Getrieben von Angst und Gier
Der Schweizerische Hauseigentümer, 15.06.2010
Spekulationsblase, Börsencrash, Kaufrally, Überhitzung, Spekulationsblase: Das Verhalten von Anlegern folgt wiederkehrenden Mustern.
Von Rolf Biland, Leiter Anlagestrategie beim VZ VermögensZentrum
Bei der Erforschung der Finanzmärkte haben Wissenschaftler die Anleger während Jahrzehnten als rein vernunftgemäss handelnde Marktteilnehmer gesehen. Finanzmärkte selbst galten deshalb als absolut effizient. Das heisst, die Kurse von Wertpapieren veränderten sich in den Augen der Forscher ausschliesslich aufgrund der verfügbaren Informationen. Spätestens seit der Finanzkrise hat dieses Bild von effizienten Märkten Kratzer abbekommen – weil sich damit die Bildung von Finanzblasen nicht erklären lässt.
Gemäss traditioneller Finanzmarkttheorie dürften gar keine Blasen entstehen, weil der Preis einer bestimmten Anlage sich nicht systematisch vom fundamentalen Wert dieser Anlage entfernen dürfte. Hier setzt die sogenannte Behavioral Finance an (deutsch etwa Anlageverhalten).
Dieser relativ junge Forschungsansatz betrachtet die Anleger als oft unvernünftig handelnde und von Gefühlen getriebene Marktteilnehmer. Er stützt sich dabei auch auf Erkenntnisse aus der Psychologie und der Soziologie. Mit Behavioral Finance lassen sich wichtige Verhaltensmuster beschreiben, die dem Anlageerfolg abträglich sind. Nachfolgend einige Beispiele.
Eine Auswahl falscher Verhaltensmuster
Selektive Wahrnehmung: Anleger mit diesem Verhaltensmuster nehmen vorwiegend jene Informationen wahr, die ihren eigenen Handlungen und Meinungen entsprechen. Sie suchen eine Bestätigung ihres Verhaltens. Informationen, die dazu im Widerspruch stehen, verdrängen sie.
Selbstüberschätzung: Viele Anleger überschätzen sich und ihr Anlagewissen konsequent. Sie trauen sich irrigerweise zu, künftige Ereignisse vorherzusagen. Das kann zu übermässigem Kaufen und Verkaufen von Titeln und zu Risikoblindheit führen.
Verfügbarkeit: Der Investor bildet sich seine Meinung aufgrund jener Informationen, die für ihn am leichtesten zugänglich und verständlich sind. Das sind nicht immer die wichtigsten Informationen. Dieses Verhalten kann zu falschen Schlussfolgerungen führen.
Adaption von Massen- oder Autoritätenmeinungen: Solche Anleger neigen dazu, Meinungsführern zu folgen. Von Gier getrieben und oft entgegen ihrer Überzeugung, rennen sie einem Trend hinterher und tragen so zur Bildung einer Blase bei, die in der Regel zum Platzen verurteilt ist. Und nach dem Platzen der Blase verkaufen sie in Panik und verstärken so den Abwärtstrend.
Verlustaversion: Wer ein solches Verhalten an den Tag legt, misst einem Verlust ein höheres Gewicht zu als einem Gewinn in identischer Höhe. Er leidet stärker unter einem Verlust, als dass er sich über einen Gewinn in gleicher Höhe freut, und tendiert deshalb dazu, Verluste auszusitzen statt sie zu realisieren und die frei werdenden Mittel in einen Titel mit mehr Potenzial zu investieren. Umgekehrt verkauft er im Plus liegende Titel zu schnell und verpasst so allenfalls weitere Gewinne. Somit maximiert er die Verluste und begrenzt die Gewinne. Eigentlich sollte das Gegenteil der Fall sein.
Übergewicht im Heimmarkt: Viele Anleger gewichten den Heimmarkt bei der Verteilung ihrer Investitionen überproportional. Sie unterliegen bei heimischen Titeln einer Kontrollillusion und bilden sich ein, die Kursentwicklung vorhersagen zu können.
Fehler erkennen und vermeiden
Behavioral Finance ersetzt die herkömmliche Fundamentalanalyse nicht, sie ergänzt sie lediglich. Sie erlaubt, das Geschehen an den Finanzmärkten besser zu verstehen und vorherzusagen. Im Idealfall erkennt der Anleger dank Behavioral Finance falsche Verhaltensmuster und vermeidet sie.
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