Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 11. März 2020

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Heftige Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten

Das Coronavirus hat die globalen Finanzmärkte infiziert. Die Aktienmärkte wurden von einer Verkaufswelle durchgeschüttelt, von der praktisch kaum ein Sektor und kaum eine Anlageregion verschont geblieben ist. Im Gegenzug waren Sicherheit versprechende Geldanlagen besonders gesucht. Letzteres liess in den USA die Anleiherenditen regelrecht kollabieren. Hinzu kommen Uneinigkeiten unter den wichtigsten Erdölförderländern, welche den Ölpreis auf Talfahrt schickten.

Bislang waren die konjunkturellen Risiken und die geopolitischen Unsicherheiten für die Notenbanken beherrschbar. Die Finanzmärkte wussten um diese Schützenhilfe. Deswegen konnten weder die Staatsschuldenkrise in Europa, der Brexit, der Handels- und Irankonflikt sowie die zwischenzeitlichen Rezessionssorgen dem Bullenmarkt an den Aktienmärkten etwas anhaben.

Doch plötzlich scheinen die Notenbanken nicht mehr Herr der Lage zu sein. Das Coronavirus scheint ein Schwarzer Schwan zu sein. Mit dieser Metapher beschreibt der ehemalige Börsenhändler Nassim Taleb in seinem gleichnamigen Buch von 2007 höchst unwahrscheinliche bzw. gänzlich unerwartete Ereignisse, die schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Pleite der Investment Bank Lehman Brothers 2008 gilt als Schwarzer Schwan. Denn nicht die zügellose Vergabe von Subprime-Hypotheken oder die Verbriefung und der Handel mit diesen Subprime-Krediten waren der Auslöser für die weltweite Finanzkrise. Das Ereignis, welches die globalen Finanzmärkte aus ihren Angeln hob, war der Konkurs von Lehman Brothers. Bis dahin hatte niemand geglaubt, dass die US-Administration eine wichtige Investmentbank tatsächlich fallen lassen würde.

Und nun stehen die Notenbanken vor dem Problem, dass ihre bisherige Medizin gegen die Folgen der Coronakrise bislang wenig auszurichten scheint. Das überraschende Absenken der Leitzinsen in den USA und in Kanada um jeweils einen halben Prozentpunkt hat die Lage an den Finanzmärkten jedenfalls nicht beruhigen können. Wichtiger dürfte den Notenbanken die Signalwirkung gewesen sein: Wir bleiben nicht tatenlos.

Der wirtschaftliche Nutzen von Zinssenkungen darf unter diesen Umständen jedoch bezweifelt werden. Denn das Problem der unterbrochenen Lieferketten und der verunsicherten Konsumenten lässt sich damit nicht aus der Welt schaffen. Zudem ist der Spielraum bei den Leitzinsen in Europa praktisch ausgereizt. Einen grösseren Effekt dürfte in dieser Gemengelage ein weiteres Quantitative Easing haben, zum Beispiel in Form von gezielter Versorgung von stark von den Corona-Folgen betroffen Branchen mit zusätzlicher Notenbankliquidität. Mit Spannung werden daher die Sitzungen von Europäischer Zentralbank, Schweizerischer Nationalbank und der US-Notenbank in den kommenden Tagen erwartet.

Für den Anleger gilt es in dieser Zeit Ruhe zu bewahren. Überhastete Transaktionen sollten unbedingt vermieden werden, und die Anlagestrategie sollte nicht plötzlich über den Haufen geworfen werden. Auch wenn die Kursverluste an den Aktienmärkten in den vergangenen Tagen relativ ausgeprägt waren: Ein Blick in die Vergangenheit macht deutlich, dass es sich dabei keineswegs um einen Ausnahmefall handelt (siehe Grafik). Am Beispiel des Swiss Performance Index lässt sich zeigen, dass Kurskorrekturen im Bereich von -10 Prozent in den letzten Jahren sogar sehr häufig vorgekommen sind. Ausserdem zeigte sich jedes Mal, dass die Korrektur sehr schnell wieder aufgeholt werden konnte. Ähnlich sieht das Bild für andere wichtige Aktienbarometer aus.

Trotz Unsicherheit steigende Aktienmärkte
Grössere Korrekturen an den Aktienmärkten sind keine Seltenheit. Und langfristig betrachtet können Unsicherheiten die Kursentwicklung kaum bremsen.
Trotz Unsicherheit steigende Aktienmärkte

Quelle: Bloomberg, Daten 1.1.12 bis 28.2.20

Noch ist zwar völlig unklar, wie stark die Ausbreitung der Lungenkrankheit die Konjunktur bremsen wird. Bei den Aussichten für die globale Wirtschaft muss aber wohl über die Bücher gegangen werden.

Für etwas Zuversicht sorgt der Blick nach China. Dort sind nicht nur die Zahlen der mit dem Coronavirus infizierten Personen stark gesunken. Auch die Industrieproduktion zeigt erste Anzeichen einer Normalisierung. Und der chinesische Aktienmarkt hat sich in den vergangenen Wochen sogar leicht erholen können. Es spricht also einiges dafür, dass die Unsicherheiten rasch wieder vorbeigehen dürften.

Fazit

  • Wurde die Ausbreitung des Coronavirus in China von den globalen Finanzmärkten zunächst noch weitgehend ignoriert, kamen die Märkte mit den ersten Corona-Infektionen ausserhalb Chinas gehörig unter Druck.
  • Alle wichtigen Notenbanken haben ihre Schützenhilfe zugesagt. Unklar ist derzeit, welche geldpolitischen Massnahmen gegen die Coronakrise helfen.
  • Erste Lichtblicke in China zu sehen: Die Zahl der Infizierten steigt nicht weiter, und die Industrieproduktion scheint wieder anzuspringen.

Aktien: Grosse Unsicherheit wegen konjunktureller Folgen der Coronakrise

Spätestens seit der rasanten Ausbreitung des Coronavirus ausserhalb Chinas kamen die internationalen Aktienmärkte gehörig unter Druck. Die schwer abschätzbaren Folgen für die Wirtschaft ist das, was die Börsen stark verunsichert. Anfangs wirkten sich die Massnahmen zur Eindämmung einer weiteren Virusausbreitung – darunter die Schliessung von Produktionsstätten, Absage von Veranstaltungen sowie Quarantänevorschriften – vor allem in China selbst und in den umliegenden Volkswirtschaften aus. Mittlerweile dürfte aufgrund der weltweit ansteigenden Krankheitsfälle auch die weltweite Konjunktur mehr und mehr davon betroffen sein.

Der Weltaktienindex unterschritt zuletzt 2150 Punkte, was seit Jahresbeginn einem Minus von über 8 Prozent entspricht. Von den Verlusten betroffen sind die Aktienmärkte in der Schweiz, im gesamten europäischen Raum sowie in den USA. Weniger ausgeprägt waren die Kursrückgänge in China und den Schwellenländern, denn diese hatten bereits zum Zeitpunkt des Virusausbruchs den Grossteil ihrer Verluste erlitten.

Bedingt durch die Nähe zu Italien, wo das Virus inzwischen grosse Teile der Bevölkerung getroffen und der Wirtschaft lahmgelegt hat, sind auch die hiesigen Aktienmärkte starken Schwankungen unterworfen. Die Schweizer Wirtschaft spürt erste Anzeichen. Diese sind beispielsweise in der Hotellerie und in der Industrie spürbar. Zu erwarten ist ein Wachstumsrückgang des BIP im ersten Quartal, wobei es jedoch nur bei einer vorübergehenden Delle bleiben dürfte. Verglichen mit den europäischen Ländern ist die Schweizer Wirtschaft wirtschaftlich stabiler und damit besser gerüstet, die Folgen des Virus wegzustecken.

Nach dem Bruch der Unterstützungsmarke bei 2340 Punkten ist der MSCI World stark unter Druck gekommen. Mit den aufkeimenden Ängsten vor einer unkontrollierten Verbreitung des Coronavirus wurde auch das Ziel der Zwischenkorrektur bei 2250 Punkten sehr rasch unterboten. Aktuell befindet sich der Markt nach einer kurzen Zwischenerholung im zweiten Teil eines grösseren Abwärtsschubes. Die nächste grössere Unterstützungszone im Bereich von 1950 Punkten dürfte die Basis für eine Erholungsbewegung darstellen, die den Markt in den Kursbereich zwischen 2100 und 2200 Indexpunkten zurückführen sollte. Im übergeordneten Bild legt die Entwicklung der letzten Wochen nahe, dass der Markt seinen langfristigen Aufwärtstrend abgeschlossen hat und in eine grössere Korrektur gestartet ist. Damit ist die erwartete Kurserholung eine Möglichkeit, weiter Risiken im Portfolio zu reduzieren.

Fazit

  • Für die Kursabgaben sorgten externe Faktoren, die aus der Verunsicherung der Marktteilnehmer resultieren und nicht makroökonomische Treiber.
  • Seitdem sich das Virus ausserhalb des asiatischen Raums rasant ausgebreitet hatte, reagierten die Börsen mit Verunsicherung und Abgaben.
  • Wirtschaftliche Folgen sind in der Schweiz fürs erste Quartal zu erwarten, jedoch hat die hiesige Konjunktur die Stabilität, diese Delle gut zu überstehen.

Zinsen: Renditen stark unter Abgabedruck

Auch die Zinswerte wurden durch das Coronavirus deutlich beeinflusst. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe hat inzwischen das eigene Tief vom August 2019 mehr als deutlich unterschritten. Den Renditen in Europa erging es ähnlich, wie am 10-jährigen deutschen Bund abzulesen ist. Der Schweizer Eidgenosse konnte sich lange Zeit gut halten, hat seine Talsohle inzwischen aber doch erreicht.

Die gestiegene Nachfrage nach sicheren Anleihepapieren hat den Kurs des globalen Obligationenindex Global Aggregate sowie des Schweizer SBI AAA-BBB Index zu neuen Höchstwerten geführt.

Zur Stützung der Märkte hat das Fed Anfang März ausserplanmässig interveniert und gleich einen Doppelschritt (0.5 Prozent) unternommen. Marktteilnehmer hatten erst für das nächste Zinstreffen am 18. März mit einem Zinsschritt nach unten gerechnet. Infolge dieser Massnahme rechnen Marktteilnehmer nun auch damit, dass die EZB diese Woche das Zinsniveau senkt. Die Marktentwicklungen der letzten Wochen machen klar, dass die lockere Geldpolitik für längere Zeit notwendig sein wird. Die Notenbanken zeigen auch Bereitschaft, expansiv zu bleiben.

Für die SNB wird es immer schwieriger, am aktuellen Zinsniveau festzuhalten, wenn die EZB nun ebenfalls eine Senkung durchführt. Wegen der schwindenden Zinsdifferenz zwischen der Schweiz und dem Euroraum lastet viel Aufwärtsdruck auf dem Schweizer Franken. Bislang wertete sich die Währung auf, jedoch hielt sich die Stärke gegenüber dem Euro noch im Rahmen, dies nicht zuletzt aufgrund der Interventionen der SNB am Devisenmarkt.

Gegenüber dem US-Dollar kam hingegen der Wechselkurs einige Prozentpunkte zurück. Der USD-CHF-Wechselkurs distanziert sich immer weiter von der Parität. Demnach hat die SNB zwei Optionen: Entweder sie weitet das Leitzinsniveau stärker ins Negative aus oder sie wirkt der Frankenstärke mit weiteren Devisenkäufen entgegen.

Die Risikoprämien bei den Unternehmensanleihen haben sich deutlich verteuert. Während die Subanlageklasse Investment-Grade aufgrund des globalen Zinsrückgangs und der längeren Duration eine positive Preisentwicklung aufweist, rückten die Kurse von Hochzinsanleihen in den negativen Bereich. Analog zur Entwicklung an den Aktienmärkten hat sich das Segment der Wandelanleihen ebenfalls schwach entwickelt.

Fazit

  • Das Coronavirus erhöhte die Nachfrage nach sicheren Staatspapieren, was deren Rendite auf rekordtiefe Stände drückte.
  • Als Stützungsmassnahme senkte die Fed die Leitzinsen mit einem Doppelschritt.
  • Die Fed ist nicht die einzige Zentralbank, welche die Bereitschaft für eine länger anhaltende lockere Geldpolitik zeigt.

Weitere Anlageklassen: Uneinigkeit in OPEC+ schickt Ölpreis auf Talfahrt

Rohstoffe: Die Preise der Erdölsorten Brent und WTI waren bereits vor einigen Monaten ins Straucheln geraten. Denn nach den geopolitischen Ereignissen im Iran wurde die Ölnachfrage deutlich geschwächt. Grund für den Preiseinbruch in der zweiten Märzwoche war das Treffen der OPEC+-Mitglieder. Zur Stützung des ohnehin tiefen Preisniveaus von Öl wollten sie mittels Förderkürzungen das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage wieder ausgleichen, um so weitere Einbussen zu verhindern. Doch es konnte keine Einigung erzielt werden, denn Russland wollte einer Kürzung nicht zustimmen. Die Reaktion seitens Saudi-Arabien war dann die Erhöhung der Fördermengen, um die künftige Ölförderung für Russland unattraktiver zu machen. Würde sich Russland im Anschluss für eine nochmalige Verhandlung bereit erklären, ist eine deutliche Preiserholung von Öl nicht auszuschliessen.

Immobilien: Auch am Markt für Schweizer Immobilienfonds ist das Coronavirus nicht spurlos vorbeigezogen. Auf der Suche nach sicheren Häfen wurden nebst Goldanlagen und Anleihen auch die Immobilienanlageklasse angesteuert. Deutlich zulegen konnte der Index der Schweizer Immobilienfonds. Seit Anfang Jahr erzielte er ein Plus von über 3 Prozent. Zur positiven Entwicklung beigetragen hatten die wiederum deutlich tieferen Zinsen als noch zu Beginn des Jahres. Die durchschnittliche Ausschüttungsrendite ist mit 2.5 Prozent um einiges attraktiver als die mehr als bescheidenen Renditen auf Zinswerten. Deswegen bleiben Immobilien trotz der stolzen Agios eine lohnenswerte Anlage für langfristige Anleger.

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