Was die Märkte bewegt

Newsletter vom 9. Oktober 2019

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Konjunktursorgen bremsen Aktienmärkte aus

An den internationalen Finanzmärkten hatten in den vergangenen Wochen mehrheitlich die Optimisten die Oberhand. Die Aktienmärkte in den grossen Industrieländern legten nach der Verschnaufpause im August im September wieder leicht zu. Der Schweizer Leitindex SMI erreichte zwischenzeitlich sogar ein neues Rekordhoch. Gegen Ende Monat und insbesondere in den ersten Oktobertagen machte sich aber eine eher verhaltene Börsenstimmung breit.

Der Grund dafür dürfte vor allem in den USA liegen. Dort hatten enttäuschende Konjunkturdaten bereits bestehende Sorgen über eine sich abschwächende Wirtschaft verstärkt. Dass der amerikanische Produktionssektor nicht mehr ganz auf Touren läuft, dafür gab es bereits erste Hinweise. Die letzte Datenerhebung im verarbeitenden Gewerbe bestätigte diese Tendenz. Zudem scheint nun auch der für die USA so bedeutende Dienstleistungssektor zu schwächeln. So fiel der Einkaufsmanagerindex des Forschungsinstituts ISM für diesen Sektor im September mit 52.6 Punkten auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Das ist insofern enttäuschend, als bisher viele Analysten gehofft hatten, dass sich Schwächen im Produktionsbereich durch eine robuste Nachfrage im Dienstleistungssektor ausgleichen liessen. Das scheint nun zumindest fraglich zu sein.

Zu einer erstaunlichen Bewegung kam es bei den Renditen von Staatsanleihen. Wurden in der Schweiz und in Deutschland bei Laufzeiten von zehn Jahren im August noch neue Allzeit- und in den USA neue Mehrjahrestiefs markiert, so folgte Anfang September eine starke Gegenbewegung. Diese war jedoch nicht von langer Dauer, denn sie endete bereits in der Mitte des Monats wieder abrupt (siehe Grafik). Der Startschuss für den erneuten Zinsrückgang wurde vor allem durch die schwachen Einkaufsmanagerindizes in Europa und den USA ausgelöst.

Es scheint sich zwar immer deutlicher abzuzeichnen, dass die wirtschaftlichen Expansionsraten der vergangenen Jahre nicht mehr zu erreichen sind. Gleichwohl sind noch keine Anzeichen einer Rezession auszumachen. Weder in den USA noch in der Eurozone, wo die konjunkturelle Dynamik schon seit längerem hinter jener in den USA zurückbleibt. Vielmehr dürfte die Weltwirtschaft auch in den kommenden zwei Jahren wachsen, wenn auch auf niedrigerem Niveau.

Das deutet darauf hin, dass die Zinssenkungsphantasien einiger Investoren während der Sommermonate übertrieben gewesen sein dürften. Der zwischenzeitliche Renditeanstieg ist als Ausgleichsbewegung zu diesen übertriebenen Erwartungen zu sehen.

Die geopolitische Grosswetterlage blieb in den vergangenen Wochen angespannt. Im Handelsstreit zwischen den USA und China ist eine Lösung weiterhin nicht absehbar. Die beiden Handelspartner werden sich im Oktober zu erneuten Gesprächen treffen. Die WTO hat den USA grünes Licht gegeben, auch Sonderzölle auf Waren aus der Eurozone einzuführen. Gemäss aktuellem Stand werden ab Mitte Oktober zahlreiche europäische Agrar- und Industriegüter mit Aufschlägen von 25 Prozent und Flugzeuge (Airbus) von 10 Prozent belegt. An den europäischen Aktienmärkten hinterliess die Ankündigung kaum Spuren, was wohl auch daran liegen dürfte, dass die US-Zölle weniger drastisch sind als ursprünglich angedroht. So ist beispielsweise der für die Eurowirtschaft sehr wichtige Automobilsektor von den Sonderzöllen nicht betroffen.

Neben der regionalen Ausweitung des Handelskonflikts und dem nicht enden wollenden innenpolitischen Brexit-Patt in Grossbritannien sorgen auch die angespannte Lage am Persischen Golf sowie das von den Demokraten angestrebte Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump für eine gewisse Unruhe und Unsicherheit an den Finanzmärkten. In diesem Umfeld bleibt eine defensive Ausrichtung des Portfolios angezeigt.

Fazit

  • Positive Entwicklung an den wichtigsten Aktienmärkten der Welt im September, SMI erklimmt neues Rekordhoch.
  • Sorgen über die weitere Entwicklung der bislang robusten US-Konjunktur führten zu einem erneuten Renditerückgang von 10-jährigen Staatsanleihen.
  • Die geopolitischen Risiken drückten zwar in den vergangenen Wochen auf die Anlegerstimmung. Doch stärkere Auswirkungen auf die Finanzmärkte sind bisher ausgeblieben.
Langfristige Zinsen seit Jahresbeginn stark unter Druck
Im August haben die 10-jährigen Zinssätze in der Schweiz und Deutschland neue Allzeittiefststände erreicht. Selbst in den USA sind die Zinsen auf ein Mehrjahrestief gefallen. Hauptgrund dafür sind die Aussagen und Massnahmen der wichtigsten Notenbanken.
Langfristige Zinsen seit Jahresbeginn stark unter Druck

Quelle: Bloomberg, Daten per 07.10.2019

Aktien: Preisentwicklungen weiterhin vom Newsflow getrieben

Hoffnungen auf Fortschritte im Handelskonflikt zwischen den USA und China haben im September zusammen mit der stützenden Geldpolitik für ruhigere Aktienmärkte gesorgt. Den Märkten gelang eine Fortsetzung des positiven Trends der letzten Augustwoche. Dabei konnten die vormonatlichen Verluste wieder aufgeholt werden.

Die globale Wachstumsverlangsamung hat im Geschäftsgang der Unternehmen ihre Spuren hinterlassen. So hat das KOF seine Prognose für das BIP-Wachstum im 2019 auf 0.9 Prozent gesenkt. Noch im Juni ging sie von einem Wachstum von 1.6 Prozent für dieses Jahr aus. Dafür blickt das Amt optimistischer ins nächste Jahr. Für 2020 wird unter der Annahme, dass sich die Handelskonflikte nicht verschärfen und der Brexit nicht ungeregelt über die Bühne geht, ein Wachstum der Wirtschaft von 1.9 Prozent prognostiziert.

Gegen Monatsende liess die Dynamik der Aktienkurse wieder nach, sodass die meisten Märkte die bisherigen Jahreshöchststände nicht übertreffen konnten. In den letzten Tagen sorgten schwächere Konjunkturdaten in den USA für erneuten Abgabedruck. Die hohe Sensitivität gegenüber der Nachrichtenlage spricht nach wie vor für eine defensive Portfolioausrichtung.

Weitere Unsicherheitsfaktoren sind unter anderem die Risiken, welche sich aus einem ungeregelten Brexit ergeben, die Spannung im Mittleren Osten sowie die erfolgte Wiederaufnahme des Amtsenthebungsverfahrens gegen den US-Präsidenten. Letzteres spielt jedoch lediglich eine Rolle, weil es die Märkte verunsichert. Zu einer direkten Amtsenthebung ist es bislang noch nie gekommen, was die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario deutlich reduziert.

Aus charttechnischer Sicht verbleibt der MSCI World im neutralen Kursbereich zwischen 2250 und 2000 Punkten. Mit dem erneuten Test der Juli-Höchststände und der nachfolgenden Kursschwäche bestätigt der Markt die Ansätze einer Topbildung. Kurzfristig dürfte sich die Schwäche der letzten Wochen in Richtung der Unterstützungszone um 2000 Punkte fortsetzen. Danach ist es gut möglich, dass sich der Weltaktienindex erneut erholen kann. Solange der Markt nicht in der Lage ist, die bisherigen Allzeithöchststände nachhaltig zu überwinden, bleibt das technische Bild getrübt. Auf der anderen Seite würde ein Bruch der wichtigen Unterstützungszone ein klar negatives Signal aussenden. Alles dazwischen ist aus technischer Sicht neutral zu werten.

Fazit

  • Erholung der Aktienkurse bis Mitte September, danach erneute Schwächephase.
  • Mehrere Wirtschaftsinstitute senken ihre Prognosen für das Wachstum im 2019.
  • Der Nachrichtenfluss prägt die Entwicklung der Finanzmärkte weiterhin stark.

Zinsen: EZB und Fed beschliessen weitere Lockerungsmassnahmen

Die EZB senkte an ihrer letzten Sitzung im September wie erwartet den Einlagensatz für Banken um 10 Basispunkte auf -0.5 Prozent. Ab November 2019 wird zudem ein neues Anleihenkaufprogramm mit monatlichen Nettoinvestitionen von 20 Milliarden Euro aufgelegt. Wann dieses "Quantitative Easing II" enden wird, lässt die EZB offen. Sie zeigt sich auf jeden Fall bereit, die Zinsen auf den tiefen Niveaus zu belassen, bis sich die Inflation als "robust" genug präsentiert.

Eine Woche darauf senkte die amerikanische Notenbank Fed den Leitzins zum zweiten Mal in diesem Jahr. Damit liegt das Zielband nun bei 1.75-2.0 Prozent, was vom Markt auch so erwartete wurde. Der weitere Verlauf des Zinspfades lässt sich aktuell nur schwer einschätzen, da die Meinungen der FOMC-Mitglieder teils stark auseinandergehen.

Nur einen Tag nach der Fed-Sitzung setzte sich die Schweizerische Nationalbank zusammen. Am Treffen fasste sie den Beschluss, den Freibetrag, zu welchem sich Banken Geld leihen können, zu erhöhen. Damit müssen sie ab November erst ab dem 25fachen der Mindestreserve (bisher 20faches) Negativzinsen bezahlen. Mit der geplanten Massnahme werden die Banken entlastet, ohne dass dafür der Leitzins erhöht werden müsste.

Vom grundsätzlich moderaten Aktienmarktverlauf profitierten die Wandelanleihen auch im September. Die Emissionstätigkeit von Investment Grade- und Hochzinsanleihen bleibt weiterhin hoch, wird dank der hohen Nachfrage am Sekundärmarkt jedoch gut absorbiert. Dementsprechend bewegen sich die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen weiterhin auf tiefen Niveaus.

Fazit

  • Die Schwankungen an den Anleihenmärkten halten auch im September und Oktober an.
  • Wie erwartet, senken die Fed und die EZB die Leitzinsen. Dabei scheint sich die EZB mit dem angekündigten Anleihenkaufprogramm noch etwas expansiver als ihr US-amerikanisches Pendant zu positionieren.
  • Die SNB führt zwar keine direkten Lockerungsmassnahmen durch, gewährt den Banken mittels eines höheren Freibetrages jedoch etwas Entlastung.

Weitere Anlageklassen: Angriff auf Öl-Infrastruktur führt zu sprunghaftem Preisanstieg

Rohstoffe: Die sich häufenden Daten zur schwachen Konjunkturentwicklung führten bei den konjunktursensitiven Rohstoffen zu Verlusten. Davon betroffen sind Energiewerte und Industriemetalle. Auch wenn sie zuletzt wieder leicht in den Hintergrund gerückt sind, spielen die politischen Risiken um den Iran beim Öl zusätzlich zur Wachstumsschwäche eine Rolle. Inzwischen hat Saudi-Arabien seine Öl-Infrastruktur offenbar repariert, was die Angebotssituation für Öl wieder verbessert. Der Preis für Brent ist seit dem Drohnen-Angriff wieder gesunken. Auch Rohöl der Sorte WTI ist wieder günstiger geworden.

Der Preis für Gold lässt sich von der Nachrichtenlage (Handelskonflikt, Konjunkturlage, Finanzmärkte) treiben und bewegt sich um 1500 US-Dollar je Unze. Für die kurzfristige Kursentwicklung von Gold bleibt der Widerstand bei 1550 US-Dollar wichtig. Erst wenn diese Kursmarke überwunden werden kann, ist mit einer Fortsetzung des Aufwärtstrends zu rechnen.

Cat Bonds: Die Naturkatastrophen-Aktivität ist im Jahresverlauf relativ gering ausgefallen. So sind schlimme Naturkatastrophen grösstenteils ausgeblieben, was die Versicherungsschäden im Zaum gehalten hat. Der Wirbelsturm Dorian ist nicht auf Land getroffen und von Taifun Faxai, welcher in der Nähe von Tokyo Landfall machte, werden keine übermässigen Schadenmeldungen erwartet. Beides hat dazu geführt, dass die Preise von Cat Bonds nicht negativ belastet wurden. Die Anlageklasse profitierte im September zusätzlich vom saisonal getriebenen Rückgang der Risikoprämien. In den nächsten zwei Monaten dürfte sich die Wirbelsturm-Aktivität zurückbilden, was eine positive Entwicklung der Anlageklasse erwarten lässt.

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