Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 12. Juni 2019

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Anleger schalten in "Risk-off"-Modus wegen Eskalation im Handelskonflikt

Die Verschärfung des Handelskonflikts hat den Investoren in den vergangenen Wochen auf die Stimmung geschlagen. Die ausgeprägte Risikofreude, die vor allem an den Aktienmärkten zu einer starken Entwicklung geführt hatte, kippte Anfang Mai ins Gegenteil um: Risiken wurden verringert, sichere Häfen angesteuert.

Seit Anfang Mai hält die Angst vor geopolitischen Verwerfungen und die Gefahr einer daraus resultierenden Abschwächung der globalen Konjunktur die Anleger in Atem. Der Auslöser war die völlig überraschende Ausweitung von Sonderzöllen auf Wareneinfuhren aus China durch die US-Regierung. Seitdem dreht sich die Eskalationsspirale zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt immer weiter. Ob es unter diesen Voraussetzungen Ende Juni zu einem Treffen zwischen Trump und dem chinesischen Regierungschef Xi Jinping am G-20 Gipfel in Japan kommen wird – und einer erhofften Lageberuhigung – scheint aus heutiger Sicht zumindest fraglich.

Nebst diesen geopolitischen Risiken hat sich auch das globale Konjunkturbild eingetrübt. Sorgen bereitet hierbei insbesondere der Industriesektor, für den die Frühindikatoren eine weiterhin sehr schwache Entwicklung andeuten. Beunruhigend ist ausserdem, dass die weltweite Wachstumsverlangsamung nun offensichtlich auch die USA erreicht hat. Dort ist zudem der jüngste Arbeitsmarktbericht durchwachsen ausgefallen. Es herrscht zwar weiterhin nahezu Vollbeschäftigung, jedoch hat die US-Wirtschaft im Mai deutlich weniger neue Stellen geschaffen als von Analysten erwartet. Zudem wurden die Zahlen für April und März deutlich nach unten revidiert.

Einen neuen Ton setzten Vertreter der US-Notenbank Fed beim Thema Zinsen. Fed-Präsident Jerome Powell und dessen Kollege James Bullard hatten im Juni die Tür für sinkende Leitzinsen geöffnet (mehr dazu im Abschnitt Aktien). Seit vielen Wochen und Monaten gab es an den Finanzmärkten bereits Spekulationen in diese Richtung, wie sich an Zinskontrakten ablesen lässt. Auch die seit Jahresbeginn zu beobachtende Talfahrt bei den Anleihenrenditen (siehe Grafik), die sich aufgrund der Zuspitzung im Handelskonflikt jüngst sogar noch beschleunigt hat, kann vor diesem Hintergrund so interpretiert werden, dass die Investoren einen solchen Schritt bereits vorweggenommen haben. Denn in einem Umfeld sinkender Zinsen bzw. in Erwartung eines solchen Szenarios werden diejenigen Obligationen attraktiver, die bereits mit höheren Verzinsungen emittiert wurden. Folglich steigen die Anleihenkurse und die Renditen fallen.

Fakt ist jedenfalls, dass der Zinsrutsch für weitere Unsicherheit sorgt. Denn wenn die Faustregel zutrifft, dass die Anleiherenditen von Ländern mit hoher Bonität, wie beispielsweise die Schweiz und Deutschland, dem erwarteten Wirtschaftswachstum entsprechen, ist das Risiko einer Rezession gestiegen. In verschiedenen Medienberichten wurde bereits – und zum wiederholten Male – ein Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Bullenmarkts an den Aktienmärkten ausgerufen. Doch diese Panikmache halten wir für unangebracht. Mit Blick auf die entsprechenden Volatilitätsindizes, die im Bereich ihrer langjährigen Durchschnitte notieren, sehen das offensichtlich auch die meisten Investoren so. Doch eine gewisse Vorsicht scheint durchaus angebracht, was für eine defensive Positionierung spricht.

Fazit:

  • Im Mai haben die Investoren in den „Risk-off“-Modus geschaltet, weil der Handelskonflikt zwischen den USA und China überraschend eskaliert ist.
  • Nebst geopolitischen Risiken drückten auch schwache Konjunkturdaten auf die Anlegerstimmung.
  • Die Ängste vor einem wirtschaftlichen Abschwung und einer grösseren Korrektur am Aktienmarkt halten wir für übertrieben. Allerdings ist Vorsicht geboten, eine defensive Ausrichtung im Portfolio angebracht.
Handelskonflikt drückt Renditen auf Tiefstände
Die Suche nach Sicherheit drückte die Renditen von Staatsanleihen der Schweiz, Deutschlands und insbesondere der USA nach unten.
Handelskonflikt drückt Renditen auf Tiefstände

Quelle: Bloomberg

Aktien: Über Schutzzölle wird weiter gestritten – der Mai ist bislang kursschwächster Monat 2019

Anfangs Mai verzeichneten die Aktienmärkte weltweit deutliche Abgaben, ausgelöst durch eine Eskalation im Handelskonflikt zwischen den USA und China. Markante Rückschläge über alle Regionen und Sektoren hinweg beherrschten auch den Rest des Anlagemonats, nachdem sich die Unstimmigkeiten zwischen den Kontrahenten weiter akzentuierten. China drohte mit Zollerhöhungen auf US-Warenlieferungen, die USA belegten den chinesischen Technologiekonzern Huawei mit Sanktionen, die chinesische Führung wiederum brachte eine Exportbeschränkung von seltenen Metallen ins Spiel. Nebst dieser neuen Dimension im Handelsstreit (Ausweitung auf nichttarifäre Handelshemmnisse) trübte auch eine geografische Ausweitung (Trump nahm Mexiko, Indien und einmal mehr die EU ins Visier) die Anlegerstimmung deutlich und drückte die Aktienkurse vollends in den negativen Bereich.

Die sinkenden Einkaufsmanagerindizes zeigen sich inzwischen auch in den realwirtschaftlichen Daten. Bis anhin dynamische Volkswirtschaften wie Deutschland, die Schweiz und die USA veröffentlichten Werte für den Industriesektor, welche sich nun nicht mehr im Expansionsbereich befinden. Obschon die Gewinnzahlen der Unternehmen im ersten Quartal noch gut waren, der Ausblick für das zweite und das dritte Quartal sieht deutlich durchzogener aus.

Auch die Schweiz kann sich der globalen Wachstumsverlangsamung sowie der handelspolitischen Debatte nicht entziehen. Der Effekt dürfte sich im Industriebereich am stärksten materialisieren, während die Dienstleistungssektoren vorerst noch wenig reagieren und damit stützend bleiben dürften. Allerdings ist die Schweizer Wirtschaft im ersten Quartal mit einem Plus von 1,7 Prozent überraschend stark gewachsen (im Vorjahresvergleich). Dieser positiven Entwicklung stehen jedoch Veränderungen in den wichtigen Stimmungs- und Vorlaufindikatoren gegenüber. Nebst dem bereits erwähnten Einkaufsmanagerindex signalisiert auch das KOF-Konjunkturbarometer eine Wachstumsabschwächung im zweiten Quartal.

Dass sich Aktienanleger stark an die Hoffnungen für eine länger dauernde geldpolitische Unterstützung klammern, zeigte die Reaktion der US-Aktienindizes auf eine Rede von Jerome Powell. Der Chef der US-Notenbank deutete implizit an, dass Leitzinssenkungen in naher Zukunft nicht ausgeschlossen werden. Zuvor hatte ein weiteres Fed-Mitglied (James Bullard) ins gleiche Horn gestossen, indem er erklärte, angesichts der steigenden Risiken für das US-Wirtschaftswachstum könnte eine Zinssenkung "bald" erforderlich sein. Diese Stellungnahmen hatten die Aktienkurse wieder etwas beruhigt.

Aus charttechnischer Sicht hat der MSCI World Anfang Juni das Initialkursziel von 2‘040 Punkten erreicht und konnte sich seither wieder etwas erholen. Solange der Markt die Unterstützungszone um 2‘000 Punkte halten kann, erhält er sich die Chance, nochmals einen Anlauf auf die bisherigen Allzeithöchststände zu unternehmen. Da die Indikatoren im Wochenchart zunehmend Schwäche signalisieren, ist die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario jedoch nicht sonderlich hoch. Sollte die Unterstützungszone fallen, ist eine Fortsetzung der Marktschwäche zu erwarten. In diesem Fall wäre ein Wiedersehen mit den Tiefstkursen aus dem Dezember 2018 keine Überraschung. Aufgrund dieser Ausgangslage ist weiterhin eine vorsichtige Portfoliopositionierung angezeigt.

Fazit:

  • Der Handelsstreit sorgte im Mai für einen relativ ausgeprägten Kursrutsch, wobei der Schweizer Aktienmarkt aufgrund der defensiven Schwergewichte glimpflich davon kam.
  • Frühindikatoren deuten auch für nahezu alle Volkswirtschaften einen Rückgang der Industrieaktivität an.
  • In diesem angespannten Marktumfeld hatten Äusserungen hin zu einer neuerlichen geldpolitischen Lockerung eine die Aktienkurse stützende Wirkung.

Zinsen: Deutlicher Rückgang nachdem sich handelspolitische Unsicherheiten verstärkt hatten

Deutlich reagiert hatten auch die Staatsanleihenmärkte auf die weiteren Ereignisse im Handelsdisput. Nebst Gold, Franken und Yen als sichere Häfen, waren auch Staatsanleihen deutlich gefragt. Die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen bewegten sich rasant in Richtung ihrer Tiefststände, deutsche "Bunds" markierten sogar einen historischen Tiefstwert. Ähnlich wie in den Aktienmärkten, sind auch im Anleihenmarkt die Schwankungen stark. Die hohe Sensitivität auf Marktereignisse zeigt, dass es derzeit viele Fragezeichen gibt. Bei den Zinsmärkten ist es die weitere Gangart in der Geldpolitik. Von den Notenbanken wird erwartet, dass sie weiterhin geduldig vorgehen und damit die Wirtschaft bestmöglich stützen.

Im Juni hatte die Fed bereits zu Beginn des Monats erste Hinweise zum weiteren geldpolitischen Vorgehen gegeben. In einer Rede schloss Jerome Powell die Möglichkeit von Leitzinssenkungen im Jahr 2019 nicht aus. Der Markt rechnet bereits seit ein paar Wochen vermehrt mit Senkungen des Leitzinses. Die für die Notenbank relevanten Ziele – Wachstum, Inflation und Arbeitsmarkt – zur Steuerung der Geldpolitik rechtfertigen einen Zinsschritt nach unten jedoch nicht. Mögliche Details zu ihrem weiteren Vorgehen werden am Fed-Meeting vom 19. Juni erwartet. Dann werden auch die Erwartungen der einzelnen Fed-Mitglieder veröffentlicht (sog. "Dot Plots"), was ebenfalls mehr Klarheit schaffen könnte.

Die EZB hat an ihrer geldpolitischen Sitzung Anfang Juni ihren Zinsleitpfad, die sogenannte "forward guidance", ein weiteres Mal nach hinten verschoben. Angesichts wachsender Risiken für die Konjunktur steht eine mögliche Zinserhöhung frühestens Mitte 2020 auf dem Programm. Zuvor war die EZB noch von Anfang 2020 ausgegangen. EZB-Präsident Mario Draghi bekräftige ausserdem, dass die EZB trotz Negativzinsen noch "erheblichen" geldpolitischen Spielraum habe. Mit der SNB, der Bank of England und der Bank of Japan stehen im Juni noch drei weitere Notenbanktreffen an. Damit dürfte bis Ende Juni etwas mehr Gewissheit über den weiteren geldpolitischen Verlauf bestehen.

Nachdem die Risikoaufschläge lange Zeit kaum auf das negativ geprägte Sentiment am Markt reagiert hatten, spiegeln inzwischen auch sie die erhöhte Unsicherheit am Markt. Am stärksten ist dieser Anstieg der Risikoprämie im US-Markt. Die Sorgen bezüglich des Handelsstreits bedeuten damit für das Segment der Hochzinsanleihen ebenfalls schwankungsreiche Anlagewochen.

Fazit:

  • Nebst Gold, Franken und Yen, waren vor allem Staatsanleihen als sichere Häfen gefragt, was deren Renditen auf Tiefstände trieb.
  • Ob die Leitzinsen in den USA nach oben oder nach unten angepasst werden oder ob sie auf dem jetzigen Niveau belassen werden ist erst nach weiteren Konjunkturdaten und erfolgten Notenbanktreffen besser einzuschätzen.
  • Während globale Staatsanleihen vom unsicheren Marktumfeld profitieren, ist die aktuelle Lage für Hochzins- und Wandelanleihen herausfordernd.

Weitere Anlageklassen: Ölpreis auf Viermonatstief

Rohstoffe: Bis auf Gold kämpften die Rohstoffe ebenfalls mit den Auswirkungen der handelspolitischen Erschwernisse. So setzte der Bloomberg Commodity Index, ein wichtiges Barometer für die Entwicklung an den Rohstoffmärkten, die bereits im April eingeleitete Talfahrt in der Tendenz bis Anfang Juni fort, als ein Mehrjahrestief erreicht wurde. Gegenüber dem Jahreshoch von Anfang April verlor der Index rund 7 Prozent.

Zu reden gab vor allem die Entwicklung der Ölpreise. So sind die Notierungen für die Nordseesorte Brent sowie für die amerikanische Sorte WTI auf ein Viermonatstief abgerutscht. Treiber dürfte dieses Mal eher die Nachfrageseite gewesen sein: Aufgrund der vom US-chinesischen Handelsstreit ausgelösten konjunkturellen Ängste besteht die Sorge vor einer deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft und einer sinkenden Rohölnachfrage. Doch auch auf der Angebotsseite bleibt die Lage angespannt. Denn die US-Sanktionen gegen den Iran, die Krise in Venezuela und die OPEC-Beschlüsse zu Förderkürzungen schmälern das Ölangebot seit Monaten.

Dass Industriemetalle den Befürchtungen um realwirtschaftliche Effekte mit Preisrückgängen begegnen, war eine logische Konsequenz. Und dass Gold wegen der höheren Marktverunsicherung an Wert zulegte, erstaunt ebenso wenig. Doch auf der Verliererseite fanden sich eben auch die bereits erwähnten Energierohstoffe, die sich zuvor noch daran machten, ihr Preisniveau definitiv auszureizen.

Cat Bonds: Die höheren Versicherungsprämien bei den erneuerten Cat Bonds gingen mit Schwankungen am Sekundärmarkt einher. Einzelne Cat Bonds kamen zudem durch höhere geschätzte Schäden in Bezug auf vergangene Ereignisse unter Druck. Das Erdbeben in Peru hat bei einer Anleihe zum Verlust von 30 Prozent geführt. Damit hat sich die Anlageklasse im Mai unterdurchschnittlich entwickelt. Die angestiegenen Versicherungsprämien bieten allerdings eine attraktive Risikoentschädigung für die kommenden Monate.

Diese Seite teilen