Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 14. April 2021

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Finanzspritzen und Impferfolge sorgen für Zuversicht

In den vergangenen Wochen blieb es an den internationalen Finanzmärkten relativ ruhig. Die meisten Anlageklassen verzeichneten solide Resultate im Rahmen der Erwartungen.

Die US-Börsen mit ihren zahlreichen und gewichtigen IT-Werten büssten auf das erste Quartal betrachtet allerdings etwas von ihrem Schwung ein. Aber auch der Schweizer Aktienmarkt mit seinem defensiven Charakter, der seine Stärken eher in Krisenphasen ausspielen kann, kam nicht so ganz auf Touren. Ein ähnliches Bild zeigt sich per Saldo in den Schwellenländern (siehe Grafik). Es waren dagegen eher zyklische Märkte mit relativ grossem Industrie-Gewicht in den Indizes, die zuletzt das Rennen machten, wie die Börsen in Deutschland, Frankreich und Italien, die seit Jahresbeginn rund 10 Prozent zulegen konnten (in Euro gerechnet).

Börsen in Europa übernehmen die Führung
Der erstarkende US-Dollar bremst die US-Technologiebörse Nasdaq 100 sowie die Aktienmärkte in den Schwellenländern aus. Im Gegenzug profitieren Börsen mit einem hohen Anteil an Industriewerten wie Dax und Euro Stoxx 50 (Renditen in lokalen Währungen).
Börsen in Europa übernehmen die Führung

Quelle: Bloomberg

Diese Entwicklungen lassen sich hauptsächlich auf zwei relativ junge Trends an den Finanzmärkten zurückführen, die Ende 2020 die wenigsten Experten erwartet hatten. Da ist zum einen der Anstieg bei den Bondrenditen. Vor allem in den USA sorgte die unerwartet rasche Aufwärtsbewegung für Nervosität an vielen Börsenplätzen. In den vergangenen Wochen kam es hier jedoch zu einer Konsolidierung. Die Rendite der zehnjährigen US-Referenzanleihe hat sich knapp oberhalb von 1,6 Prozent eingependelt. Dennoch führte der Renditeanstieg dazu, dass die realen Zinsen in den USA (10-Jahresrenditen minus Inflation) vor kurzem in den positiven Bereich vorgedrungen sind – zum ersten Mal seit etwa zwei Jahren. Damit wird der Dollarraum als Anlageregion immer attraktiver, insbesondere für Anleger aus dem Euroraum, wo die realen Renditen im Zuge des Inflationssprungs weit unter die minus-1-Prozent-Marke zurückgeglitten sind. Der Dollar wird also stärker nachgefragt, wodurch sein Wert gegenüber anderen wichtigen Anlagewährungen wie Euro, Schweizer Franken und japanischer Yen steigt. Das ist der zweite wichtige Trend im ersten Quartal: der überraschend erstarkende US-Dollar.

Die Kräfteverschiebung zum US-Dollar hat einen weiteren Grund: Es ist das überraschend hohe Tempo bei den Covid-Impfungen in den USA. US-Präsident Joe Biden hatte bei seinem Amtsantritt im Januar zwar gesagt, dass er der Bekämpfung der Pandemie die allerhöchste Priorität einräumen werde. Dass er allerdings derart erfolgreich sein wird, hatten wohl die wenigsten erwartet. So setzte Biden jüngst sein Ziel, innerhalb der ersten 100 Amtstage 100 Millionen Menschen zu impfen, auf 200 Millionen Impfungen herauf – weil er es bereits erreicht hatte. Falls die Impfungen mit der aktuellen Dynamik voranschreiten, dürfte auch diese Marke erreicht werden. Zum Vergleich: In Europa wurden verschiedenen Quellen zufolge bislang weniger als 100 Millionen Impfungen verabreicht.

Und genau dieser Umstand bringt dem US-Dollar zusätzlichen Aufwind bzw. belastet den Euro: Die Aussicht auf rasche Öffnungen und die Rückkehr zu einer Art Normalität in den USA, während Europa in weiten Teilen sehr wahrscheinlich von einer dritten Covid-Welle erfasst wird und im Lockdown-Modus verharrt. Es ist aber auch davon auszugehen, dass die Impfungen in Europa ab dem zweiten Quartal deutlich an Fahrt aufnehmen werden, so dass bis zum Sommer eine Herdenimmunität zumindest teilweise hergestellt sein könnte und somit auch hier eine gewisse Normalität wieder Einzug halten sollte. Damit dürfte – global betrachtet – ab dem Sommer mit einem Konsum- und Investitionsboom zu rechnen sein. Denn die voraussichtlichen Öffnungen werden mit den Finanzspritzen aus den Konjunkturpaketen zusammenfallen.

Insbesondere den USA steht ein riesiger Fiskalstimulus bevor. Nach dem im Februar beschlossenen 1,9 Billionen US-Dollar schweren Nothilfepaket hat Präsident Biden bereits ein zweites Paket von über 2 Billionen US-Dollar aufgegleist, mit welchem die teilweise veraltete Infrastruktur im Land erneuert werden soll. Die Aussicht auf diesen massiven Investitionsboom in den USA lässt praktisch im gesamten globalen Industriesektor die Zuversicht steigen, wie die Einkaufsmanagerindizes zeigen.

Zugleich sorgen die massiven Fiskalstimuli für ein anderes Problem: Die Schuldenquote der USA ist 2020 auf über 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts geklettert und erreichte damit den höchsten Stand seit dem zweiten Weltkrieg. Und im laufenden Jahr wird sich die Haushaltslage der USA nicht entspannen. Drohen in der Folge steigende Zinsen, weil die Investoren an den Bondmärkten für das höhere Risiko entschädigt werden wollen? War der Anstieg im Februar nur ein Vorbote? Sehr wahrscheinlich nicht. Ein wichtiger Punkt ist: In den USA ist die Steuerquote sehr tief. Da Joe Biden beide Kongresskammern kontrolliert, dürften seine Pläne für Steuererhöhungen auf wenig Widerstand stossen. Somit besteht zumindest kurzfristig die Möglichkeit, dass mehr Geld in die US-Haushaltskasse kommt, was die Bondinvestoren beruhigen dürfte.

Der wichtigste Treiber für weiterhin tiefe Zinsen bleibt aber die Geldpolitik – wie überall auf der Welt. In den USA gilt das seit letztem Sommer aber in besonderem Masse. Damals hatte die wohl mächtigste Notenbank der Welt bekanntgegeben, im Kampf gegen die Corona-Folgen ihre beiden, bis dahin gleichrangigen geldpolitischen Ziele – Vollbeschäftigung und Preisstabilität – zu priorisieren: Neu liegt der Fokus auf der Entwicklung am Arbeitsmarkt. Fed-Verantwortliche wiederholen seitdem praktisch bei jeder Gelegenheit das neue Mantra vom «inklusivem» Wirtschaftswachstum: so viele neue Jobs schaffen wie nur möglich und das in allen Einkommensklassen und Gesellschaftsschichten, egal zu welchem Preis. Nebenbei bemerkt: Einige Marktbeobachter sehen in diesem Kurswechsel eine der wichtigsten strukturellen Veränderungen seit den 70er Jahren, als die Aufgabe der Goldbindung des US-Dollars die damalige Währungsarchitektur zum Einsturz brachte. Wichtig ist: Selbst wenn die Arbeitslosenquote in den USA in den Bereich von 3 Prozent zurückfallen sollte und damit Vollbeschäftigung signalisiert – entscheidend für die Fed wird sein, ob Vollbeschäftigung in allen Einkommensklassen und Gesellschaftsschichten erreicht ist. Und das dürfte noch Jahre dauern. In dem Fed-Gremium, welches für die Leitzinsen zuständig ist, rechnet die Mehrheit der Mitglieder daher frühestens ab 2024 mit einer Zinserhöhung. Diese Aussicht ist neben den Finanzstimuli und den Impfhoffnungen der stärkste Kurstreiber an den Aktienmärkten.

Für breit diversifizierte Anleger bietet die aktuelle Börsenlage mit der Mischung aus expansiver Geld- und Fiskalpolitik viele Chancen. Dennoch sollte davon abgesehen werden, zusätzliche Risikopositionen im Depot aufzubauen. Denn das Umfeld dürfte insgesamt bis auf weiteres anspruchsvoll bleiben.

Fazit

  • Die Aussicht auf einen Konsum- und Investitionsboom ab Sommer dürfte die Aktienmärkte noch eine ganze Weile antreiben.
  • Zinssorgen sind unbegründet, da die Notenbanken ihre ultralockere Geldpolitik zu jedem Preis fortsetzen wollen.
  • Die aktuelle Börsenlage mit der Mischung aus expansiver Geld- und Fiskalpolitik bietet viele Chancen.

Aktien: Kurse zeigen weiter nach oben

Das konstruktive Gesamtbild am Aktienmarkt hat sich im März fortgesetzt. Damit sind die Indizes der Hauptanlageregionen allesamt sehr weit gelaufen. Insbesondere die USA und Europa haben deutliche Kursanstiege zu verzeichnen, während die Aktienindizes der Schwellenländer und Japan hinterherhinken.

Für den weiteren Verlauf, ist der Ausblick für die USA am konstruktivsten. Die Konjunkturdaten fallen zusehends robuster aus und die weiteren Fiskalstimuli dürften dies noch weiter unterstützen. Joe Biden hat inzwischen konkrete Details zum Infrastrukturprogramm bekannt gegeben.

Auch auf globaler Ebene zeichnen die vorausschauenden Datenpunkte ein erfreuliches Bild. Der Wert für den globalen Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe ist zuletzt auf 55 Punkte gestiegen. Speziell in den Industrieländern liegen die Werte bereits weit im Expansionsbereich, was von den hohen Auftragseingängen und einer verbesserten Nachfrage herrührt.

Auf Sektorenebene ist die starke Entwicklung von Versorgerbetrieben sowie jene von Basiskonsumgüterherstellern zu vermerken. Sie übertrafen die Performance des Gesamtaktienmarktes deutlich. Schlechter als der breite Markt schnitten Energie- und Gesundheitswerte ab. Die Aufteilung in defensive und zyklische Sektoren gelingt nicht mehr so eindeutig wie noch vor einem Monat. Inzwischen haben nämlich die Zinswerte ihren Anstieg pausiert und es spielen wieder sektorspezifischere Faktoren eine treibende Rolle für die Entwicklung. So konnte auch der Schweizer Aktienmarkt seinen Abstand vom Februar aufholen und die Kurse der defensiven Schwergewichte legten wieder zu.

Auch die technische Analyse zeigt mit der Bestätigung der Unterstützung bei 2'650 Punkten des MSCI World von Anfang März ein konstruktives Bild. Es ist ihm Anfang dieses Monats gelungen, die bisherigen Höchstkurse zu übertreffen. Dies hat der laufenden Aufwärtsbewegung zusätzlichen Schwung gegeben. Seither konnte der Markt weiter zulegen und nähert sich der Marke von 3'000 Punkten. In den letzten Monaten ist es zu einer stärkeren Rotation aus den bekannten Wachstumstiteln hin zu den Substanzwerten aus dem Finanzsektor gekommen. Sollten die Erwartungen der Marktteilnehmer hinsichtlich Konjunktur- und Gewinnerholung erfüllt bzw. übertroffen werden, dürfte der Weltaktienindex über weiteres Aufwärtspotential verfügen. In diesem Umfeld ist mindestens eine neutrale Aktienallokation angezeigt.

Fazit

  • Die globalen Aktienmärkte fokussieren sich nicht mehr auf die gestiegenen Zinsen und nehmen eine sich stark erholende Konjunktur bereits vorweg.
  • Defensive Aktienwerte haben sich ebenfalls vom Zinseinfluss erholt und der Swiss Market Index verkleinerte seinen Abstand zum breiten Markt.
  • Der weitere Verlauf der Aktienkurse hängt stark von den kommenden Konjunktur- und Unternehmensdaten ab.

Zinsen: Geringere Inflationssorgen

Der Zinsanstieg hat sich im vergangenen Monat vor allem in den USA bei den mittleren bis langen Laufzeiten fortgesetzt. In Europa und in der Schweiz waren die Zinsen über einen Monat betrachtet leicht rückläufig. Der Haupttreiber für die Zinsanstiege in den USA war der Anstieg der Inflationserwartungen und die Angst vor einer wirtschaftlichen Überhitzung. Selbst die vorsichtige Rhetorik der amerikanischen Notenbank Fed konnte diese Ängste zunächst nicht beruhigen. Die Verabschiedung des Hilfspakets hat ebenfalls zur Anpassung der Inflations- und Wachstumserwartungen nach oben beigetragen. Inzwischen hat sich die Situation wieder normalisiert indem die Inflationssorgen in den Hintergrund gerückt sind. Dies erstaunt wenig, denn die US-Inflationserwartungen waren auf einem sehr hohen Niveau angelangt, was weitere Anstiege erschwert hatte. Auf Zinsebene ist in den USA nach wie vor von einer leicht steigenden Tendenz auszugehen, während sich in Europa und in der Schweiz die Zinsen weiterhin in einer Seitwärtsbewegung fortbewegen dürften. Grosse Zinsanstiege sind in allen Hauptregionen nicht zu erwarten. Der Hauptgrund dafür sind die Notenbanken, welche weiterhin das Zinsniveau tief halten und ihre Marktinterventionen (Quantitative Easing und PEPP) weiter tätigen werden.

Dies haben sie auch an ihren Zinstreffen im März nochmals bestätigt. Die EZB hat grundsätzlich keine Änderungen an der Geldpolitik kommuniziert, ausser die Erhöhung des Anleihenkaufprogramms PEPP ab dem zweiten Quartal. Auch die Fed beliess ihre Leitzinsen unverändert. Die FOMC-Mitglieder rechnen bis Ende des übernächsten Jahres nicht mit einer Zinserhöhung. Die Schweizerische Nationalbank tagte am 25. März und hat an ihrem Leitzins ebenfalls nicht geschraubt. Sie liess verlauten, dass sie den Schweizer Franken nach wie vor für hoch bewertet hält und dass sie aufgrund der aktuell unsicheren Wirtschaftsentwicklung an ihrer lockeren Geldpolitik festhält. Die erwarteten schrittweisen Lockerungen könnten jedoch ab dem zweiten Halbjahr für neuerlichen Schwung in der Wirtschaft sorgen.

Weiterhin attraktiv sind die Kredit-Segmente wie beispielsweise nachrangige Finanzanleihen und Schwellenländer-Anleihen, da sie eine höhere laufende Verzinsung aufweisen. Weiter profitieren auch Wandelanleihen von der aktuellen Gesamtsituation, da sie einerseits von den Aktienentwicklungen profitieren können und andererseits ein sehr tiefes Zinsrisiko aufweisen.

Fazit

  • Das Hilfspaket sowie die hohen Inflationserwartungen liessen die Zinsen in den USA weiter ansteigen. In Europa und in der Schweiz bewegen sich die Zinsen in einer Seitwärtsbewegung.
  • An den Zinstreffen der SNB, EZB und Fed wurde die Bereitschaft zur Fortsetzung der geldpolitischen Instrumente nochmals betont.
  • Wandelanleihen sind nebst Schwellenländer- und nachrangigen Finanzanleihen attraktive Subsegmente im Zinswerte-Bereich.

Weitere Anlageklassen: Stahlpreise steigen dank Erholung in Industrie

Rohstoffe: Die Preise für Öl sind inzwischen gesunken und haben sich damit bei beiden Sorten wieder etwas normalisiert. Brent kostet aktuell rund 62 USD pro Fass und WTI 59 USD pro Fass. Damit liegen sie am oberen Ende unseres als fair erachteten Preisband. Gold hingegen hat sich mit aktuell rund 1’750 USD pro Unze unter recht grossen Schwankungen in etwa auf dem Vormonatswert eingependelt. Dass sich die Industrie am erholen ist, zeigt sich auch am starken Anstieg der Stahlpreise. Der NYSE Acra Steel Index konnte klar über dem breiten Markt zulegen und von den guten Produktionsdaten profitieren.

Immobilien: Das durchschnittliche Agio von Schweizer Immobilienfonds ist wieder in den Bereich um 40 Prozent angestiegen. Sie sind historisch betrachtet damit relativ hoch bewertet. Bei Wohnimmobilienfonds ist das Agio weiterhin höher als im Segment der kommerziell genutzten Liegenschaften. Die aktuelle Home Office-Pflicht dämpft die Nachfrage nach Büroflächen stark. Und auch im Bereich Hotellerie ist die Lage angespannt.

Der Renditevorteil von Immobilienanlagen hat sich aufgrund der etwas höheren Zinsen am Obligationenmarkt etwas reduziert. Dennoch ist die relative Attraktivität von Immobilien gegenüber Zinswerten gegeben, auch mittelfristig, denn gerade am Schweizer Markt weisen Obligationen nach wie vor eine negative Verfallsrendite auf.

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