Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 15. Januar 2020

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Unsicherheitsfaktoren Irankonflikt und US-Präsidentschaftswahlen

An den Finanzmärkten begann das neue Jahr hektisch und nervös. Nach der von US-Präsident veranlassten Ermordung des iranischen Top-Generals Kassem Soleimani war es mit der feiertagsbedingten Ruhe jedenfalls schlagartig vorbei. Der Goldpreis als zuverlässiges Barometer für die Verunsicherung der Anleger stieg Anfang Januar deutlich an. Auch die klassischen Fluchtwährungen Schweizer Franken, japanischer Yen und der US-Dollar standen wegen der stark gestiegenen geopolitischen Unsicherheit unter Aufwertungsdruck. Die Rohölnotierungen zogen ebenfalls an, weil die Anleger das Risiko von Versorgungsengpässen einpreisten.

Hatten sich anfangs die Ereignisse im Nahen Osten überschlagen, ist mittlerweile etwas Ruhe eingekehrt, weil beide Konfliktparteien von einer weiteren Eskalation absahen. Doch bis auf weiteres dürfte der Nahe Osten ein Unsicherheitsfaktor für die Finanzmärkte bleiben.

Der nervöse Jahresstart steht im Kontrast zu einem ruhigen und freundlichen Jahresausklang. Im Dezember hatte sich die Stimmung an den Finanzmärkten klar verbessert. Das ist im Wesentlichen auf zwei Ursachen zurückzuführen. Zum einen brachten die Parlamentswahlen in Grossbritannien Premierminister Boris Johnson und dessen konservativer Partei eine absolute Mehrheit im Unterhaus. Damit verfügt Johnson nun über die nötige Legitimation, um den Brexit gemäss dem mit der EU ausgehandelten Fahrplan umzusetzen. Zum zweiten einigten sich die USA und China im Handelsstreit auf ein sogenanntes "Phase-1-Abkommen", welches eine allmähliche Reduktion bei den gegenseitig auferlegten Zöllen vorsieht.

Während beim Brexit nun relativ klare Verhältnisse herrschen, bleibt abzuwarten, wie lange der Burgfrieden zwischen den USA und China anhalten wird. Da Trump bereits seine Wiederwahl bei den US-Präsidentschaftswahlen diesen November im Blick haben dürfte, müsste er ein Interesse daran haben, weitere Eskapaden im Konflikt mit China zu vermeiden. Denn Verstimmungen zwischen diesen beiden Ländern kann sich Trump, der den Erfolg seiner Amtszeit auch an der Höhe der Aktienkurse messen lassen möchte, nicht leisten. Zudem dürfte er den Wählern auch eine solide Wirtschaft und eine niedrige Arbeitslosenquote präsentieren wollen. Und das alles hängt massgeblich von der globalen Wirtschaft ab, und diese wiederum von stabilen Beziehungen zwischen den grossen Wirtschaftsmächten.

Überhaupt dürften die Wahlen in der grössten Volkswirtschaft der Welt ein entscheidender Faktor an den Finanzmärkten im 2020 sein, zumindest aus der heutigen Perspektive. Da noch völlig unklar ist, wie das Wahlresultat ausgehen wird, ja noch nicht einmal feststeht, wer für die demokratische Partei in den Ring steigt, dürfte das Anlagejahr über weite Strecken von einer gedämpften Risikobereitschaft der Anleger und einer höheren Volatilität geprägt sein.

Das Börsenjahr 2019 war allerdings auch von einer sehr geringen Volatilität geprägt, was angesichts des Handelskonflikts und dem zwischenzeitlichen Brexit-Chaos erstaunlich ist. Und das Börsenjahr 2019 war ausserdem aussergewöhnlich stark. Und das gleich in doppelter Hinsicht: Nicht nur fielen die Renditen bei vielen Anlageklassen relativ hoch aus. Es schlossen auch alle wichtigen Anlageklassen im Plus (siehe Grafik). Doch das Jahr brachte auch eine wichtige Erkenntnis zu Tage: Donald Trumps unkonventionelle Vorgehensweise ist zu einem marktdominierenden Faktor geworden.

Eine Frage, die den Anlegern nun unter den Nägeln brennt: Wird das Jahr 2020 mit dem starken Börsenjahr 2019 mithalten können? Seriös lässt sich das nicht beantworten; Prognosen über einen so langen Zeitraum sind höchst fragwürdig. Es lässt sich jedoch die Ausgangslage analysieren. Und die sieht momentan vielversprechend aus. Im US-Wahlkampf wird Donald Trump ein grosses Interesse daran haben, dass die Wirtschaft weiterhin gut läuft. In Verbindung mit einer unterstützenden Geldpolitik dürfte damit das Umfeld für die grösste Volkswirtschaft der Welt günstig bleiben.

Auch in Europa zeigt sich ein positives Bild. Die Talfahrt im Industriesektor scheint beendet und die Gefahr einer gesamtwirtschaftlichen Rezession vom Tisch zu sein. In Hinblick auf die globale Wirtschaft sieht es derzeit ganz danach aus, dass sich die Ende 2019 eingeleitete wirtschaftliche Erholung fortsetzen dürfte. Ungewiss ist jedoch, ob der Aufschwung bis in die zweite Jahreshälfte anhalten wird.

Fazit

  • Im Nahen Osten hat sich die Lage beruhigt, entsprechend ging auch die Nervosität an den Finanzmärkten wieder zurück.
  • Das Börsenjahr 2020 dürfte über weite Strecken wegen der US-Präsidentschaftswahlen von einer gedämpften Risikoneigung und einer höheren Volatilität geprägt sein.
  • Das konjunkturelle Umfeld und die Geldpolitik bieten den Aktienmärkten Unterstützung.
Starkes Börsenjahr 2019
Im vergangenen Jahr waren die Renditen bei vielen Anlageklassen nicht nur relativ hoch. Es schlossen auch alle wichtigen Anlageklassen im Plus ab – in Schweizer Franken gerechnet.
Starkes Börsenjahr 2019

Quelle: Bloomberg, Daten per 31.12.19

Aktien: Schon länger präsente Unsicherheitsfaktoren lösen sich allmählich auf

Dass sich 2019 zum sehr guten Anlagejahr mauserte, kam vor allem dank der gegen Ende Jahr aufgekommenen Hoffnungen an eine Einigung im Handelsstreit zustande. Die Vorfreude auf den ersten Zwischendeal zwischen den USA und China hat die Anleger für Aktienanlagen ermutigt. Auch die Geldpolitik trug 2019 wesentlich zur Aktienrally bei, da sie sich wieder vom Straffungsmodus abgewandt hat und damit den Märkten noch länger stützend zur Seite stehen wird.

Mit einem Plus von rund 1,8 Prozent gelang es auch dem britischen Aktienmarkt, im Dezember eine positive Rendite zu erwirtschaften. Der klare Wahlsieg von Boris Johnson und die damit einhergehende Hoffnung auf eine baldige Klärung der Brexit-Frage haben britische Aktien gestützt.

Ebenfalls erfreulich war die Performance des Swiss Market Index. Der Aktienmarkt Schweiz konnte sich in den letzten vier Wochen auf breiter Ebene gut schlagen. Alle Teilindizes überragten den Weltaktienindex im Dezember. Aus konjunktureller Sicht fällt die Inflationsentwicklung nach wie vor bescheiden aus. Auch für das Bruttoinlandprodukt gehen sowohl das Seco als auch das KOF von einer moderaten Entwicklung im 2020 aus (bereinigt um den positiven Effekt der anstehenden Sportanlässe). Erst für 2021 ist mit einem BIP-Wachstum nahe dem langfristigen Potential von 1,5 Prozent zu rechnen.

Relativ betrachtet ist der europäische Aktienmarkt in einer schlechteren Verfassung als der amerikanische. Europa hat mit einer schwächelnden Konjunktur zu kämpfen. Insbesondere die Industrie ist fragil. Da der Aktienmarkt stark gestiegen ist und gleichzeitig die Gewinnerwartungen negativ sind, hat auch die Bewertung an Attraktivität verloren. In den USA hingegen bestehen aus dieser Optik weniger Risiken, denn die Gewinnerwartungen sind Anfang Jahr gestiegen.

Auch wenn die Märkte von den Entspannungstendenzen bei den Themen Brexit und Handelskonflikt profitieren und sich derweil stark präsentieren, bestehen die Unsicherheiten weiter und eine defensive Ausrichtung im Bereich Aktien ist empfehlenswert. Dazu eignet sich nebst der Untergewichtung der Aktienquote auch die Positionierung in defensiven Sektoren wie Infrastruktur.

Auch die Charttechnik spricht eher für eine defensive Ausrichtung. Der Weltaktienindex MSCI World hat in den letzten zwei Monaten den Bruch des Widerstandes um 2250 Punkte bestätigt und in der Zwischenzeit das Kursziel bei 2400 Punkten praktisch erreicht. Die Werte wichtiger Marktparameter wie RSI oder Stochastic stehen momentan auf hohen Ständen und signalisieren zumindest kurzfristig eine gewisse Sättigung. Solange der Markt kein klassisches Kursreversal ausbildet, bleibt der Aufwärtstrend grundsätzlich intakt. Die Risiken für eine Zwischenkorrektur haben jedoch zugenommen. Aus diesem Grund sollten im aktuellen Marktumfeld keine zusätzlichen Risiken aufgebaut werden.

Fazit

  • Schweizer Aktien schlagen sich im Regionenvergleich gut, auch wenn sich die Konjunktur noch etwas bescheiden entwickelt.
  • Ein gewisses Mass an Vorsicht ist mit einer defensiven Ausrichtung sicherzustellen.
  • Da aus Sicht der Charttechnik die Risiken für eine Zwischenkorrektur gestiegen sind, sollten keine zusätzlichen Risiken aufgebaut werden.

Zinsen: Jahresstart mit Zinstaucher

Zwischen Mitte Dezember bis Ende Jahr verzeichneten die Zinsen auf globaler Ebene einen Anstieg – einzig kurzlaufende US-Staatsanleihen büssten leicht ein. Einer der Haupttreiber war dabei die bereits oben erwähnte Einigung zwischen den USA und China im Handelsstreit. Das Bild wendete sich jedoch in der ersten Januarwoche aufgrund des wiederaufflammenden Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Sichere Häfen wurden in der Folge wieder vermehrt angesteuert, was entsprechend auf die Zinsen drückte.

Das Zinstreffen der europäischen Notenbanker fand im Dezember zum ersten Mal unter der Leitung der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde statt. Erwartungsgemäss gab es keine Anpassung des Leitzinses, während die Prognosen für das Wachstum und die Inflation leicht nach unten korrigiert wurden.

Die amerikanische Notenbank Fed beliess den Leitzins ebenfalls unverändert im Zielband von 1,5 bis 1,75 Prozent. Dieses Niveau wurde an der letzten Sitzung von allen FOMC-Mitgliedern weiter als angemessen erachtet. So wird nach wie vor nicht mit einer Änderung des Leitzinses bis Ende des ersten Quartals gerechnet.

Die USA stechen mit ihrer unveränderten Einschätzung bezüglich Wachstum und Inflation heraus. Denn neben der EZB rechnet auch die SNB für die Schweizer Inflation mit einer schwächeren Entwicklung von 0,1 Prozent für das laufende Jahr gegenüber der Prognose vom September. Sie begründete diese Senkung mit den politischen Herausforderungen der letzten Monate. Die dadurch geschwächte globale Konjunktur hat viele Notenbanken dazu verleitet, ihre Geldpolitik wieder lockerer auszurichten. Um den Schweizer Franken vor einer Erstarkung zu schützen, kann es sich die SNB ebenfalls nicht erlauben, die geldpolitischen Zügel zu straffen.

Die weiteren Segmente des Anleihenmarktes entwickelten sich unterschiedlich gut. Während Wandelanleihen vom positiven Aktienmarkt profitierten, kamen die Renditen von Unternehmensanleihen aufgrund des Rückgangs der kurzfristigen Zinsen unter Druck. Das Segment der Hochzinsanleihen konnte dank Einengungen der Risikoprämien zulegen.

Fazit

  • Der Zwischendeal im Handelskonflikt sorgte kurzfristig für einen Renditeanstieg auf globaler Ebene; im Zuge der Eskalation im Nahen Osten gerieten die Renditen wieder unter Abwärtsdruck.
  • Die letzten Zinssitzungen der Notenbanken brachten keine geldpolitischen Änderungen mit sich.
  • Aufgrund der starken Aktienmarktperformance übertrumpfen Wandelanleihen die anderen Zinswertesegmente.

Weitere Anlageklassen: Rohstoffe verteuern sich wegen geopolitischer Ereignisse markant

Rohstoffe: Bereits der Beschluss der OPEC im Dezember zur weiteren Kürzung der Fördermenge trieb den Ölpreis leicht nach oben. Dazu kam die Entspannung im US-chinesischen Handelskonflikt. Sie sorgte für eine verbesserte Nachfragesituation. Doch erst der Konflikt zwischen den USA und dem Iran führte dazu, dass Öl beider Sorten Brent und WTI sich Anfang Januar noch deutlich stärker verteuerte. Auf den Präventivschlag der USA gegen den iranischen General Kassem Soleimani folgten Angriffe auf US-Basen im Irak. Äusserungen Trumps trugen etwas zur Entspannung der Situation bei, doch damit ist die Gefahr einer Eskalation noch nicht gebannt, was Öl auf erhöhten Ständen halten dürfte.

Ausgeprägter als beim Öl war im Segment der Rohstoffe vor allem der Preisanstieg von Gold. Dieses wurde seit Anfang Dezember um über fünf Prozent teurer und durchbrach zwischenzeitlich die Marke von 1600 US-Dollar pro Unze und war damit so teuer wie seit Frühjahr 2013 nicht mehr. Wie beim Öl, waren es auch beim Gold die geopolitischen Ereignisse, welche dafür sorgten, dass der Rohstoff teurer wurde.

Immobilien: Der Index der Schweizer Immobilienfonds legte im Dezember den vierten Monat in Folge zu. Mit einem Plus von über 20 Prozent erreichte er seine zweitbeste Jahresperformance seit der Lancierung. Entsprechend sind aber auch die Agios nochmals gestiegen. Im Durchschnitt liegt das Agio der Schweizer Immobilienfonds inzwischen wieder über 30 Prozent, was ein stolzes Niveau ist.

Der ausserordentlich starke Anstieg des Indexes ist auf das anhaltend tiefe Zinsniveau zurückzuführen. Auch wenn das Preisniveau der Anlageklasse inzwischen relativ hoch ist, dürfte die Nachfrage nach Immobilienanlagen auch weiterhin anhalten.

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