Tiefe Zinsen fordern Anleger heraus

Basler Zeitung, 21.01.2012

Hausbesitzer sollten bei Hypotheken nichts überstürzen. Firmenanleihen sind Staatspapieren vorzuziehen.

Von Alessandro Miano, Niederlassungsleiter VZ VermögensZentrum Basel

Die schwache Konjunktur, die anhaltende Vertrauenskrise der Banken sowie der nach wie vor enorme Finanzierungsbedarf gleich mehrerer Staaten sprechen nicht für ein baldiges Ende der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken. Die Zinsen werden aus diesem Grund wohl noch während längerer Zeit extrem tief bleiben.

Diese Situation stellt Privatanleger vor grosse Herausforderungen. Ein weiterer Rückgang der Obligationenrenditen ist kaum mehr möglich. Das bedeutet, dass die Ertragsaussichten von Obligationen unattraktiv geworden sind, während die Risiken dieser Anlagen zunehmen.

Verkaufsdruck auf Staatsanleihen

Das Sicherheitsbedürfnis der Investoren drückt vor allem die Zinsen langfristiger Anleihen solventer Staaten nach unten. Sobald wieder etwas Vertrauen zurückkehrt, dürften diese Papiere unter Verkaufsdruck geraten. Anleger sollten daher lieber auf längere Laufzeiten verzichten, als Zinsen nachzujagen, die ein paar Promille höher sind. Anleihen von Unternehmen mit soliden Bilanzen bieten risikobereinigt etwas mehr Rendite und sind deshalb Staatspapieren vorzuziehen.

Entscheidend ist der reale Zins

Wichtiger als der Nominalzins ist bei Zinsanlagen der Realzins. Das ist der Ertrag, der den Anlegern nach Abzug der Inflation bleibt. Für das laufende Jahr rechnet die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit einem Rückgang der Inflationsrate auf -0,3 Prozent, also mit einer leichten Deflation. Bei einem Nominalzins von rund 0,7 Prozent - wie aktuell für 10-jährige Bundesobligationen - ergibt das einen Realzins von einem Prozent. Solange die Inflation nicht anzieht, bleibt nach Abzug der Einkommens- und Vermögenssteuern zumindest die Kaufkraft des investierten Geldes in etwa erhalten.

Zum Vergleich: Im Jahr 2007 war der Realzins einer 10-jährigen Bundesobligation mit durchschnittlich 0,45 Prozent noch tiefer als heute, obwohl die nominale Rendite damals rund 2,85 Prozent betrug. Heute oft um ein Mehrfaches höher als die Renditen von Anleihen sind die Dividendenausschüttungen von Aktien. Aktien sind im historischen Vergleich zurzeit günstig bewertet.

Firmen, die über intakte Absatzmärkte und zudem über überzeugende Produkte oder Dienstleistungen verfügen, können auch bei einem bescheidenen  Wirtschaftswachstum ihre Gewinne ausbauen und sogar hohe Dividenden zahlen. Bevor Anleger jedoch von Obligationen auf riskantere Anlageformen umsteigen, sollten sie prüfen, ob ihre Risikobereitschaft und ihre Wertschwankungsreserven eine risikoreichere Anlagestrategie zulassen.

Günstige Liborhypotheken

Von den tiefen Zinsen profitieren Immobilienbesitzer, die Hypotheken heute zu traumhaft günstigen Konditionen erhalten. Das gilt insbesondere für Geldmarkthypotheken (auch Liborhypotheken genannt), die bei einigen Anbietern weniger als ein Prozent kosten.

Doch auch Festhypotheken sind heute so günstig zu haben wie noch nie: Banken bieten fünfjährige Festhypotheken derzeit für 1,5 bis 1,9 Prozent an. Unter der Zwei-Prozent-Marke liegen Festhypotheken mit siebenjähriger Laufzeit, und selbst zehnjährige Laufzeiten kosten nur 2,2 bis 2,7 Prozent. Gerade weil die Zinsen derzeit so tief sind, sollte man einen ruhigen Kopf bewahren und sich Zeit nehmen, die richtige Hypothekarstrategie zu finden.

Grosses Sparpotenzial

Bei einer Differenz zwischen den Zinssätzen für Geldmarkthypotheken und 10-jährigen Festhypotheken von bis zu 1,5 Prozent ist das Sparpotenzial, das sich mit der Wahl des richtigen Hypothekarmodells beziehungsweise des richtigen Laufzeiten-Mix realisieren lässt, weiterhin sehr gross. Falls die Zinsen in den kommenden zehn Jahren unverändert bleiben, kostet eine 10-jährige Hypothek über 500 000 Franken insgesamt 75 000 Franken mehr als eine Geldmarkthypothek in gleicher Höhe.

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