Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 11. Dezember 2019

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Rekordjagd an Aktienmärkten täuscht grossen Optimismus der Anleger vor

Mit dem Ende der Berichtssaison der Unternehmen zum Geschäftsverlauf im dritten Quartal verlagerte sich der Fokus an den Finanzmärkten wieder stärker auf die Hintergrundmusik: auf Stimmungsindikatoren aus der Wirtschaft, auf Aussagen von wichtigen Notenbankern (mehr dazu im Abschnitt Zinsen) und natürlich auf das Werweissen über einen möglichen Zeitpunkt einer ersten Lösung im Handelsstreit zwischen den USA und China. Zu reden gab auch der Zinsrutsch an den Anleihenmärkten, der etwa Mitte November eingesetzt hatte und einige Investoren auf dem falschen Fuss erwischte. Davon abgesehen blieben grössere Überraschungen aus.

An den Aktienmärkten ging die Rekordjagd munter weiter. Der November war der dritte Monat in Folge mit positiven Renditen in den wichtigsten Aktienregionen. Seit Anfang Jahr legte der SMI um knapp 25 Prozent zu (per Ende November). Auch viele andere wichtige Indizes kommen auf ein Plus von 20 Prozent und mehr – in Franken gerechnet. Doch nur auf dieses "Kalenderjahr-Denken" zu fokussieren, kann zu einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit führen, und damit zu einer falschen Rendite- und Risikoerwartung. Denn verlängert man der Betrachtungszeitraum allein um einen Monat, und bezieht den Dezember 2018 in die Rechnung mit ein, sieht das Bild schon ganz anders aus (siehe Grafik).

Dennoch: Es scheint sich ein sehr positives Aktienjahr 2019 abzuzeichnen. Mit Blick auf die Fundamentalfaktoren ist das auf den ersten Blick doch ziemlich erstaunlich. Denn das Jahr war auch von einem ausgeprägten weltweiten wirtschaftlichen Abschwung gekennzeichnet, was in der Unternehmenslandschaft negative Gewinnrevisionen zur Folge hatte. Vor allem der Industriesektor hat bei der Produktivität und Rentabilität deutlich Federn gelassen. Namentlich im für die Schweiz wichtigen Absatzmarkt Deutschland befindet sich die Industrie seit gut einem Jahr in einer Rezession.

Dass die Aktienmärkte unter diesen Voraussetzungen dennoch im Aufwind stehen, ist im Wesentlichen auf die Änderung der Zins- und Liquiditätspolitik der Notenbanken zurückzuführen. Denn 2019 markierte auch eine Kehrtwende in der globalen Geldpolitik hin zu einer erneuten Lockerung. Somit sind die Kursanstiege an den Aktienmärkten zumindest zu einem gewissen Teil auf einen technischen Faktor zurückzuführen: auf gestiegene Bewertungen infolge tieferer Zinsen.

Dieser Befund wird von der von Vorsicht geprägten Stimmung an den globalen Finanzmärkten untermauert. Von einer Börsenparty, wie es die vielerorts erreichten Höchststände vermuten lassen, kann jedenfalls keine Rede sein. Es werden hingegen immer mehr Stimmen laut, die vor der derzeitigen Konstellation an den Aktienmärkten warnen. Denn an der Börsenrally nehmen immer weniger Aktien teil. Im Fachjargon ist von einer nachlassenden Marktbreite im Aufschwung die Rede. Ein wichtiger Indikator dafür ist das "Hindenburg-Omen", das gerne in der Finanzpresse thematisiert wird und nach dem deutschen Luftschiff benannt ist, welches 1937 bei der Landung im US-amerikanischen Lakehurst explodierte – und "crashte".

Tatsächlich zeigte sich das "Hindenburg-Omen" an den US-Börsen in den vergangenen Tagen mehrmals. Dies wird unter Pessimisten häufig als Argument ins Feld geführt, dass eine Trendwende am Aktienmarkt bevorstehen könnte. Allerdings handelt es sich lediglich um einen Indikator unter vielen. Und längst nicht alle signalisieren einen solch trüben Ausblick (ein anderes Beispiel folgt im Abschnitt Aktien). Dennoch ist eine eher defensive Ausrichtung in den Portfolios mit einer leicht untergewichteten Aktienquote angezeigt.

Fazit

  • Es zeichnet sich ein positives Aktienjahr 2019 ab. Doch nur auf die Jahresperformance zu schielen, greift zu kurz.
  • Die Stimmung an den Aktienmärkten ist keineswegs so positiv, wie die Rekordjagd vermuten lässt.
  • Derzeitige Konstellation an den Aktienmärkten spricht für weiterhin defensive Ausrichtung der Portfolios.
"Kalenderjahr-Denken" kann Realität verzerren
Auch wenn sich für 2019 ein positives Aktienjahr abzeichnet: Die Performance in Jahreszyklen zu betrachten ist willkürlich und führt letzten Endes zu einer falschen Rendite- und Risikoerwartung.

Quelle: Bloomberg, Daten per 9.12.19

Aktien: US-Präsident Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor

Die wichtigsten Aktienmärkte der entwickelten Länder erzielten im November eine klar positive Rendite – in Franken gerechnet. Einmal mehr zeigten die US-Leitindizes S&P 500 und Nasdaq mit knapp 5 bzw. knapp 6 Prozent die stärkste Entwicklung. Der SMI mit seinem defensiven Charakter hinkte in diesem Umfeld mit knapp plus 3 Prozent etwas hinterher.

Für Auftrieb sorgten die zwischenzeitlichen Fortschritte in den Handelsgesprächen zwischen China und den USA, auch wenn in dieser Sache zuletzt wieder etwas Ernüchterung einkehrte. Es bleibt dabei: US-Präsident Donald Trump ist in seinem Verhalten unberechenbar und damit ein schwer zu kalkulierender Unsicherheitsfaktor an den Aktienmärkten. Deutlich wurde das, als er vor wenigen Tagen völlig überraschend die Wiedereinführung von Sonderzöllen auf Stahl und Aluminium für die beiden südamerikanischen Länder Brasilien und Argentinien ankündigte und damit an den Aktienmärkten für einen durchwachsenen Start in den Dezember sorgte.

Grundsätzlich lässt sich mit Blick auf die verschiedenen Anlageregionen für den Monat November eine leichte Outperformance der USA gegenüber dem Weltaktienindex MSCI World feststellen. Die Schwellenländer als sehr heterogene Gruppe dagegen blieben klar hinter dem MSCI World zurück. Nach Sektoren betrachtet zeigt sich, dass das positive Kurs-Momentum des Gesundheitswesens weiter anhält. Auch der IT-Sektor entwickelte sich stark. Beide Sektoren verzeichneten die stärkste Monatsperformance. Am schwächsten schnitten Energie- und Versorgertitel ab. Interessant ist, dass die im September und Oktober zu beobachtende Präferenz der Investoren für unterbewerte Titel ("Value") im November nicht anhielt. Stattdessen wurde eher auf die Faktoren Qualität ("Quality") und Wachstum ("Growth") gesetzt, wie es bereits im ersten Halbjahr 2019 zu sehen war.

Mit Blick auf die Charttechnik stehen zumindest in der kurzen Frist die Ampeln auf Grün. In den ersten Dezembertagen kam der MSCI World zwar leicht unter Druck und hat kurz die Ausbruchsmarke bei 2250 Punkten getestet. Ob dieses Intermezzo jedoch bereits als abgeschlossene Konsolidierung gewertet werden kann, bleibt vorerst noch offen. An der grundsätzlichen Trendrichtung ändert die leichte Kursschwäche nichts. Der Markt ist unterwegs in Richtung des Kursziels bei 2400 Punkten und erst ein klares Kursreversal würde dieses Szenario in Frage stellen. Im längerfristigen Bild zeigt sich allerdings weiterhin eine grosse negative Divergenz zwischen Kursverlauf und dem Indikator RSI. Aus diesem Grund dürften an den Aktienmärkten in den nächsten Monaten, trotz positiver Vorzeichen, die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Fazit

  • Relativ starke Aktienperformance an den wichtigsten Märkten in den letzten Wochen aufgrund von zwischenzeitlichen Fortschritten im Handelskonflikt zwischen den USA und China.
  • US-Präsident Trump bleibt jedoch ein grosser Unsicherheitsfaktor für die Aktienmärkte.
  • Der kurzfristige charttechnische Trend bietet Unterstützung.

Zinsen: Zinsrückgang auf breiter Front

An den Anleihemärkten kam es Mitte November zu einem relativ deutlichen und breitangelegten Zinsrutsch. Dies dürfte unter anderem mit dem Abbau gewisser Übertreibungen in den Wochen zuvor zu erklären sein. Vor allem in den USA und der Schweiz fielen die Renditen zurück, während die Zinsentwicklung in der Eurozone und vor allem in Deutschland weniger stark rückläufig war. Dies ist auch ein Grund dafür, weshalb der Aufwertungsdruck auf den Franken im November nachgelassen hatte.

Geldpolitisch kam es zu keinen nennenswerten Ereignissen. Von der US-Notenbank Fed erfolgte im November keine Zinssenkung mehr, was auch so erwartet wurde. Das Protokoll im Nachgang der Oktober-Sitzung zeigte, dass die meisten Fed-Mitglieder das aktuelle Zinsniveau als angemessen erachten. Begründet wird dies mit einer mittelfristig moderaten Wachstumserwartung für die US-Wirtschaft.

Solange es nicht zu substantiellen Marktverwerfungen kommt, ist bis Ende des ersten Quartals 2020 nicht mit weiteren Zinssenkungen zu rechnen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Nettoanleihenkäufe wie angekündigt per Anfang November wieder gestartet. Die Investitionen liegen derzeit leicht über den Erwartungen der Marktteilnehmer. Das dürfte damit zu erklären sein, dass die EZB einen Teil der Käufe wegen der Feiertage im Dezember vorgezogen haben dürfte.

Erstaunlich ist hingegen, dass führende Notenbanker, Ökonomen und Wirtschaftsvertreter dies- wie jenseits des Atlantiks die Wirksamkeit der Geldpolitik zuletzt stärker in Frage stellten. Auch hier in der Schweiz. Dass ein "more of the same" nicht den gewünschten Effekt bringt – steigende Inflation und Wirtschaftsleistung –, scheint sich nun auch bei den Verteidigern der ultralockeren Geldpolitik immer mehr durchzusetzen. Mit der Folge, dass eine Debatte über die Zuständigkeiten der Notenbanken losgetreten wurde.

Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde setzte vor diesem Hintergrund erste Akzente, in dem sie zu verstehen gab, dass die EZB ihre Ziele schneller und mit weniger Nebenwirkungen erreichen könne, wenn die Geldpolitik von anderen Massnahmen flankiert werde. Sie erwähnte dabei explizit die Fiskalpolitik – bislang ein Hoheitsgebiet der nationalen Regierungen.

In den USA ist ebenfalls eine solche Debatte mit einer ähnlichen Stossrichtung wie in Europa entbrannt. Dass diese Diskussionen derzeit so ausgiebig geführt werden ist kein Zufall. Denn beide Notenbanken haben angekündigt, ihre geldpolitische Strategie grundsätzlich zu überarbeiten und gegebenenfalls neu zu justieren. Das trübt zwar in der kurzen Frist die Visibilität, eröffnet mittel- und langfristig jedoch Opportunitäten.

Fazit

  • Ausgeprägter Zinsrückgang namentlich in den USA und der Schweiz.
  • Keine weitere Zinssenkung der US-Notenbank im November; EZB startete Nettoanleihenkäufe mit bislang höher als erwartetem Volumen.
  • Das Ergebnis der Debatte über die Zuständigkeiten der Notenbanken ist derzeit noch nicht absehbar.

Weitere Anlageklassen: OPEC-Förderkürzung lässt Ölpreise zwischenzeitlich steigen

Rohstoffe: Der Ölpreis entwickelte sich in den letzten Wochen relativ stabil. Anfang Dezember kam es allerdings zu einem etwas ausgeprägteren Anstieg auf etwa 65 US-Dollar pro Barrel für die Nordseesorte Brent bzw. auf knapp 60 US-Dollar für die nordamerikanische Sorte WTI. Der Grund ist im Wesentlichen in der unerwartet starken Kürzung der Fördermenge zu sehen, auf die sich das Ölkartell OPEC zusammen mit weiteren wichtigen Förderländern wie Russland geeinigt hat.

Dass der Ölpreis daraufhin nicht deutlicher gestiegen ist – am teuersten war Öl im laufenden Jahr im April, damals kostete ein Barrel jeweils rund zehn US-Dollar mehr –, ist vor allem mit der aktuellen Nachfragesituation zu erklären. Der bestimmende Faktor ist hier weiterhin der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Von dessen Fortgang hängt der Zustand der Weltwirtschaft entscheidend ab, und damit auch die Nachfrage nach Rohöl. Der globale konjunkturelle Abschwung drückt ebenfalls auf die Preise.

Unspektakulär war auch die Entwicklung des Goldpreises. Seit Ende Sommer bewegt er sich um 1500 US-Dollar je Feinunze herum, nachdem er im vergangenen Jahr sowie noch in der ersten Jahreshälfte 2019 ein starkes Rally hingelegt hatte. Zuletzt fehlte dem Edelmetall die Nachfrage von Anlegern, die sichere Häfen suchen.

Cat Bonds: Der Markt für Katastrophen-Anleihen (Cat Bonds) zeigte in den vergangenen Monaten eine starke Kursperformance. Die Anlageklasse profitierte insbesondere vom Ausbleiben schwerer Wirbelstürme im Atlantik; mittlerweile ist die Hurrikan-Saison vorbei. Dies führte dazu, dass die saisonalen Preisanstiege überdurchschnittlich hoch ausgefallen sind. Leicht eingetrübt war hingegen die Performance in Bezug auf das Taifunrisiko in Japan, wo auch dieses Jahr die Aktivität relativ hoch war. Es wurden jedoch keine ausstehenden Bonds durch die Taifune Faxai und Hagibis getriggert. Die massiven Waldbrände in Kalifornien hatten ebenfalls keinen signifikanten Einfluss auf die Cat-Bond-Preise.

Die Emissionsaktivität hat in diesem Segment in den letzten Wochen saisonal bedingt angezogen. Gewisse Prämienanstiege sind bereits sichtbar und belasten die Sekundärmarktpreise. Es ist damit zu rechnen, dass es auch in 2020 bei den Erneuerungsrunden zu Prämienanstiegen kommen dürfte. Dies würde dann zu einer entsprechenden Kursvolatilität bei den ausstehenden Cat Bonds führen. Das Prämienniveau ist mittlerweile sehr attraktiv und die erwartete Prämienentwicklung verspricht eine interessante Rendite in den kommenden Jahren für die Anleger.

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