impulse für die Märkte bereithalten.

Aktien: Neue Kurshöchststände trotz vereinzelter Unsicherheiten

Der Juni markiert den Abschluss eines guten ersten Halbjahres. Die weitere globale Konjunkturerholung, Impffortschritte und Lockerungsmassnahmen gaben der Wirtschaft in der ersten Hälfte vom 2021 Hoffnung. Auf dieser Basis erreichten auch die Aktienkurse im Juni neue Höchststände mit Gewinnen im Bereich von 4 bis 5 Prozent in vielen Regionen und verschiedenen Sektoren. Noch besser lief es für den Schweizer Leitindex. Seit Anfang Juni konnte er rund 6 Prozent zulegen, was einer Outperformance gegenüber dem MSCI World von knapp 0,7 Prozent entspricht. Mit dieser guten Entwicklung konnten die europäischen Aktienmärkte hingegen weniger gut mithalten.

Auf Sektor-Ebene zeigten sich insbesondere IT-Werte sehr stark, nachdem sie seit Jahresbeginn lange hinterherhinkten. Auch Energie- und Gesundheitswerte konnten stärker als der Gesamtmarkt abschneiden. Schwach liefen im Juni dagegen Industriewerte, Versorger und insbesondere Finanztitel sowie Rohstoffunternehmen.

Seit Anfang Jahr konnte der MSCI World in US-Dollar gut 12 Prozent zulegen und realisierte die zweitbeste Erstsemester-Performance im neuen Jahrtausend. Auch in den letzten Wochen wurden kleinere Rücksetzer sofort wieder aufgeholt und neue Höchstkurse erreicht. Der Markt bewegt sich weiter im seit Frühjahr 2020 etablierten Aufwärtstrend und kann sich zuletzt konstant über dem 50-Tagesdurchschnitt halten. Die relative Stärke der zyklischen Sektoren hat sich im Juni und Juli wieder verbessert ohne die laufende Konsolidierung schon definitiv abzuschliessen. Eine weitere Stärke der Zykliker gäbe dem breiten Markt zusätzlichen Rückenwind. Da sich im RSI-Verlauf Divergenzen zeigen, ist ein kurzfristiger Kursrücksetzer jederzeit möglich. Das mittel- und längerfristige technische Bild bleibt jedoch attraktiv und eine Zwischenkorrektur wäre klar als Kaufgelegenheit zu werten.

Es gibt derzeit vereinzelte Anzeichen einer Überhitzung. Dazu gehören vorlaufende Wirtschaftsindikatoren, welche bereits im Boom-Bereich notieren sowie die hohen Bewertungsniveaus am Aktienmarkt. Zusätzlich besteht ein latentes Risiko, dass die Notenbanken ihre lockere Geldpolitik früher beenden als erwartet oder dass die Pandemie durch weitere Virus-Varianten erneute Verbreitungsherde hervorrufen könnte und die pandemische Lage verschlimmern. Diese wachsenden Ängste waren es denn auch, welche in der zweiten Juli-Woche weltweit zu Kursverlusten führten.

Inzwischen haben sich die Kurse davon wieder erholt. Das weitere Kurspotential hängt deshalb weitgehend davon ab, ob die Notenbanken trotz steigender Inflation weiter an ihrer ultralockeren Geldpolitik festhalten. In den kommenden Wochen ist von der gerade startenden US-Berichtssaison für das zweite Quartal ebenfalls nochmals Rückenwind für die Aktienmärkte zu erwarten.

Fazit

  • Greifbare Aussicht auf Normalität treibt die Aktienkurse in vielen Regionen an. Der Anstieg weist keine sektorielle Richtung auf.
  • Nebst den Aktienkursen, befinden sich auch einige Wirtschaftsindikatoren auf hohen Ständen. Die Geldpolitik und der weitere Verlauf der Pandemie werden das weitere Marktgeschehen prägen.
  • Diese Woche wird in den USA die Gewinnsaison für das zweite Quartal eingeläutet. Die hohen Erwartungen haben Potenzial, die Märkte zu beeinflussen.

Zinsen: Renditen und Inflationserwartungen wieder rückläufig

Der Zinsrückgang erfasste im Juni alle Hauptanlageregionen. 10-jährige Staatsanleihenrenditen waren in der Schweiz, in Europa und den USA rückläufig. Sinkende Inflationserwartungen und eine zwischenzeitlich erhöhte Risikoaversion führten zum Rückgang der Zinsen.

Geldpolitisch gab es im Juni einiges zu besprechen. So setzten sich die Notenbanken für ihre Sitzungen zusammen und äusserten sich zum Stand der geldpolitischen Vorhaben. Während die Europäische Zentralbank eher durch ihre dovishe Haltung überrascht und eine Fortführung der Anleihenkäufe in erhöhtem Ausmass ankündigte, gab es von der amerikanischen Notenbank Fed eine leichte Änderung ihrer Guideline. Bisher lautete das Vorhaben, keine Leitzinserhöhungen vor 2024 zu machen. Nun wären potentiell zwei Erhöhungen im 2023 möglich.

Begründet worden ist diese Anpassung mit einem verbesserten konjunkturellen Ausblick. Auch ein Zurückfahren der Anleihenkäufe (Tapering) wird allmählich diskutiert. Der IWF prognostiziert eine Drosselung der Käufe ab dem ersten Halbjahr 2022. Die Schweizerische Nationalbank hat an ihrer Geldpolitik nichts verändert. Sie passte lediglich die Inflationsprognose für das laufende und das nächste Jahr etwas nach oben an. Die EZB hat angekündigt, dass es für die Juli-Sitzung die eine oder andere Veränderung der Forward Guidance geben könnte.

Bei den Subsegmenten im Anleihenbereich kam es zu einer leichten Spreadeinengung bei den Unternehmensanleihen. Diese geht auf die geringere Inflationsangst und starke Wirtschaftsdaten zurück. Gleiches widerfuhr den Hochzinsanleihen. Und die Wandelanleihen taten es den Aktien gleich und konnten ihre Kursgewinne ausbauen.

Fazit

  • Die Zinsen unterschreiten im Juni wochenlang unerreichte Tiefstmarken.
  • Während die Fed wohl mit der Tapering-Diskussion begonnen hat, überraschte die EZB mit ihrer dovishen Haltung.
  • Insgesamt bleiben die Notenbanken trotz der anhaltenden Wirtschaftserholung wachsam.

Weitere Anlageklassen: Ölpreis legt weiter zu

Rohstoffe: Der stärkere US-Dollar machte den Rohstoffen im Juni etwas zu schaffen. Besonders augenfällig ist dies beim Gold, welches in US-Dollar gerechnet knapp 10 Prozent verloren hat und nun um den Wert von 1800 US-Dollar pro Unze handelt. Die anderen Edelmetalle haben ebenfalls an Wert eingebüsst, wenn auch weit weniger. Bei den Industriemetallen zeigt sich ein gemischtes Bild, viele konnten den "Dollar-Gegenwind" überkompensieren. Kupfer, der wichtige Wirtschaftsindikator, handelt hingegen ähnlich wie Gold rund 10 Prozent tiefer als noch Ende Mai. In Anbetracht des vorhergehenden steilen Preisanstiegs sollte dies jedoch kaum beunruhigen.

Energierohstoffe konnten entgegen dem Trend deutlich zulegen. Die beiden Ölsorten Brent und WTI handeln aktuell deutlich über 70 US-Dollar pro Fass, obwohl in der OPEC Uneinigkeit über das weitere Vorgehen herrscht. Erdgas konnte deutliche Gewinne einfahren, da in den USA recht hohe Temperaturen herrschen und die (oft mit Gas betriebenen) Klimaanlagen daher noch intensiver genutzt werden als saisonal üblich.

Immobilien: Schweizer Immobilienfonds legten im Juni deutlich zu. Damit hat sich die Situation der hohen Bewertungen weiter akzentuiert. Aktuell notiert das durchschnittliche Agio per Ende Juni bei rund 45 Prozent und damit rund 5 Prozent höher als noch Ende 2020. Wohnimmobilienanlagen werden gegenüber kommerziell genutzten Liegenschaften nach wie vor bevorzugt. Aufkommende Sorgen rund um die Delta-Variante von Covid-19 sowie sinkende Zinsen sorgen dafür, dass Anleger wieder vermehrt in als sicher geltende Wohnliegenschaften umschichten. Die Ausschüttungsquote bei den Immobilienfonds ist mit 2,1 Prozent nach wie vor sehr attraktiv. Bei den Immobilienaktien liegt sie mit 3,2 Prozent noch höher.

Diese Seite teilen