Keine hohen Risiken mehr eingehen
St. Galler Tagblatt, 12.05.2010
Die Folgen der Finanzkrise werden die Börsen noch über Jahre beschäftigen. Anleger sollten die Lehren aus der Krise ziehen und es vermeiden, nochmals dieselben Fehler zu begehen.
Von Thomas Schönbucher, Leiter Region Ostschweiz, VZ VermögensZentrum St. Gallen
Das weltweite Finanzsystem stand nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 vor dem Zusammenbruch. Die Regierungen und Notenbanken haben mit ihren Billionen-schweren Hilfspaketen zwar eine Katastrophe gerade noch abgewendet und die Finanz- und Kreditmärkte stabilisiert. Viele Anleger leiden aber noch heute unter massiven Verlusten.
Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise flüchteten viele panikartig aus Aktien und Unternehmensanleihen. Inzwischen sind einige Anleger wieder eingestiegen; die meisten aber relativ spät, nachdem sich die Kurse bereits wieder zu einem guten Teil erholt hatten. Andere sind immer noch so verunsichert, dass sie es nicht wagen, sich neu zu engagieren.
Risiken besser kontrollieren
Nun bringt es herzlich wenig, erlittene Verluste zu beklagen. Viel wichtiger sind die Lehren, die Anleger aus der Krise ziehen sollten. Dabei geht es vor allem darum, die Risiken, mit denen Wertschriftenanlagen unweigerlich verbunden sind, künftig besser kontrollieren zu können.
Mit einer angemessenen Diversifikation über Branchen und Länder lässt sich das Risiko von Aktienanlagen deutlich senken. Und es empfiehlt sich, neben der Entwicklung der Konjunktur und der Unternehmensgewinne auch die Entwicklung der Volatilität (Kursschwankungen) zu beobachten. Einer stärkeren Korrektur an den Aktienmärkten geht meist ein drastischer Anstieg der Volatilität voraus. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise lag die Volatilität an vielen Börsen rund viermal so hoch wie üblich.
Transparente Produkte bevorzugen
Anleger sollten zudem nur in Anlagen investieren, deren Funktionsweise sie verstehen. Viele Privatanleger haben in den letzten Jahren gegen diesen Grundsatz verstossen und zum Beispiel in strukturierte Produkte investiert, auf denen sie unerwartet grosse Verluste erlitten haben.
Die Risiken lassen sich bei vielen dieser Produkte – anders als beispielsweise bei Anlagefonds – nur schwer einschätzen, und auch die Kosten sind oft nicht transparent. Bankberater mögen mitverantwortlich sein, doch die beste Beratung und das grösste Vertrauen entbinden den Privatanleger nicht davon, Anlageempfehlungen kritisch zu hinterfragen. Schliesslich trägt er das Risiko und nicht die Bank.
Bei Anlegern setzt sich angesichts der grossen Verluste auch immer mehr die Erkenntnis durch, dass Gebühren den Anlageerfolg erheblich schmälern bzw. Verluste vergrössern können. Viele wechseln ihr Depot deshalb zu einer Bank mit deutlich günstigeren Depot- und Transaktionsgebühren. Die Gebühren lassen sich mit einem Bankwechsel nicht selten mehr als halbieren.
Auf solide Aktien setzen
Mit der Verbesserung der Unternehmensergebnisse kehrt bei Anlegern nach und nach die Risikobereitschaft wieder zurück. Ob der konjunkturelle Aufschwung der letzten Monate nachhaltig ist, muss sich allerdings erst noch weisen. Die Arbeitslosigkeit ist in vielen Ländern immer noch sehr hoch, was die Konsumlust dämpft – einen der wichtigsten Treiber der Konjunktur.
Die enorme staatliche und private Verschuldung wird die Märkte zudem noch einige Jahre begleiten. In so einem Umfeld sollten Anleger vor allem Aktien von Unternehmen bevorzugen, die besonders solide sind. Das sind in der Regel Unternehmen, die eher als defensiv gelten und eine hohe Dividende ausschütten.
Obligationen intensiv überwachen
Bei Obligationenanlagen sind die Zinsentwicklung, die Bonität des Emittenten und die Laufzeit des Wertpapiers entscheidend für den weiteren Kursverlauf. Die Krise bzw. deren Folgen haben eindrücklich gezeigt, dass sich die Bonität eines Obligationenschuldners rasch und schlagartig ändern kann.
Das bedingt, Obligationen genauso intensiv zu überwachen wie Aktien. Noch verharrt das Zinsniveau weltweit auf einem historischen Tief. Die Notenbanken der Industrienationen werden aber über kurz oder lang gezwungen sein, ihre Leitzinsen zu erhöhen. Obligationen mit sehr langer Restlaufzeit reagieren am stärksten auf steigende Marktzinsen. Es empfiehlt sich deshalb, die Laufzeiten kurz zu halten (drei bis maximal fünf Jahre) und Alternativen zu klassischen Obligationenanlagen zu prüfen.
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